Reicht schon aus, den
Wikipediartikel zu lesen oder
Telepolis.
Bei Wikipedia steht davon nichts und den Telepolis-Artikel kann man in der Pfeife rauchen: der Autor des Artikels ist Eric Wagner, der quasi überall, wo man ihm eine Plattform bietet, sein Credo verkündet. Und dieses wiederum ist derzeit überall dasselbe. Herr Wagner ist gut darin, Verbindungen aufzuzählen - was allerdings weder ein journalistisches, noch ein investigatives, noch generell geistiges Kunststück ist, denn diese Verbindungen sind weder versteckt noch werden sie verschleiert, sondern sind öffentlich (unter anderen in der Wikipedia) einsehbar.
Allerdings versäumt er es nachhaltig darzulegen, geschweige denn zu belegen, inwiefern sich beispielsweise aus dem Engagement der Gates in zwei Projekten eine Verbindung zu Microsoft ergibt. Er behauptet es einfach, so nach dem Motto "Gates = Microsoft, das weiß doch jeder". Die einzige Verbindung besteht allerdings in einem - inzwischen überdies aufgegebenen - Verwaltungsratsposten. Und dieser bestand (Präteritum) in einem Gremium, dass zu jedem Zeitpunkt zwischen 10 und 15 gleichermaßen stimmberechtigte Mitglieder hat.
Interessanterweise geht aber nicht einmal Herr Wagner so weit zu behaupten, Immunitätsausweise wären gleichbedeutend mit einer Impfpflicht.
Um genau zu sein, äußert er nicht einmal irgendwo, dass Immunitätsausweise geplant wären, sondern stellt lediglich ein Pilotprojekt für einen digitalen Impfausweis (Du weiß schon, dass, was jeder Bundesbürger auf Papier mit sich herumschleppt, damit er nicht vergisst, was auch sein Hausarzt und seine Krankenkasse wissen ...) in Bangladesch vor und konzentriert sich ansonsten voll auf die oben genannte fadenscheinige Verbindung zu Microsoft als unterstellter wirtschaftlicher Nutznießer beim Hosting der geplanten Digitalen Identität.
Der komplette Twist findet in einem einzigen Satz statt: "Was hier schmackhaft gemacht wird, ist letztlich die schrittweise Übergabe aller unserer persönlichen Daten in die Hände transnationaler Konzerne, mit der langfristigen Zielstellung die nationale Identität durch eine globale, konzerngesteuerte zu verdrängen und die Kontrolle darüber bei einigen wenigen zu vereinigen."
Danach würde man jetzt üblicherweise darlegen, warum das so ist, aber mangels Substanz muss Herr Wagner ein wenig salbadern, indem er zwar einräumt, dass das das konzept zwar "technology- and vendor-agnostic", also unabhängig von Technologie und Anbieter wäre, aber natürlich das bloße Bekenntnis zum Konzept bereits eine Unterordnung unter die "Schlüsselstellung Gates' und seiner Partner" darstellen würde.
Das ist der Punkt, an dem sich *tatsächlich* aufmerksam mitlesende und mitdenkende Menschen fragen, ob der Autor nicht dringend an die frische Luft müsste.
Noch einmal zu Mitschreiben: Herr Wagner behauptet, dass ein explizit technologie- und anbieterunabhängiges Verfahren zwingend den wirtschaftlichen Interessen von Microsoft dienen muss, weil es vom Gründer von Microsoft in seiner Eigenschaft als als Privatmensch forciert wird. Und zwar deshalb, weil Bill Gates böse ist. Und böse ist er, weil er das macht, was ihm gerade unterstellt wurde. Ein Zirkelschluss par excellence und die Aluhut-Gemeinde erlebt einen kollektiven Orgasmus.
Und damit auch ja niemand auf den Gedanken kommt, diesen Hirnfurz auf sein medizinisch wirksamen Bestandteile zu analysieren, wird direkt im Anschluss noch einmal auf vermögende Philanthropen als solche eingetreten, da deren Erbsünde darin besteht, zuvor zu Geld gekommen zu sein, weshalb natürlich - Vorsicht, Sarkasmus - grundsätzlich ausgeschlossen ist, dass sie jemand ein anderes Ziel verfolgen könnten als die Bewahrung und Mehrung des eigenen Vermögens.
Da fühlt man sich versucht, in der selben Weise auch mal die Unterstellungskanone auszurichten: Vermutlich können sich Menschen, die es ohne Ziele selbst zu nichts gebracht haben gar nicht vorstellen, dass Geld für manche Leute eher nebensächlich sein könnte - also etwas, was quasi zwangsläufig mit dem Erfolg kommt, aber letztlich maximal ein Werkzeug ist, um weitere große Ziele zu erreichen, die man sich steckt. Dahinter würde dann selbstverständlich auch nicht unbedingter Altruismus, sondern auch eine gehörige Portion Ego stehen.
Aber selbst wenn Gates sich nur deshalb zum Rächer der Enterbten aufschwingt, damit sein Name auf ewig in die Annalen der Menschheitsgeschichte eingeht und dort noch zu finden ist, wenn niemand mehr weiß, ob man ein "Microsoft" essen kann, wäre das immer noch eine gleichermaßen plausible Motivation.
Ach so, und es kann natürlich durchaus sein, dass Bill Gates tatsächlich eine Art persönliches Erweckungserlebnis hatte und tatsächlich einfach nur Gutes tun will - und zwar mit Hilfe der Werkzeuge, mit denen er sich auskennt. Dann muss man zwar immer noch über Sinn und Risiken diskutieren, sollte allerdings von konstruierten Verschwörungen Abstand nehmen.
Gesichert ist derzeit nur, dass die Gates-Stiftung eine Menge Geld direkt ausgibt oder in andere Stiftungen und in NGOs pumpt, die sich dem Ziel verschrieben haben, die Welt ein bißchen besser und gerechter zu machen. Der Weg, den diese Organisationen dafür einschlagen, gehört grundsätzlich auf dem Prüfstand; fiebrige Spekulationen über möglicherweise davon abweichende Motive stören eher die klare Sicht auf die eigentlichen Probleme: Ist es überhaupt sinnvoll, analoge Probleme digital zu lösen? Und falls ja, ist der eingeschlagene Weg der richtige? Und gibt es nicht ein paar digitale Baustellen (Datenschutz und -integrität etc.), die vorher zu behandeln wären?