Aber wir kommen hier vom Thema ab. Ich will wissen, ob man sich von China etwas abschauen kann, was uns in der Summe als Gesellschaft voranbringt?
Nö. Man kann an China sicherlich sehen, dass sich vorrausschauende Planung und Integration in großem Maßstab auszahlen. Aber um das zu wissen, braucht man kein China. Da gibt es nicht "zu lernen".
Und um ersteres umzusetzen braucht man einen Zusammenschluss von 1,4 Milliarden Menschen sowie einen hinreichend großen Kontinent mit genug Rohstoffen, um diese zu Versorgen. Um letzteres umzusetzen eine politische Führung, die sinnvoll und rational handelt. Die Zeiten, in denen man sich als Europäer Kontinente nehmen konnte, sind aber vorbei und einen freiwilligen Zusammenschluss in großem Mastab können nicht "wir" "uns" "abgucken". Dafür müssten ein Bewusstseinswandel weit über Europa hinaus einsetzen. Und wie man eine vorrausschauende, mitdenkende Regierung ins Amt bekommt, ist eine Frage die seit der Antike nicht abschließend beantwortet werden konnte. Die Chinesen haben eine Einparteiendiktatur und sich damit unter Mao so richtig in die Scheiße gesetzt. In den 80ern/90ern hatten sie, rein vom Wohlstand her betrachtet, Glück mit den Machthabern. So viel, dass der Aufschwung bis in die heutige Zeit nachgewirkt hat und es ging sogar gesellschaftlich geringfügig voran (dafür umwelttechnisch so steil bergab, dass die Zustände unhaltbar waren). Seitdem das gleiche System Xi an die Macht gebracht hat, geht es gesellschaftlich steil bergab und der wirtschaftliche Fortschritt hat sich immmer weiter verlangsamt. Geb dem noch 5-10 Jahre und er hat das gesamte Momentum aufgebraucht, dass seine Vorgänger durch Vorausdenken aufgebaut und teils auf niederer Ebene durch Personalentscheidungen verstetigt hatten.
Wir haben mittels Demokratie in der gleichen Zeit diverse Regierungsrichtungen durchprobiert und dabei immer mal wieder Fort- und ebensooft Rückschrittchen gemacht. Fand ich im Schnitt ehrlich gesagt besser und dass netto weniger Fortschritt dabei herauskam, lag nur zum Teil am System, primär aber an den Ausgangsvoraussetzungen: Wer ganz hinten startet und Entbehrung gewohnt ist, kann viel Abgucken und schultert hohe Belastungen. Wer es schon relativ gut hat und wenig tut, wird ausgehend von der Spitze keine großen Sprünge nach vorne machen.
Für die nächsten Jahrzehnte könnte es aber eine gewisse Verschiebung geben: Während die Welt durch die ökologische Überlastung, die klimatische Überlastung, den Ressourcenaufbrauch und den technischen Fortschritt immer komplexer wird, werden unsere Informationssysteme immer ineffektiver und fehlerhafter. Dagegen ist eine Demokratie, in der von jedem Bürger erwartet wird, dass er mitentscheidet, was gut ist, ein echtes Problem. Autokratien sind gegen dieses Problem in erstere Instanz resilient, weil sie einerseits die Informationsflüsse lenken und andererseits unabhängig von der Mehrheitsmeinung jemanden fragen können, der sich auskennt.
Allerdings ist aus Nordkorea, Kuba und einigen andern Autokratien bekannt, dass in zweiter Instanz die Bildung der eigenen Führungsriege genau dem gleichen Problem unterliegt und für Xis China gibt es ebenfalls hinweise, dass kompetente Leute ruhiggestellt und durch führertreue ersetzt werden, weil die Machthaber selbst zu inkompetent sind, um die geeigneten Experten auszusuchen und gleichzeitig zu paranoid, um an jemand fähigeren zu deligieren. Was bei solchen Prozessen rauskommt, hat man am dritten Reich gesehen und bekommt es die nächsten Jahre auch in den USA in deutlich höherer Geschwindigkeit und mit bessern Einblickmöglichkeiten als in China vorgeführt.+
tl;dr: Man kann von China nichts lernen. Aber die europäischen Bürger sollten endlich mal anwenden, was man als Allgemeinwissen betrachten kann.