Und was soll das bringen, wenn man jetzt weitere 20 Jahre im Land verbleibt? Es ändert sich gar nichts.
Ob die USa nach 6 Monaten, 20 Jahren oder 100 Jahren abzieht -- das Ergebnis bleibt das gleiche.
Das entspricht auch meinem derzeitigen Meinungsbild.
Eine Regierung, welche von ca. 20 % der Bevölkerung unterstützt wird, während 80% im Outback wohnen, und von den Errungenschaften der Demokratie und den westlichen Bemühungen, das Land wieder aufzubauen, höchstens über das Hörensagen oder nur in der Stunde am Tag etwas erfahren, in der es auch mal Strom gibt, kann nur scheitern.
Bei 80% der Bevölkerung wurden die Lebensverhältnisse nicht wesentlich verbessert. Vielmehr haben die mitbekommen, dass sie nach wie vor Ihrer Regierung nicht trauen können, was verschieden Ursachen hat (Korruption, Vetternwirtschaft, Missmanagement). Die Regierung war für die meisten weit weg und unnahbar. Rechtsprechung? Fehlanzeige. Einen halben Tag mit dem Fahrzeug, sofern man eines hat, in die nächst größere Stadt zu fahren und dann von einem korrupten Beamten gesagt zu bekommen, man möge doch erst mal einen üppigen Betrag an Schmiergeld auf den Tisch legen, bevor man sich seinem Anliegen annimmt, ist nicht das, was man als Bürger eines Landes möchte. Währenddessen sind die Taliban vor Ort aktiv, betreiben Rechtsprechung durch Korangelehrte vor Ort für 0,80 Euro (habe ich aus einer Fernsehreportage), regeln Streitigkeiten und nehmen sich direkt den Belangen der Bürger auf dem Land an. Das mag einem so gar nicht schmecken, ist aber Fakt.
Und im Gegensatz zu irgendwelchen Regierungsbeamten sind die Taliban zumeist lokal verankert, kommen direkt aus dem Ort oder aus der Region. Man kennt sich. Das sind greifbare Personen und keine abstrakten Beamten, die irgendwo kilometerweit weg sitzen. Es sind keine Fremden oder „Eindringlinge“. Die Taliban haben das schon sehr geschickt gemacht, indem sie in weiten Teilen des Landes einen parallelen Staat aufgebaut haben.
Die meiste Hilfe im medizinischen Bereich vor Ort wurde durch NGOs getätigt, welche Medikament in ferne, schlecht zugängliche Regionen bringen, Ärzte und Sanitäter aus- und fortbilden. Die werden vermutlich, je nach Lage, bleiben.
Wieso soll ich als Soldat für eine Regierung kämpfen, welche den Anliegen meiner Familie gar nicht nachkommt? Wenn sich nichts verbessert? Die meisten Soldaten sind keine Intellektuellen, sondern wurden rekrutiert als Analphabeten direkt vom Land. Bei schmalen Sold, wenn er denn mal gezahlt wurde, Überforderung mit den wesentlichen Waffensystem und einer Quote von 25% an Deserteuren kann ich nachvollziehen, dass die Arme sich bei kleinstem Druck von Außen auflöste. Weder haben die begriffen, wofür Sie kämpfen sollten (oder es wurde ihnen gar nicht vermittelt), noch sahen sie einen Sinn darin, da vor Ort bei Ihren Familien eben die Taliban das Sagen haben. Das kann man sicherlich nicht komplett verallgemeinern, aber auf einen Großteil trifft das meiner Meinung zu.
Ich glauben der Westen war zu naiv und auch etwas arrogant bei diesem Vorhaben. Einen schnellen Militärischen Erfolg zu erzielen ist das Eine, das Andere ist aber nachhaltig ein Land umzubauen und die Bevölkerung für ein neues System zu gewinnen. Mit Geld allein und militärischer Stärke kann man das nicht bewältigen. Und ich denke, dass zumindest die USA das schon lange wussten und nur den Status quo noch bis zum Tag x aufrecht erhalten wollten.
Aber nicht das mich hier jemand falsch versteht, ich möchte kein Loblied auf dieTaliban singen. Ich finde deren System archaisch, unmenschlich, rückwärtsgewandt und menschenverachtend. Aber Fakt ist, das weite Teile der Bevölkerung sich lieber mit diesem System arrangieren, als für ein vages Versprechen auf zukünftige Besserung Ihrer Situation zu kämpfen. Sie wurde wohl zu oft schon enttäuscht. Umso bemerkenswerter finde ich, dass es Menschen gibt, die trotz der derzeitigen Situation und der Gefahr für Ihr eigenes Leben für ein freies und demokratisches Afghanistan einstehen, demonstrieren, im Internet präsent sind und der Welt zeigen, das nicht alle resigniert haben. Diese Menschen verdienen meinen Respekt und meine Hochachtung. Ebenso wie die SoldatInnen, welche Ihren Dienst in diesem Land verrichtet haben.
Und eigentlich wollte ich gar nicht so einen Erguss schreiben…