Das man da inzwischen ziemlich viel verbockt hat, möchte ich garnicht bestreiten. Und verzeih mir die etwas saloppe Formulierung mit dem "über den Haufen schießen", aber irgendwer musste da nunmal hin und sich um die kümmern, meinetwegen hätte man sie auch in den Knast stecken können. Der Punkt ist nunmal, dass sie niemand ausgeliefert hätte und nach 9/11 eine Reaktion notwendig war.
Das ist jetzt zwar weniger salopp, aber imho genauso falsch.
Wieso musste man reagieren? Wieso musste die Reaktion darin bestehen, da "hin zu gehen und sich zu "kümmern""?
Zu dem Zeitpunkt, zu dem der Angriff gegen Afghanistan gestartet wurde, war nicht einmal klar, wer die Anschläge ausgeführt hat - geschweige denn, dass es Beweise gab, wer ihr Auftraggeber war und wo er sich aufhält. Eine rechtsstaatliche Grundlage für einen Einsatz fehlt somit vollkommen.
Selbst wenn es sie gegeben hätte: Rechtfertigt die Festnahme eines Schwerkriminellen die Aufhebung nationaler Souverintät?
Den unvermeidbaren Tod vieler Unschuldiger?
In keinem Rechtssystem dieser Welt dürfte das ein haltbares Argument für solche Taten bleiben.
Also warum musste man etwas machen?
Um weitere Anschläge zu verhindern sicherlich auch nicht, denn soviel Wissen über die Organisationsstruktur von Al Quaida hatte man dann doch, um sagen zu können, dass der Tod der Führungsperson die Aktionen der einzelnen Splittergruppen nicht einschränkt.
Nö, die einzigen "Gründe", die man nennen kann, sind blinder Aktionismus, rücksichtslose Wut und Rache, ggf. noch Machtsucht (aka "Imperialismus": Inakzeptanz, dass ich Afghanistan internationalen Aufforderungen wiedersetzt).
Also eine bunte Mischung aus dem, was den Terroristen vorgeworfen wird und was sie den USA vorwerfen.
Moralische Überlegenheit? Keine Spur.
Und auch, dass nur friedliche Hilfe langfristig stabilisieren kann, bestreitet wohl keiner, genausowenig dass man vieles verbockt hat.
Oh, mir wäre es vollkommen neu, dass die USA mitlerweile von einer Niederlage sprechen und die Strategie "Help, not Hell" verfolgen.
Überfällig wäre das natürlich schon lange, vor allem auch um Klarheit zu schaffen, was man mit den "ungesetzlichen Kombatanten" machen kann/darf/soll. Was die invasion selber angeht hätte es allerdings wohl kaum etwas genutzt, denn die Verhandlungen über derarige Veränderungen würden sich Jahre hinziehen und der Ausgang ist natürlich auch mehr als ungewiss.
Man hätte auch mit einer Beugung (statt einem Bruch) von geltendem Recht auskommen können. Hätte man öffentlich Beweise vorgelegt, dass ObL für die Anschläge verantwortlich ist, hätte man die afghanische Regierung vor die Wahl stellen können, ob sie ihn als kriminellen behandelt und bekämpft, oder ob sie ihn unterstützt. (in letzterem Falle wäre es ein Angriff mit staatlicher Rückendeckung gewesen und damit ~~eine Kriegserklärung)
Genauso hätte man die "ungesetzlichen Kombatanten" erst einmal in eine der beiden Kategorien der Genfer Konvention einteilen können, anstatt eine neue Kategorie zu schaffen, für die z.T. nicht mal die Menschenrechte zu gelten scheinen.
Hat man aber nicht. Statt dessen man hat so ziemlich jede einzelne Regelung gebrochen (oder zumindest deren Grundgedanke), die man zu verteidigen vorgibt und sich damit auf ein moralisches Niveau begeben, das nicht mehr über dem des Gegners liegt.
Heuchlerisch ist das sicherlich, andererseits will es doch niemand ernsthaft anders.
Doch, da gibt es durchaus Leute, die es ernst meinen, wenn sie z.B. eine Beendigung der Abhängigkeit vom Öl fordern.
Wir wollen Tantal (Blutdiamanten 2.0), wir wollen billiges Öl, billigen Fisch usw.
Ich verweigere den Fisch, bin gegen billiges Öl und das Tantal kann gerne zu angemessenen Preisen aus akzeptablen Quellen bezogen werden.
Ein wesentlich größeres Problem habe ich auf alle Fälle mit einer Regierung, die mich anlügt und behauptet, im Namen der Menschlichkeit zu töten.
Was genau drin steht ist hingegen natürlich geheim und das ist durchaus auch berechtigt.
Wieso ist das eigentlich berechtigt?
Imho hat das Volk (=der Souverän) das Recht zu erfahren, in welchem Rahmen die Bundeswehr eingesetzt wird und was ihr Auftrag ist.
Ist eigentlich egal. In der Sekunde, in der Guttenberg das Amt des Verteidigungsministers angenommen hat, wird er in die "Geschäfte" eingeweiht.
Also musste er wissen, was gewesen ist.
Wenn er es wusste und nichts gesagt hat, dann muss er zurück treten, wenn er nichts gewusst hat, dann ist er offensichtlich nicht in der Lage das Ministerium zu führen, also inkompetent und muss deshalb zurück treten.
So oder so, der Mann ist nicht mehr haltbar und unglaubwürdig.
Man könnte noch die Hypothese aufstellen, dass er gezielt belogen/nicht informiert ist (nach geheimen Dingen kann man nicht fragen, wenn man sie nicht kennt

), in dem Fall wäre es nicht Guttenberg selbst, der gehen müsste, sondern seinen Job, einige seiner Untergegebenen und vermutlich mehrere hochrangige Militärangehörige zu feuern.