AW: [Umfrage] EU-Parlamentswahl - wer geht wählen, wer nicht und warum?
In dem zusammenhang hat der Lucke schon recht, wenn er sagt: "Sie (die anderen Parteien) sind nach links gerutscht, nicht wir nach rechts" (Sinngemäß).
Jein - seine Partei konnte schlecht rutschen, sondern wurde rechts neu gegründet. Aber natürlich hat er recht, wenn er sagt, dass das heutige "rechts" nach dem Maßstäben der 50er Jahre, als NS-Funktionäre viele politische Ämter besetzten, "links" gewesen wäre. Stellt sich nur die Frage, ob das irgend einen Unterschied macht? Ein politisch gebildeter Mensch wird eine Partei nicht kritisieren, "weil sie "rechts" ist", sondern weil diese Partei z.B. nationalistische, der Völkerverständigung zuwieder laufende Ziele verfolgt, weil sie die internationale Gemeinschaft schaden will (von der auch wir massiv profitieren), weil sie die Diskrimnierung anderer gutredet, etc. . Das diese Gedanken früher Mainstream waren, heißt nicht, dass diese heute gut zu heißen wären.
Und wenn ich eine Europakritischepartei wählen möchte, weil das noch am ehesten meiner Meinung entspricht, dann bleibt fast nur noch die AfD und die CSU...
Also wenn es dir nur um Europakritik geht, dann solltest du bei der Linken, DKP und erst recht PSG und MLPD offene Türen einrennen. Dafür muss man nicht rechts wählen, es gibt an allen Enden des politischen Spektrums parteien, die mit der aktuellen Situation unzufrieden sind und radikale Schritte propagieren.
Genaugenommen ist das ja auch die Definition von "Ende des politischen Spektrums"

Und für reine Protestwahlen gibts immer noch die PARTEI.
Das mag ja alles sein, aber warum zum Teufel ist "dagegen" immer = populistisch, oberflächlich, rechts? Verstehe ich nicht.
"rechts" ist "dagegen" nicht immer, das gibt es im linken Spektrum genauso. (auch wenn die rechten es vielleicht etwas häufiger öffentlich äußern - als radikaler Pazifist, Tierschützer,etc. kann man eben auch rausbrüllen, "wofür" man ist. Als überzeugter Nationalsozialist & Parteifunktionär beschränkt man sich in Deutschland lieber darauf zusagen, was man nicht mag, weil einen sonst niemand mehr wählt)
Aber das reines "dagegen" populistisch ist, liegt in der Natur der Sache. Politik ist immer ein Kompromiss und 95+% der Leute werden das Ergebnis nicht als optimal betrachten, weil ihre eigenen Ansichten nicht zu 100% umgesetzt wurden. Also ist man "dagegen", wie es ist. Das ist einfach - und oberflächlich. Mit praktikabler Politik hat es schlichtweg nichts zu tun, aber man kann wunderbar damit Stimmung machen und aufhetzen.
Als des-wählens-würdiger Politiker (ungleich Populist) kann man natürlich auch gegen etwas sein (sollte man sogar, es gibt immer was zu verbessern) - aber man muss im Gegenzug auch sagen können, "wofür" man denn ist. Und da kommt man mit Oberflächlichkeiten nicht mehr weit, denn dann muss man eben einen neuen Kompromiss vorschlagen. Einen, der nicht mehr die Interessen von 95% der Bevölkerung nur zum Teil erfüllt.
Und so etwas ist verdammt schwierig, denn die Durchsetzung einer ganzen Reihe von Interessen schließt die Durchsetzung einer ganzen Menge anderer aus. Aber soviel Komplexität mühen Populisten weder sich selbst noch ihrer Zielgruppe ab. Lieber einfach "dagegen" brüllen, anstatt mal ein schlüssiges Konzept vorzulegen, wie es denn tatsächlich für alle (!) besser laufen könnte.
Beispiel:
"gegen den Euro". Das ist easy. Teuere Staatsrettungen, noch viel teurere Bankenrettungen, Kontrollverlust, Bedrohung von Arbeitsplätzen - der Euro, wie er jetzt ist, ist defintiv nicht perfekt. Gegen diesen Ist-Zustand sollte man sein.
Aber was kommt nach dieser populistischen Floskel?
- "Für die D-Mark"? Das fordert kaum jemand der Eurogegner. Weil sie sich nämlich nicht der Diskussion stellen wollen, was dann aus der exportorientierten deutschen Wirtschaft werden soll. Weil sie nicht die Frage beantworten können/wollen, ob eine unabhängige Währung den Verlust (zehn)tausender gut bezahlter Arbeitsplätze wert ist. Weil es ihnen zu komplex ist, darüber nachzudenken, dass Deutschland über die EU wesentlich mehr Macht auf andere Staaten ausübt, als die EU auf Deutschland.
- "Griechenland raus aus dem Euro"? Auch damit tritt niemand an. Wäre auch problematisch, wenn jemand fragt, was dann aus Portugal, Spanien, Italien, Frankreich, Irland werden sollte. Und Deutschland, dessen Finanzwirtschaft und damit auch Staatsfinanzen da tief mit drin hängen. Dazu, was diverse abstürzende Staaten für die Freizügigkeit innerhalb Eurpas bedeuten würden, nehmen Populisten auch lieber keine Stellung.
- "gegen den Euro wie er ist und dafür für einen Euro, der ..." Damit tritt niemand an. Wäre ja auch viel zu lang fürs Wahlplakat. Und für die Aufmerksamkeitsspanne derjenigen, die Populisten reinfallen.
Aber "gegen den Euro", dass können viele. Von ganz links bis ganz rechts. Wieviele der Wähler, die denen am Ende ihre Stimme geben, wollen wohl wirklich den Euro und die EU abschaffen, damit der Weg frei ist für die Förderation sozialistischer europäischer Staaten? Oder für ein "Europa ohne Grenzen" nach Vorbild von 1943? Vermutlich keiner. Aber Populisten sagen nicht nur nicht, wofür sie sind - deren Wähler fragen auch gar nicht erst danach. Hauptsache, man war "dagegen"...