Hallo zusammen,
als jemand, der aus der Veranstaltungsbranche kommt, möchte ich an dieser Stelle auch einmal meinen Senf dazu geben. Es ist richtig, dass Veranstaltungen wie die üblicherweise um diese Jahreszeit stattfindenden Festivals, Stadtfeste und Ähnlichem derzeit schwer vorstellbar sind. Das stellt innerhalb der Branche auch niemand wirklich in Frage. Dennoch ist die Lage absolut ernst.
Unsere Branche ist normalerweise so gut wie unsichtbar, was wohl ein Stück weit in der Natur der Sache liegt, explizit nicht im Rampenlicht oder vor der Kamera zu stehen. Dieser Umstand wird uns derzeit zum Verhängnis. Es gibt zwar zahlreiche Verbände innerhalb der Veranstaltungswirtschaft, jeder davon in seinem Teilbereich sicherlich gut vernetzt, aber keinen Dachverband welcher den Anspruch hat, die gesamte Branche zu vertreten. Die Folgen aus dieser versäumten Lobbyarbeit werden uns derzeit auf dramatische Art bewusst.
Der unmittelbare Fokus der hier vor einigen Seiten entstandenen Diskussion auf Konzerte, Raves, Partys und all das, was in so vielen Kommentarspalten in der letzten Zeit abschätzig als Spaßgesellschaft tituliert wird, ist leider typisch. In der Realität sprechen wir darüber hinaus allerdings noch von Messen, Kongressen, Hauptversammlungen, Marketing Events, Pressekonferenzen und vielen weiteren eher langweiligen, allerdings sehr umsatzstarken, Anlässen. Insgesamt geht es hier um einen Wirtschaftszweig mit etwa 1 million Beschäftigten und dreistelligem Milliardenumsatz; mehrheitlich mittelständische Unternehmen in deutscher Hand. Die meisten dieser Unternehmen werden (Stand jetzt) am Ende wohl auf ein gesamtes Jahr an Umsatzausfall blicken. Die Behauptung, sowas ließe sich mit Rücklagen aus guten Jahren decken ist lächerlich. Viele scheinen nicht zu verstehen, dass die Durchführung von Großveranstaltungen ein hochkomplexes Feld ist, welches eines enormen Kosten- und Personalaufwandes bedarf. Die Verluste, die den Unternehmen derzeit entstehen, liegen in der Größenordnung eines Jahresgewinns pro Monat – da sind auch die dicksten Polster irgendwann aufgebraucht.
Neben den Verlusten in der Veranstaltungswirtschaft selber sollte man auch die hiermit in Verbindung stehenden ausfälle im Hotel- und Gaststättengewerbe beachten. Auch diese Branche ist hart getroffen und wird den langfristigen Ausfall von millionen Übernachtungen sollten Veranstaltungen nachhaltig ersatzlos wegfallen wohl nicht ohne Weiteres verkraften. Ein großer Teil der nationalen wie internationalen Geschäftsreisen haben beispielsweise die Teilnahme an Tagungen und Veranstaltungen als Anlass.
Deutschland ist nach den USA und China der weltweit drittgrößte Markt für Veranstaltungen. Die hiesige Branche wird bislang weitgehend im Stich gelassen, während im europäischen Ausland das schlimmste teilweise vorerst verhindert zu sein scheint. Was die Folge daraus sein wird, konnte man in den vergangenen Jahren in vielen anderen Branchen beobachten.
Niemand möchte auf fahrlässige Art und Weise jetzt so weiter machen, als gäbe es das Virus nicht. Als eine der ersten Brachen überhaupt hat die Veranstaltungswirtschaft daher bereits im März mittels einer Studie des R.I.F.E.L. (Research Institute for Exhibition and Live-Communication) versucht die zu erwartenden Schäden abzubilden und Handlungsempfehlungen an die Politik benannt um eine bespiellose Insolvenzwelle ab dem 3. Quartal des Jahres zu vermeiden. Umgesetzt wurde außer den Regelungen zur Kurzarbeit bisher quasi nichts.
Im selben Zuge wurden auch Konzepte und Maßnahmen ausgearbeitet, mit denen bestimmte Veranstaltungen eingeschränkt ermöglicht werden sollten. Die Antwort hierauf war das undifferenzierte Aussprechen eines effektiven Berufsverbots für einen kompletten Wirtschaftszweig bis zunächst Ende August (jetzt mindestens Oktober). Das war im April, kurz bevor andere Teile der Wirtschaft wieder hochgefahren wurden.
Ich komme derzeit klar und bin hier nicht auf Mitleid aus, Mir ist völlig klar, dass es in anderen Teilen der Wirtschaft mitunter ebenfalls finster aussieht. Ich halte es jedoch für fair zu behaupten, dass kein anderer Wirtschaftszweig zurzeit mit derartigen Umständen zu kämpfen hat.
Niemand wird sich die Patentlösung hierfür aus dem Ärmel schütteln können, soviel ist klar, aber ich denke schon, dass man von der Politik mehr als ohrenbetäubendes Schweigen erwarten darf, nachdem monatelang auf diese Umstände aufmerksam gemacht wurde. Es geht hier schließlich um mehrere hunderttausend Menschen, im schlechtesten Fall noch weitaus mehr, die derzeit ohne jegliche Perspektive unverschuldet vor dem absoluten Nichts stehen und das seit Monaten. Zu behaupten, die hätten jetzt ja Zeit für Fortbildungen wird der Lage nicht gerecht und grenzt meiner Meinung nach an blanken Hohn.
Ich freue mich wirklich für jeden von euch, der sich derzeit vom Fallout dieser Krise nicht betroffen wissen muss, hoffentlich wisst ihr das zu schätzen. Ich kann mir allerdings nicht erklären, was manche sich davon versprechen, einer grundsätzlich gesunden Branche, deren entscheidende Schwäche es war Menschen zusammen zu bringen, jetzt das Existenzrecht absprechen zu wollen
Ich halte gesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser Zeit für wichtig. Das bedingt auch, einander zu helfen und zuzuhören. Es ist leicht, die Probleme Anderer klein zu reden, ohne überhaupt einen Einblick in die Materie zu haben. Bitte werdet nicht zu Zynikern.