Die Abgaben sind noch viel zu niedrig - jedenfalls, wenn man das Kranken-, Pflege-, Renten- und Sozialsystem am Laufen halten will.
Dann solltest du dich nicht wundern, wenn sich immer mehr Leute dagegen entscheiden.
Aber auch du machst hier den Fehler zu denken, dass die gestiegenen Stundenpreise lediglich am Lohn der eigenen Angestellten liegt. Falsch! Die Zulieferer, Fremdfirmen, alle schlagen ihre Lohnkosten auf ihre Produkte und Leistungen drauf. Und so entsteht besagt Inflation bei Dienstleistungen.
Ich mache den Fehler nicht. Ich sage, dass steigende Abgaben nicht tragbar sind.
Das Problem ist doch einfach, hier anhand eines fiktiven Beispiels:
Ich (also, ein erzählerisches Ich, nicht ich selbst) bestelle Unternehmen X, um mir irgendwas in der Küche machen zu lassen. Jetzt kommt der Handwerker und kassiert 50€/Stunde und noch 200€ Materialkosten, insgesamt zahle ich also 200€. Jetzt bin ich nicht der reichste und bekomme 15€/h netto, was ein gar nicht mal schlechter Nettolohn ist. Sind immer 2400€/Monat. Für die Küchenarbeiten muss ich also 20h arbeiten. Der Handwerker ist 2h da, bei der Produktion kommt über die ganze Wertschöpfungskette noch 2h zum gleichen Stundensatz rein.
(Wundert's da eigentlich irgendwen, dass sowas oft schwarz gemacht wird? Der Handwerker bekommt für 2h 50€, also für die gleiche Arbeit 2/3 mehr, ich habe 50€ bzw. 20% gespart)
Von den 50€ sieht mein Handwerker netto aber auch nur 15€, während der Unternehmer gut 30€ Lohnkosten hat (keine Ahnung, ob's stimmt, müsste aber so ganz grob hinkommen). 10€ an Abgaben gehen also an den Staat bzw. an diverse Sozialversicherungen.
Aaaaber: Mein Arbeitgeber hat auch 30€ Lohnkosten/Stunde. Würden die ganzen Abgaben wegfallen, hätte ich doppelt so viel Geld und müsste nur 10h für die Küche arbeiten, mein Handwerker hätte doppelt so viel Geld und wir beide hätten effektiv die doppelte Kaufkraft. Einfach mal vorstellen, wie es wäre, wenn die Zahl auf der Abrechnung doppelt so hoch ausfällt.
An Abgaben fallen übrigens allein für meine Küche 360€ an (meine Abgaben machen die Masse davon aus), während mein Handwerker 30€ verdient.
Klar, irgendwo braucht's Sozialversicherungssysteme, aber die Belastung ist einfach absurd und frisst effektiv die Hälfte des Geldes, was der Chef bezahlt, auf. Das ist zu viel, egal wie man es rechnet.
Drehen wir jetzt mal die Beiträge ordentlich auf. 45€ Lohnkosten bei 15€ netto. Jetzt bezahle ich 260€ für meine Küche, also 30% mehr, oder umgekehrt fällt meine Kaufkraft um ~23%. Ich bin also 23% ärmer geworden.
Jetzt schauen wir uns mal meinen Chef an. Der hat natürlich auch gestiegene Kosten. Angenommen, ich arbeite für eine Firma, die irgendwas exportiert. 50€ wird meine Arbeitsstunde abgerechnet, Lohnkosten sind 30€. Jetzt sind es 45€ an Lohnkosten. Bleiben wir mal bei der Küche, für die ich jetzt 24h arbeiten muss. Wie hoch sind jetzt die Abgaben? 720€ zahlt mein Chef an Abgaben, dafür dass ich mir was in der Küche machen lasse. Dazu kommen noch 120€, die der Staat vom Handwerker und dem Hersteller des Materials kassiert.
Nun, mein Chef muss mich jetzt aber mit 65 statt 50€ abrechnen und da sind weitere Kosten wie Verwaltung, Weiterbildung etc. noch gar nicht drin. Da sind auch Leute involviert, also steigt's da eigentlich noch mehr. Halten wir es jetzt mal einfach mit 65€, also 30% mehr. Die landen natürlich auch auf dem Preisschild. In Folge wird das Zeug, was ich auf der Arbeit baue, teurer. Das will aber keiner bezahlen, also muss Cheffe irgendwo sparen. Tja... vielleicht geht mein Arbeitsplatz so flöten.
Bleiben wir aber bei den ganz direkten Auswirkungen auf mich als Einzelperson. Ich kann mir gut ein Viertel weniger leisten, weil alles teurer geworden ist. Grob gesagt wäre es so, als würde ich nur 11,5€ bekommen, also 1840€/Monat. Schön, der Staatssäckel hat mehr drin, aber muss auch jedem Empfänger mehr bezahlen, damit der Empfänger relativ genauso viel bekommt wie vorher. Ich verzichte also effektiv auf >500€ im Monat, damit der Staat knapp 50% mehr Leute effektiv versorgen kann.
Wow. In einem hat man einen ordentlichen Inflationssprung hingelegt, die Wirtschaft ist gewachsen und der Arbeitnehmer ist ärmer geworden. Nice.
Irgendwelche groben Rechenfehler drin?
Umgekehrt hätte man ja die Sozialsysteme auf ein Minimum reduzieren können (die Sozialschwachen, die hier so gerne als Beispiel rangezogen werden, bekommen ohnehin nur das Minimum), wodurch die Kosten drastisch fallen, also vom gleichen Geld sehr viel mehr Leute versorgt werden können, gleichzeitig die arbeitende Bevölkerung aber mehr hat, um es eigenverantwortlich entweder auf den Kopf zu hauen oder aber in eine private Alters- oder sonstige Vorsorge zu investieren, je nachdem, wie man sich entscheidet.
Das wäre mein Gedanke eines Sozialstaates: Du hast ein Dach über dem Kopf, eine warme Dusche und was zu essen, aber erwarte keinen Luxus. Deine grundlegenden Menschenrechte sind erfüllt, alles darüber hinaus ist deine eigene Sache. Mach was dafür oder lass es halt bleiben. Eigenverantwortung eben. Klar, das Leben kann scheiße laufen, aber das ist dann persönliches Pech. Verhungert wird trotzdem nicht. Das kann man als unfair sehen, aber daran ist ja nicht das Sozialsystem schuld, sondern der eigene Lebenslauf.
Und natürlich würde eine solche Reform einen ganzen Schwung Rentner und Pensionäre ziemlich anpissen, vermutlich von irgendwelchen Gerichten kassiert werden, das übliche halt. Aber tragbar ist ein Sozialsystem nur begrenzt und wenn man von den Einzahlern immer mehr sind, sagen die am Ende: Ihr könnt mich mal. Dann hauen die entweder ab, wählen Parteien, die was ändern wollen oder, wenn sich so nichts ändern lässt und es zu untragbar wird, wird es unschön im Lande. Und das Problem daran, wenn es unschön ist, weil die Masse der Arbeitnehmer auf die Barrikaden gehen, ist, dass die sehr viel bessere Aussichten haben, sich mit Gewalt durchzusetzen, als es die Empfänger der Sozialhilfen haben.
Es ist keine Lösung, einfach mehr und mehr Geld über die Lohn(-neben-)kosten einzusammeln. Das wird nichts. Sowas kann man für kurzfristige Ausgleiche machen, aber wenn etwas zum systemischen Problem wird, müssen entweder anderweitig Einnahmen her oder die Ausgaben müssen runter. Da kann man sich über soziale Probleme beschweren wie man will. Es geht halt nicht, ohne andere soziale Probleme zu schaffen. Und ich für meinen Teil würde mal ganz bescheiden feststellen, dass randalierende Rentner weniger ein Problem wären als randalierende Arbeiter. Ersteres ist allein schon in der Vorstellung absurd.
Wir haben also 3 Wege:
1. Sozialsysteme einkürzen, Problem: Rentnerrandale.
2. Anderweitig das Geld herholen. Problem: Das wird denen nicht gefallen, die es haben. In der Regel haben die als gesellschaftliche Klasse einen ganz beachtlichen Einfluss auf die Wirtschaft des Landes mit allen Folgen.
3. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Beitragsbeziehern anpassen. Über die Probleme werde ich jetzt nicht im Detail referieren, in Teilen sind sie auch mit 1. verbunden, aber insgesamt noch sehr viel ausführlicher.