RandyMagnum
Schraubenverwechsler(in)
Hoffgangs Post bezog sich offensichtlich auf diejenigen, die von Kundenseite über die Unterhaltungssituation jammern, nicht auf die Veranstalter. Aber davon abgesehen: "Millionen"? Selbst der gesamte Nicht-Lebensmittel-Einzelhandel würde diese Wortwahl nicht rechtfertigen und ich glaube nicht, dass der Veranstaltungsbetrieb ein Vielfaches an Vollzeitstellen hat.
Die Veranstaltungsbranche ist sehr kleinteilig und heterogen organisiert. Es bleib daher die Frage, wen und was man als dieser Branche zugehörig definiert. Die R.I.F.E.L. Studie zur "Gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Veranstaltungsbranche" sprich in diesem Zusammenhang etwa von einer Million sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, wobei hier die große Zahl von selbständigen Einzelunternehmern noch nicht enthalten ist. Insgesamt spricht man für die Branche von Platz 2 bei den Beschäftigtenzahlen.
Dabei geht es vornehmlich um den Bereich der sog. "Wirtschaftsbezogenen Veranstaltungen" wie etwa Messen, Tagungen oder Kongressen. Vieles, was man im Allgemeinen unter "Kultur" verstehen würde, dürfte dort vermutlich noch nicht vollständig erfasst sein. Das ist jener quasi "unsichtbare" Teil, von dem (auch hier) fast nie jemand spricht, welcher jedoch nach der o.g. Studie über 88% der Gesamtumsätze ausmacht. Öffentliche- und Kulturveranstaltungen wie Wacken, RaR, Oktoberfest und Ähnliches sind dagegen in Verhältnis fast eine Art Grundrauschen. Daher ist es für Außenstehende sicherlich tatsächlich schwierig, das Ausmaß zu erfassen.
Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr gleich mehrere Kongresse begleitet, welche ohne große Probleme knapp 100.000m² Brutto Hallenkapazität (das ist die Größenordnung des Messegeländes einer norddeutschen Großstadt) gefüllt haben, ohne das die Öffentlichkeit davon besonders viel mitbekommen haben dürfte.
Für die gesamte Branche wird von etwa 1,5 Millionen direkt Beschäftigten ausgegangen. Auch diese Zahl beinhaltet weder die Selbständigen noch berücksichtigt sie weitere Abhängigkeiten.
Die Veranstaltungswirtschaft schafft für viele weitere Branchen eine Art Vorbedingung um überhaupt richtig hochfahren zu können. Bei über 400 Millionen Veranstaltungsbesuchern in Deutschland jedes Jahr könnt ihr euch die Auswirkungen auf beispielsweise Tagungshotellerie, Gastronomie (auch hier war schon die Rede von leeren Restaurants...) oder Mobilitätsdienstleister sicherlich ausmalen. Im Bereich der Tagungen und Kongresse etwa ist man hierzulande Weltmarktführer.
Diese Zahlen kommen aus branchennahen Quellen und unterliegen daher eventuell einer möglichen Befangenheit, das tun Zahlen aus anderen Branchen jedoch ebenfalls. Um die Dimensionen aufzuzeigen, um die es geht, sollten sie jedoch belastbar genug sein.
Endlich mal jemand, der sachlich aus der Branche berichten kann
Da hätte ich direkt eine Frage: Woher kommen eigentlich die fortlaufenden, existenzbedrohenden Defizite bei den Unternehmen?
Miete können derzeit ohne Konsequenzen gestundet werden und selbst wenn man das nicht eiskalt durchzieht, hat man dank dieser Regelung eine knallharte Verhandlungsposition gegenüber Vermietern, da Veranstaltungsbetriebe typischerweise entweder sehr spezielle oder ohnehin sehr billige, abgelegene Räumlichkeiten nutzen und rezessionsbedingt derzeit keine Nachfrage nach solchen besteht.
Dass sind Zahlen, welche aus den unterschiedlichen Verbänden zu hören sind. Abschließend kann ich die genaue Zusammensetzung dieser Kosten sicherlich auch nicht benennen, da ich auch nicht behaupten kann über intimes Wissen über alle Gewerke zu verfügen. Bezüglich der Mieten teile ich diese Einschätzung allerdings lediglich eingeschränkt. Erstens ist die Zeit der Mietstundung demnächst vorbei, vermutlich also lange bevor es wieder nennenswerte Veranstaltungen geben wird.
Zweitens bin ich nicht so optimistisch, was die jeweilige Verhandlungsposition der Mieter anbelangt. Viele Tagungsstätten und gehobene Eventlocations (ein sehr großer Sektor) befinden sich häufig in den besten, und damit leider auch teuersten, Lagen der Stadt. Häufig sind das Locations, welche sich ohne Weiteres beispielsweise in Büroflächen umwandeln ließen. Ich weiß von mehreren Kunden, deren monatliche Gesamtmieten jeweils ohne Weiteres im 6-stelligen Bereich liegen - für jeweils etwa ein halbes Dutzend Locations. Für die Betreiber solcher Eventflächen sind meistens auch Lager- und andere Betriebsflächen (etwa Großküche für das Catering) in zentraler Lage wichtig, da die Anfahrtswege zu den ebenfalls zentral gelegenen Locations ansonsten schlicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Auch für diese Flächen dürften sich recht einfach neue Interessenten finden lassen.
Viele Messegesellschaften lassen sich auch die Hallen von Investoren bauen und mieten diese dann zurück. Das ist sicherlich langfristig nicht immer die wirtschaftlichste Form der Finanzierung, aber ob der öffentlichen Trägerschaft der Gesellschaften meistens eine politische Entscheidung.
Ferner existieren selbstverständlich auch Immobilien im Eigentum diverser Betriebe bei denen Hypotheken und andere Grundschuldverhältnisse zu bedienen sind.
Eine Sonderstellung der Veranstaltungsbranche hinsichtlich der Position Immobilien und Mieten kann ich daher, zumindest in besonderem Umfang, nicht nachvollziehen. Vielmehr gelten hier die gleichen Spielregeln wie für die meisten anderen Teilnehmer des Marktes auch.
Diverse andere Kosten wie Transportlogistik, Versicherungen, Materialverbrauch, etc. fallen nur veranstaltungsbezogen an, als Dienstleister hat man auch keine laufenden Verpflichtungen gegenüber Zulieferern. Also wohin fließt das Geld eigentlich ab? Mir fällt bestenfalls noch der Unterhalt einer Webseite ein. Aber selbst der wäre dieser Tage optional.
Auch das ist in der Realität leider nicht ganz so einfach. Die Betriebe existieren ja weiter und müssen daher allen möglichen Zahlungsverpflichtungen nachkommen.
So ist zum Beispiel Veranstaltungstechnisches Equipment verhältnismäßig kostspielig. Das sind bei größeren Dienstleistern, derer es so einige gibt, nicht selten dreistellige Millionenbeträge welche dort derzeit in den Lagern verstauben ohne Geld zu verdienen. Vieles wird bei der Anschaffung daher finanziert und diese Kredite müssen selbstverständlich grundsätzlich weiter bedient werden. Abstoßen kann man solches Equipment derzeit ebenfalls nicht, da es aus naheliegenden Gründen keine Abnehmer dafür gibt. Zu allem Übel dürften die meisten Neuanschaffungen in Erwartung der anstehenden Saison dieses Jahr noch gerade vor Corona durch gewesen sein.
Dieselben Mechanismen existieren beispielsweise für Bühnenbauer, Anbieter von Mietmöbeln oder Dekorateuren.
Dasselbe Feld kann auch als Beispiel herangezogen werden um zu beleuchten, dass auch hier sehr wohl Verpflichtungen gegenüber Zulieferern existieren. Da große Veranstaltungen nicht selten in wahre Materialschlachten ausarten, ich rede von teilweise hunderten Tonnen an Equipment alleine im Dach, sind Zumieten an der Tagesordnung. Wie in anderen Branchen gibt es auch hier Rahmenverträge mit bestimmten Lieferanten um kurzfristige Verfügbarkeiten zu gewährleisten, in denen Mindestumsätze festgeschrieben sind. Auch das können durchaus sechsstellige Beträge im Monat sein.
Gleiches gilt für Aufwendungen für Fahrzeugflotten, Konzessionen, Zertifizierungen, Lizenzen, Wartung und Instandhaltung, Verbandsbeiträge oder Versicherungen - diese Liste lässt sich beinahe endlos fortführen. Kurzum also Kosten, wie sie jedes andere Unternehmen in Deutschland ebenfalls hat. Einsparungen lassen sich bei einigen Positionen sicherlich temporär vornehmen, aber eine Sonderstellung der Branche, welche eine Reduzierung der Ausgaben auf 0 ermöglichen würde, kann ich auch hier nicht erkennen.
Auch wenn Events für die breite Masse gedanklich mit Freizeit und Spaß in Verbindung gebracht werden, handelt es sich in Wahrheit um ein Geschäft wie jedes Andere in dem knallhart kalkuliert wird, und in dem vermutlich mehrheitlich eher einstellige in Netto-Umsatzrenditen zu erzielen sind. Daher kann der Stillstand auch hier ebenso schnell existenzbedrohend werden.
******* für die Billiglöhner zwar, aber die hat es eh schon erwischt, und natürlich zwingt es viele Kleinstselbstständige trotzdem dazu, aufs Amt zu gehen, weil in der Branche Selbstausbeutung und 0 Rücklagen weit verbreitet sind. Aber das ist kein Fremdverschulden
Diese Einschätzung teile ich so nicht. Dass gerade bei der tatsächlichen Durchführung der Veranstaltungen eine hohe Zahl an Aushilfskräften beschäftigt wird ist richtig, allerdings geht es hierbei häufig vornehmlich um Tätigkeiten im Bereich der Eventgastronomie, Security und andere eher triviale Hilfstätigkeiten wie beispielsweise Saalbestuhlung.
Zu behaupten alle Beschäftigten der über 100 Gewerke wären Billiglöhner oder Selbstausbeuter greift meiner Meinung nach deutlich zu kurz. Das sind mehrheitlich ganz normale Arbeiter, Fachkräfte, Meister, Kaufleute, Techniker, Betriebswirte, Ingenieure und weiß der Geier was, welche normale Einkommen erzielen. Die Vorstellung, diese Menschen seien alle selbstausbeuterische Träumer, denen es um Selbstverwirklichung geht, dürfte seit mindestens zwei Jahrzehnten überholt sein. Diese Beschreibung würde ich heutzutage nicht einmal mehr für die meisten Berufsmusiker durchgehen lassen.
All das lässt dabei immer noch die Zulieferindustrie (Technisches Equipment, Sonderbauten, Softwarelösungen...) außen vor. Auch hier gehören deutsche Unternehmen zu den Weltmarktführern und auch hier werden gerade vielleicht noch die letzten Aufträge aus Häusern in öffentlicher Trägerschaft, deren Etats vermutlich erst im nächsten Jahr deutlich zu leiden haben werden, abgearbeitet. Danach sieht es auch dort eher finster aus, von den Vertrieblern hört man von Auftragsrückgängen nahe der 100 Prozent.
Ich möchte mit diesen Ausführungen deutlich machen, dass es in keinster Weise nur um ein paar Clubs oder Festivals mit verschwitztem, betrunkenem Publikum geht - auch wenn diese selbstverständlich ebenfalls dazu gehören. Angesichts der zu erwartenden katastrophalen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eines Kollapses der Veranstaltungsbranche finde das Reduzieren auf jene Art an Events allerdings unangebracht. Ich denke schlicht und ergreifend nicht, dass wir uns das leisten können. Seit in der Nacht von Montag auf Dienstag eine großangelegte Aktion lief, um auf das drohende Aus aufmerksam zu machen, scheint man das in der Politik langsam auch zu begreifen. Es bleibt also insgesamt spannend.





