Das Vorhaben des Finanzministers ist in der Ampelkoalition jedoch umstritten. Von SPD und Grünen werden stattdessen gezielte Entlastungen für Einkommensschwache gefordert. Grünen-Co-Chef Omid Nouripour äußerte sich zurückhaltend zu den Steuerplänen Lindners. Nouripour sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Für Herbst und Winter braucht es ein Maßnahmenpaket, das insbesondere Menschen mit wenig Geld, mit kleinen und mittleren Einkommen entlastet - gerade, wenn der Staat nicht unbegrenzt entlasten kann."
Selbstverständlich könne der Finanzminister Vorschläge machen, so Nouripour. "Wir werden am Ende in der Koalition gemeinsam darüber beraten, welche Maßnahmen sinnvolle und gezielte Entlastungen sind."
Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch sagte: "Steuersenkungen in Milliardenhöhe, von denen Topverdiener dreimal so stark profitieren wie Menschen mit kleinen Einkommen, gehen an der Realität vorbei." Es müssten nun Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen entlastet werden.
"Ein weiterer kräftiger Entlastungsimpuls bis in die Mitte der Gesellschaft ist richtig und notwendig, sollte aber vor allem auf Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen zielen", sagte der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Achim Post, der Nachrichtenagentur Reuters. Die Vorschläge des Finanzministers seien unter diesem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit noch verbesserungsbedürftig.
Post betonte zudem, dass ein vollständiger Abbau der sogenannten kalten Progression gerade in der jetzigen Phase einer hohen Inflation "äußert kostspielig und alles andere als zielgerichtet" wäre, da hohe Einkommen davon besonders stark profitieren würden. "Die vorgeschlagenen Anhebungen beim Grundfreibetrag und Kindergeld gehen zwar in die richtige Richtung, reichen jedoch nicht aus", sagte er. Die hohen Energie- und Lebensmittelpreise träfen vor allem kleine und mittlere Einkommen.