Den selben Gedanken kann ein Haufen CDU-Wähler bei der aktuellen Konstellation auch haben.
Die SPD hat während des Wahlkampfs die Aktionen der CDU gut gekontert, nur dummerweise hat Blackrock-Fritz wohl zu viele Zugeständnisse in zu viele Richtungen machen müssen. Da man bei der CDU unter dem Motto "Verantwortung" den ganzen BS durchgedrückt hat bzw. noch durchdrücken will, ist die SPD auf den Zug aufgesprungen, wohl wissend, dass sie hinterher mitmachen und die CDU beschuldigen kann, wenn die Koalition bröckelt. Und da die CDU von den rechten 50% der Wähler die Schuld an der Misere zugesprochen bekommen wird, kann die SPD von links auch noch mitmachen und sich aus der Affäre winden, mit dem Gedanken, vielleicht den linken Anteil der CDU abzugreifen.
Aber das ist nur meine persönliche Einschätzung.
Bislang sehe ich überhaupt nur grobe Ansatzpunkte für eine Beurteilung. Der Koalitionsvertrag ist wenig mehr als eine gekürzte "Wünsch dir was"-Liste beider Parteien; das Ausdiskutieren der tatsächlichen Realpolitik wurde als "Finanzierungsvorbehalt" in die Zeit nach der Merz-Wahl (und vor dem Koalitionsbruch) verschoben. Aktuell würde ich mit Sicherheit nur sagen, dass es keinem von beiden um Umwelt, Klima, Bildung, Staatsverschuldung oder andere Zukunftsthemen geht und beiden um Rentnern. Diese Schwerpunkte kann man aber auch schon vor der Wahl und alles andere ist auf dem Papier noch relativ offen.
Insbesondere sehe ich so gut wie keine Zugeständnisse an den jeweiligen Koalitionspartner. Stattdessen zeigen (Nicht-)Vereinfachungen der Forderungen und Personalauswahl nahe, dass beide Parteien an den Interessen ihrer jeweiligen Wirtschaftsflügel festhalten und die der Stammwähler als zweitrangig betrachten: Billige Energie für Großverbraucher, Absatzförderung für Autokonzerne, längst überfällige Modernisierungsmaßnahmen auf Staatskosten, Infrastruktur für Wirtschaft statt Menschen ausgerichtet, Geschenke für Landwirte etc. sind deutlich wahrscheinlicher, als eine positive Gesamtbilanz für Tarifbeschäftigte respektive Häuslebauer. Aber letzteres eben nicht, weil die andere Partei da per se dagegen wäre, sondern weil man sich selbst im klaren darüber ist, dass da trotz des heftigsten Tritts in die Eier zugkünftiger Steuerzahler nichts mehr realistisches draus werden wird. Sowas hebt man sich bis kurz-vor-der-Wahl auf und beschließt dann schnell ein paar Versprechen, deren Last aber erst die nächste Regierung tragen muss. Wie mittlerweile eigentlich üblich. (Letzte Wahl war halt die Ausnahme, weil sich die FDP nach Versorgung ihrer nachtragenderen Lobby-Klientel geweigert hat, im Gegenzug so Sachen wie Kindergrundsicherung, Klimageld oder Mindestlohnaktionen mitzutragen.)
(Anm.: Fremdenfeindlichen und anderen Populismus klammere ich an der Stelle mal auf. Heiße Luft, die nichts bringt/deren Umsetzbarkeit unabhängig von den Finanzen anzuzweifeln ist, gab und gibt es reichlich. Die kostet halt nichts und bringt nichts, also ist sie auch kein hartes Hindernis bei Koalitionsverhandlungen.)
Hallo!
Inspiriert durch einen anderen Thread aber da zu sehr Off-Topic, mache ich mal einen eigenen Thread auf.
Es ging um die SPD welche schon lange nicht mehr das ist was sie mal war.
Damals unter Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 und knallharten Reformen zu Lasten der Geringverdiener und Armen.
Das haben ihr viele Arbeiter übel genommen und ihr den Rücken gekehrt.
Aber die SPD hat über die Jahre versucht noch Fehler zu korrigieren.
Den Mindestlohn hatte sie auch durchgesetzt. Unter Merkel!
Und in ihren Parteiprogrammen stand eigentlich auch immer vernünftige Sozialpolitik.
Doch was man jetzt mitbekommt, was unter Merz als Kanzler alles durchgesetzt werden soll, fragt man sich was von der SPD und ihren Werten eigentlich noch übrig bleibt? Verrät sie sich zugunsten von Machtansprüchen jetzt total?
Ich habe 30 Jahre SPD gewählt und bin tatsächlich das erste mal am überlegen, beim nächsten mal eine andere Partei zu wählen.
Also ich teile diese Sicht ehrlich gesagt nicht. Wie du selbst sagst: Die SPD war schon vor 30 Jahren keine Partei für eine breite Masse gelernter Facharbeiter (die es damals so auch schon nicht mehr gab). PPP, Bahnveruntreuung, Riester - Schon Schröder hat systematisch von der Gemeinschaft in die Kassen der Finanzindustrie und Anleger umgeleitet. HartzIV war da nach am ambivalentesten, da im ursprünglichen Ansatz überwiegend eine Verwaltungsreform mit tatsächlich positiven Ansätzen ("und fördern"!), die erst später versemmelt wurde, weil die fest geplanten Korrekturen eben ausblieben oder in die falsche Richtung gingen - unter reger SPD-Beteiligung. Trotz der Lichtblicke "(leicht umgehbarer, Inflation anheizender) Mindestlohn" und "Pflegereform" ist die Gesamtbilanz in den Merkeljahren da eine lineare Fortsetzung der 90er-Jahre-Politik, und schon die kam nicht aus dem nichts, ebenso wie nach Merkel geradlinig weiter gescholzt wurde.
Also was sollte da eine "alte SPD" sein, gegenüber der sich plötzlich etwas ändern sollte? Für harte Kontraste muss man 50-60-70 Jahre zurückblicken und dass die Genossen von heute nicht die gleichen wie damals sind, ergibt sich schon rein aus der Biologie.
Aber da die SPD heute ja eher ein Partei der Rentner und Beamten ist, zählt halt eher was diese sich als Arbeiter vorstellen und das ist dann eher der Burgerbratende, als der teure Maschinen bedienende Facharbeiter.
Die SPD ist, ähnlich wie andere erfolgreiche Parteien auch, eine rückgratlose Hure auf Stimmenjagd. Möglichst viele Wahlstimmen auf sich zu vereinen geht schon lange vor irgendwelchen idealistischen Überlegungen bezüglich des Wohlergehens einer "Arbeiterschaft" (oder jeder beliebigen anderen Zielgruppe) oder gar "aller". Also schlagen sich, neben Lobbyeinträgen, die Forderungen (nicht einmal Interessen: Forderungen wider eigener Interessen sind auch okay) der zahlenstärksten Wählergruppen im Programm nieder. Und das sind Rentner und Pensionäre. (Im Dienst befindliche Beamte zunehmend abnehmend.)
Imho steuert Deutschland insgesamt auf eine Diktatur der knappen Mehrheit hin, welche die verbleibende Minderheit (in den meisten Fällen jüngere Generationen) ausbeutet. Die Politik reflektiert hier nur das Versagen des Wählers: Wer ohne sich zu informieren und ohne nachzudenken da sein Kreuz macht, wo ihm das meiste zu Lasten anderer versprochen wird, der bekommt Regierungen, die ohne Informationen und ohne Nachzudenken bei den einen nehmen, um den anderen zu geben. ("Geben" genau so viel, wie für Wahlerfolge nötig ist. Also heiße Luft für diejenigen, die jedem Dampfplauderer hinterherlaufen; Milliarden für knallharte Lobbyisten mit Medieneinfluss.)
Das ist aber kein SPD-spezifisches Problem, tatsächlich ist die CDU da imho spätestens seit Merkel tonangebend und die AFD hat sowieso nie was anderes als Partikulärinteressen hinter Populismusfassade geliefert. Wähler und Politiker mit verschiedenen Idealen findet man heute gegebenenfalls noch bei den Grünen (zunehmend widerwillig), bei der Linken (konstant/überwiegend widerwillig, weil die auf Bundesebene schon immer einige sehr harte Brocken zum schlucken gegeben haben) und halt außerparlamentarisch.
Aber die großen? Zur Wahl stand 2025 "Hauptsache nicht Merz oder gar AFD", "Schluss mit Scholz und keinesfalls wieder Habeck" sowie "Nieder mit linksgrünversifft, also mit allem". Oder kann sich jemand daran erinnern, dass irgendwo offen FÜR ein ZIEL eingestanden wurde? Sowas gibt es nur noch bei den Hinterzimmerthemen; auf offener Bühne würde es viel zu viele Idiotenstimmen kosten, wenn der einzelne Wähler realisieren sollte, dass es in einer Demokratie nicht ganz allein SEIN Wohlergehen DAS Ziel ist, sondern am Ende auch das seines Nachbarn. Also nennt man besser gar keins, sondern wirbt nur noch damit, GEGEN was man so alles ist. Beim dagegen sein sind sich die Deutschen nämlich wesentlich einiger.