AW: Der ewige Konflikt - Was haltet ihr von Israels Politik im Bezug auf die Palästinenser?
Darf ich mal erfahren, was ihr als die Bevölkerungsgruppe Palästinenser seht? Den Begriff Palästina gibt es erst seit der Besatzung durch England.
"Palästina" gibt es seit dem römischen Reich. Neu -eine Erfindung des 20. Jhd.- ist "Israel".
"Die Palästinenser" ist trotzdem definitionsbedürftig, denn so kann man eigentlich alle ethnisch aus der Region stammenden Leute nennen - auch einen gewissen Teil (jüdischer) Einwohner Israels.
Davor lebten dort ein paar Araber und ein paar Juden. Die jüdische Bevölkerung sehnte sich nach einem eigenen Staat, da es dergleichen nirgends auf der Welt gab,
Jein. Die jüdische Bevölkerung vor Ort mag sich auch nach einem eigenen Staat gesehnt haben (wer würde das nicht?), aber entscheident für die heutige Situation ist, dass sich eine ganze Reihe von Juden weltweit nach einem jüdischen Staat gesehnt hat - gerne auch auf dem Land der erwähnten nicht-jüdischen Palästinenser.
Dann wurde der Staat ausgerufen, alle Nachbarn griffen an, aber Israel siegte. Laut UN-Resolution war ebenfalls ein Staat für die dort lebenden Araber gedacht, allerdings wollten die islamischen Nachbarn keinen jüdischen Staat dulden.
Man beachte: Es war ein Staat für die Leute dort gedacht, es kam nicht zustande, weil "die Nachbarn" einen weiteren Staat ablehnten.
Davon abgesehen schilderst du hier eine recht dynamische Sache. Es war keineswegs immer und von allen Seiten eine Zweistaatenlösung geplant. Denn die hat nun einmal zwangsläufig humanitär höchst fragwürdige Folgen für diejenigen Einheimischen, die nicht in dem ihnen "zugedachten" Staat leben.
Israel hätte die ganze Zeit über auf Land verzichtet, was den Vorfahren gehörte
Dieses Land hat im Laufe der Jahrtausende sehr, sehr vielen Leuten einmal gehört. Würde mich nicht wundern, wenn über 50% der Weltbevölkerung irgend einen Vorfahren hat, der zu einer politischen Gruppierung gehörte, die irgendwann in historischen Zeiten dort einmal an der Macht war.
Entscheident für die Frühphase des Staates Israel ist, welchen zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Leuten das Land einmal gehört hat. Und das waren nicht die in großer Zahl eingewanderten Isralis, sondern die in ebenso großer Zahl vertriebenen muslimischen Palästinenser. Von denen zu verlangen, dass sie den Diebstahl akzeptieren, war arg optimistisch - sich auch noch als gönnerhaft darzustellen, weil man einen winzigen Teil des ehemaligen Eigentums zurückgeben würde, wenn dafür der Kampf um den großen Rest aufgegeben wird, ist schlichtweg dreist.
Und doch soll immer Israel dran schuld sein, ja klar. Am Ende sind sie auch Schuld, dass sie mit Raketen beschossen werden.
"Schuld" sind in einem komplexen Prozess meistens mehrere. Israel liefert zumindest genug Leuten ein enormes Aggressionspotential und Israel hat es -trotz (vermeintlich?) super toller Überwachungsmöglichkeiten und militärischen Kapazitäten (=zielsicher einen Terroristen mitten in einem Wohngebiet treffen wollen)- seit über sechs Jahrzehnten nicht geschafft, die Grenzen des eigenen Staatsterritoriums (wozu Westjordanland und Gaza-Streifen nunmal zählen) so zu kontrollieren, dass kein Waffenschmuggel mehr stattfindet.
Aber die Frage nach "Schuld" und andere, auf die Vergangenheit gerichtete Konzepte wie "Vorfahren" sind sowieso die Kernprobleme dieses Konfliktes...
Würde man sich einig werden.. die eine Seite feuert keine Raketen mehr ab und die andere baut die Siedlungen nicht für sich selbst, sondern für alle Menschen in der Region, wäre das Thema schnell erledigt.
Für letzteres gibt es aber keine Zustimmung - und für ersteres wäre sie schon schwer, ohne eine Aufgabe eines Teils der Siedlungen anzubieten, unmöglich wenn deren Bau vorerst weitergeht. Denn die Gegenseite sind nunmal nicht "die Palästinenser", sondern es sind mehrere palästinensiche Gruppierungen. Die Zahlen der in letzter Zeit durch neue Siedlungsprojekte vertriebenen oder ernsthaft behinderten ist zwar heutzutage geringer, als in früheren Jahrzehnten, aber für eine Terrorzelle braucht man wirklich nicht viele Leute. Dazu kommen Leute, die Angehörige durch israelische Kriegshandlungen verloren haben.
Du vergleichst also einen demokratischen Staat(Israel) mit einem totalitären Regime?
Gegenüber den Bewohnern der Landesteile "Westjordanland" und "Gaza-Streifen" ist Israel ein totalitätes Regime. Diese dürfen weder die Regierung wählen (nur eine Selbstverwaltung - die aber eben einen Teil der Staatsmacht überhaupt nicht ausleben darf), noch haben sie einen angemessen Anspruch auf Zugang zu elementaren Ressourcen, zeitweilig nicht einmal zu lebenswichtigen Gütern; sie haben keine Reisefreiheit (oftmals nicht einmal innerhalb der eigenen Region), sie werden z.T. enteignet und ihr Tod als Kollateralschaden wird, selbst in größerer Zahl, hingenommen. Dazu kommen immer mal wieder Phasen militärischer Besatzung, in denen selbst die Nutzung des öffentlichen Raumes beschränkt wird.
Man muss mit der Nazi-Keule vorsichtig sein, denn eine systematische Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen ist quasi nie ein angemessener Vergleich, aber in allen anderen Bereichen sind große Ähnlichkeiten zu erkennen und mir fällt spontan auch kein anderer, wirklich ähnlicher Konflikt ein - die meisten sind einfach zu kurz, um so schwere Auswirkungen auf das Zivilleben zu haben, oder Revolutionen eins sehr großen Bevölkerungsteils. (am nächsten dran wäre vielleicht der sowjetische Einsatz in Afghanistan. Aber die waren wenigsten auf Seite eines Teils der Bevölkerung und bemüht, eine sozialistische Infrastruktur aufzubauen, die bekanntermaßen für Leute, die wenig haben, einige Vorteile bringt)