ruyven_macaran
Trockeneisprofi (m/w)
Wenn die SPD die Partei der Angestellten wird ist es nicht bedenklich. Die Zahl der Arbeiter sinkt stetig. 2018 gab es 41,9 Millionen Erwerbstätige. 16,6 Millionen waren Arbeiter 65,1 Millionen waren Angestellte der Rest teilt sich auf Selbständige Beamte und Auszubildende auf. An dem Verhältnis wird sich in den letzten Jahren nicht viel getan haben auch wenn die Zahl der Erwerbstätigen stieg.
Der Anteil verschiebt sich seit langem immer mehr in Richtung Angestellte. Und damit auch die Bedeutung: Früher waren "die Arbeiter" die breite Masse und "die Angestellten" waren zu einem erheblichen Teil Führungspersonal, dass über "den Arbeitern" stand. Aber ein Löwenanteil der heutigen Berufsbilder läuft eben bis auf 0 Ebene unter "Angestellte". Bzw. im allgemeinen wird gar nicht mehr dazwischen entschieden und jegliche Beschreibungen der AFD als "Arbeiterpartei" beruhen nur aus Selbstauskunft entweder der Partei (lol) oder in Wählerbefragungen. Statistischen Untersuchungen zu Folge hat ein erstaunlicher Teil der AFD-Wähler ein Häuschen und mehrere Autos, was irgendwie nicht so ganz zum Bild des kleinen Malochers passt. (Letzterer geht eher gar nicht mehr wählen, sondern mit seinen Migrationshintergrund-Kumpels einen trinken, während der AFDler darüber geifert, dass 0,1%-Posten im Bundeshaushalt verhindern, dass er sich genauso große Autos kaufen kann, wie sein Nachbar.)
Das die SPD profilos geworden ist teile ich nicht. Ein Grundthema ist die soziale Gerechtigkeit dazu zur jeder Wahl ein sehr umfangreiches Programm. Ob sich der Wähler da findet ist eine andere Sache.
Es würden sich vermutlich mehr Wähler finden, wenn die SPD dieses "umfangreiche Programm" im Bereich Soziales auch mal vor oder nach und nicht nur zu Wahlen hätte. Wer vier mal 365 Tage Politik für Auto-, Strom- und Rüstungskonzerne nebst Banken und Versicherungen macht, und nur am 366. Tag an die Bürger denkt (hat man den Schaltjahrsrythmus nach Wahlperioden designt?
), hat halt einen eher kleinen Wählerkreis.Das mit der AfD ist ein Paradoxon. Deren Konzepte sind - gelinde gesagt - kaum tragfähig und auch kaum bezahlbar. Sie haben aber den Vorteil, dass sie bisher nur meckern dürfen und nichts unter Beweis stellen müssen. Andererseits kann ich mir keine Welt vorstellen, in der es zum Guten gereicht, wenn man dieser Partei die Chance dazu bietet zu beweisen, wie schlecht und vor allem schädlich sie eigentlich ist.
"unter Beweis stellen" spielt keine große Rolle. Auf kommunaler Ebene müsste die AFD das längst vielerorts machen, auf Landesebene zumindest in Form von Duldung. Real kriegt sie es teilweise nicht einmal hin, Wahllisten aufzustellen. Umgekehrt ist die Linke in den meisten Ländern sowie im Bund auch noch nie in Regierungsverantwortung gewesen (und in den wenigen Ländern, in denen sie es war, spuckt sie deutlich andere Töne); die meisten Wähler hätten auch bei FDP und Grünen Mühe, deren Regierungszeit in der jüngeren Vergangenheit korrekt zu nennen.
Aber das ist bei AFD-Wählern egal, weil sich diese Partei sowohl ihren Slogans und "Vorschlägen" als auch den Sprüchen ihrer Verfechter nach an Leute richtet, die sowieso kein Interesse und keine Ahnung von Politik haben; in der Regel weder wissen, welche Instution für was zuständig wer noch welche aktuellen Auswirkungen auf wessen Gesetze zurückgehen. Das Grundkonzept der AFD ist es, bestehende (und oftmals aufgebauschte) Missstände mit einem einschlägigen Kreis vermeintlicher Ursachen zu stellen und Stammtisch-kompatible 1-Satz-Sprüche als "Lösungen" hinterherzuschieben. In aller Regel "DIE ANDEREN SIND SCHULD!" (Allcaps ist auch Zitat, leise kann die AFD nicht
)Das Problem der SPD (um die es hier eigentlich gehen soll): Sie gehört fasst immer zu "den anderen". Weil sie einerseits die Partei mit der längsten Regierungsbeteiligung seit Ende der 90er ist und weil sie andererseits die klassischen Feindbilder der AFD (bislang) nicht teilt, im Gegensatz zur CDU. Da die Brüllaffen von der AFD zusammen mit dem Populisten Merz locker 80 Prozent bundespolitischen Themenlage dominieren, steht die SPD also immer in der Ecke, die sich erklären muss. In einer Zeit, in der jede Erklärung, die fünf Wörter hinausgeht, in Buhrufen ertränkt wird.
Natürlich stünde es der SPD frei, stattdessen mal die Themen auf den Plattenteller zu schmeißen, bei denen sie selbst was positives erreicht hat oder zumindest bei denen AFD und Union abkacken. Aber erstere gibt es nicht viele und letztere würden erfordern, dass die SPD mal sowas wie Selbstbewusstsein zeigt, anstatt mitleidenserregende Aufspringsversuche auf die "Law & Order"- und "alle hassen die Grünen"-Züge zu starten. Leider fehlt dafür die nötige Energie, weil man weiterhin damit beschäftigt ist, Milliardenströme in einschlägige Richtungen umzulenken (s.o.).