Das schlimme daran ist, finde ich, dass die Römer punkto Hygiene und brauchbarer Wasser/Abwasserversorgung schon erheblich weiter waren.
Na ja. Die Römer hatten fließend Wasser und Abwasser (über die Griechen aus Ägypten importiert) ... und haben sich dann in den öffentlichen (!) Aborten trotzdem allesamt den Hintern mit dem selben Tuch abgewischt, jedes Abkommen mit Spucke und Handschlag besiegelt und lebten dicht zusammen mit Mensch und Nutzvieh. Da half dann wöchentliches Baden und Saunieren
auch nicht mehr viel.
Aber nach dem Verfall des Weströmischen Reiches während der Völkerwanderung, ging das ganze Wissen zumindest in Mitteleuropa, für Jahrhunderte verloren.
Oder es war den damaligen, meist ungebildeten Machthabern schlicht wurscht. Und vielen gebildeten Kirchenleuten schien das Ganze auch eher zweitrangig zu sein.
Ganz im Gegenteil: Je nachdem, wann und wo man genau schaut, pflegten der mittelalterliche Adel, der Klerus und ebenso die Landbevölkerung (die sich übriges allesamt nicht im Mittelalter, sondern in der besten aller Zeiten wähnte) eine erstaunlich gute Körperhygiene - sofern die Bedingungen es zuließen. Die Seuchenschleudern waren auch hauptsächlich die mittelalterlichen Städte. Das Bewusstsein für Hygiene war durchaus vorhanden, die Möglichkeiten fehlten oftmals.
Wenn den Machthabern etwas vorwerfen will, dann eher, dass sie aufgrund des Ständesystems und einer stark aufs Jenseits ausgerichteten religiösen Prägung eher wenig Interesse daran hatten, die allgemeine Volkshygiene zu verbessern. Sie hätten auch gar nicht die Verwaltung gehabt, eine solche durchzusetzen.
Erst der Kontakt und Austausch mit den Arabern und Mauren im Mittelalter, sowie später die Renaissance mit ihren immer größeren wissenschaftlichen Erkenntnissen, haben dann wieder zu einer spürbaren Verbesserung punkto Hygiene und Wissen über Krankheiten geführt.
Jain. Sowohl das medizinische Wissen des Abend- als auch des Morgenlandes basierte weitestgehend auf griechischen Quellen. Auch im Abendland wurde dieses Wissen erhalten und so mancher Klosterbruder hat sich bei den immer wieder erforderlichen Abschriften die Augen verdorben. Die morgenländischen Reiche hatten allerdings viel früher eine gebildete Schicht abseits der Religion, die ja nicht institutionalisiert war und bis heute nicht ist, entwickelt.
Das wiederum hat nicht nur für eine geringfügig höhere Volksbildung gesorgt, obwohl auch im Orient die meisten Menschen keinerlei Zugang zu Bildung hatten, sondern hauptsächlich für ein dicht gestricktes Verwaltungsnetz, mit dem man Programme (unter anderem für Sauberkeit und Hygiene) ausarbeiten und auch durchsetzen konnte.
Mit einem abendländischen König, der alle paar Jubeljahre mal bei seinen Vasallen einkehrte, um sich ihrer Gefolgschaft zu versichern, waren solche übergreifenden Maßnahmen nicht machbar.
Und dann kam auch schon die Industriegesellschaft und Leute wie zB. Semmelweis, Koch und Pasteur.
Seitdem ging es schnell voran.
Dazwischen kam allerdings noch die Neuzeit, in der es nicht nur für viele Menschen unmöglich war, sich regelmäßig zu waschen, sondern es insbesondere in Adelskreisen als geradezu schädlich galt. Da wurde der Dreck so lange überpudert und parfümiert, bis er irgendwann von allein abplatzte. Das fand seinen vorläufigen Gipfel am Hofe des "Sonnenkönigs", an dem es trotz allen Prunks kaum besser gerochen haben kann als in den Elendsvierteln von Paris. Halt nur mit ein paar exotischen Duftnoten zusätzlich.
Nun ja, und die Industrialisierung per se hat auch nicht gerade dazu beigetragen, die Volksgesundheit zu verbessern. Da kamen zur immer noch weit verbreiteten Armut und den dicht zusammengepferchten Arbeitern noch industrielle Abgase und Mangel an Sonnenlicht in den "Arbeiterschließfächern" dazu. Eine halbwegs ausgeprägte Volksgesundheit ist auch im "modernen Europa" gerade einmal hundert Jahre alt!
Tja, und selbst hier und heute wird es gefeiert, wenn - Trommelwirbel - drei von vier Ärzten (!) grundsätzliche Hygienevorschriften kennen und einhalten.
Das allgemeine Bewusstsein der Bevölkerung ist oftmals auch eher daraus ausgerichtet, mittels (teil harter) Chemie schädliche wie nützliche Keime gleichermaßen aus dem Lebensumfeld zu verbannen und damit ein Klima zu erzeugen, in dem Immunschwäche- und Immunüberreaktionskrankheiten fröhlich Urständ feiern.
So viel Zeit, auf die (zumeist unfreiwillig) "im Dreck lebenden Anderen" herabzusehen, bleibt dann auch noch.