Was mir auch noch an unseren Bildungssystem aufgefallen ist: ein Abitur von einer Gesamtschule wird nicht so hoch angesehen wie ein Abitur vom Gymnasium. Aber warum ist das so? Ist das Abitur am Gymnasium wirklich anspruchsvoller? Oder sind das einfach noch veraltete Denkmuster?
Die Ausbildung an einer Gesamtschule ist im Schnitt schlechter. Gymnasien werden unterm Strich besser finanziert und man hat die Garantie, dass der Schüler von der fünften/siebten Klasse bis zur zwölften/dreizehnten einen Gymnasialzweig belegt hat.
In der Praxis ist mir aber ehrlich gesagt noch nie jemand begegnet, der sich ein paar Jahren nach Schulende noch für das Abizeugnis interessiert. Das ist nur ein Notbehelf bei der Studienplatz- oder Lehrstellenvergabe, weil man bei einem Schulabgänger halt gar keine andere Grundlage hat, man aber z.B. den Hochschulzugang für hundertausende Leute pro Jahr auch nicht über komplexere Auswahlverfahren abwickeln kann. Sobald jemand nach der Schule irgendwas anderes brauchbares gemacht hat, interessiert nur noch das.
Es ist aber ein grundsätzliches Thema der Chancengleichheit.
Nur weil im Kindes- oder Teenageralter die schulischen Leistungen, aus welchen Gründen auch immer, nicht passen, heisst das noch lange nicht, dass diese Personen dumm sind.
Der Zwang, dass man für - aus meiner Perspektive - für viele gängige Jobs mittlerweile Abi braucht, erzeugt unglaublichen Leistungsdruck auf die Heranwachsenden und verschließt Mittel- oder Hauptschulabgängern fast jegliche Perspektive, irgendwann bescheidenen Wohlstand zu erwerben.
Wenn es tatsächlich um eine Ausbildung zum Bankkaufmann ging, war das aber einer der ganz wenigen Posten, wo ein Abi tatsächlich sinnvoll ist. Für eine komplexere Finanzberatung kann man Teile von Oberstufen-Mathe gebrauchen, für den Umgang mit reichen Kunden sind die sprachlichen Feinheiten und die kulturelle Bildung, die Oberstufen vermitteln sollten wünschenswert und zwei Fremdsprachen beherrschen nach der Mittelstufe auch nur die allerwenigsten fließend. Eine so hohe Trefferquote von "kann man gebrauchen, muss man nicht selbst beibringen" kann kaum eine andere Schul-Ausbildungskombination vorweisen wie Abi-Bankkaufmann.
Umgekehrt kann die Politik wenig daran ändern, dass auch in Produktion und teilweise sogar Handwerk Abiturienten bevorzugt werden: Diese Unternehmen sind nicht einfach blöd und verlangen nach einem Abi, dass gar nicht benötigt wird, nur um ihre Lehrlinge zu Verschwendung von drei Jahren Lebenszeit zu zwingen. Sondern diese Unternehmen nehmen die laut Schul-Ranking höchstqualifizierten Leute, die sie bekommen können, weil sie sich mit "dümmer" nicht rumärgern wollen. Nun heißt ein schlechter Abschluss zwar nicht, dass jemand dumm ist, aber die Wahrscheinlichkeit steigt und kaum ein Unternehmer sind einen Anlass, dieses Risiko aus reine Menschenwürde einzugehen. Ganz abgesehen davon, dass man mit einem Bein wegen Diskriminierung im Knast steht, wenn man formell besser qualifizierten Leuten den Job verweigert und willkürlich jemand anderen wählt. (Straflos benachteiligt werden dürfen nur alte, weiße Männer. Aber die sind ja alt, also spielt der Schulabschluss keine Rolle mehr.)
Das einzige, was die Politik machen könnte: Die Abiturientenschwemme einzugrenzen, die durch zu lasche Anforderungen in den Schulen entstanden ist. Gäbe es nicht so viele Abiturienten, wären halt Haupt- und Realschüler das Beste, was man für einfachere Jobs bekommen könnte und man würde die nehmen. Aber es wären nicht die Haupt- und Realschüler, die heute verzweifelt nach einer guten Tätigkeit suchen. Wenn man die Anforderungen anzieht, steht das unterste Quartil nicht auf einmal chancengleich mit seinem Hauptschulabschluss neben den Leuten, die bislang mit einem schlechten Abi auf den Arbeitsmarkt gestartet sind. Sondern das erst Quartil geht dann ohne Abschluss und mit einem 7.-Klasse-Zeugnis ins Rennen, in dem es genauso schlecht ist wie heute.
Was es braucht, ist eine anhaltende Phase von näherungsweise Vollbeschäftigung aka ""Fachkräftemangel"". Nur dann probiert es jemand mit Menschen, die auf dem Papier wenigversprechend aussehen.
Studienplätze kosten Geld, viel Geld, das evtl. anderen Ortes fehlt.
Wenn einer nach 2 oder 4 Semester (immerhin 1-2 Jahre) feststellt, das ist nix für mich oder es ist viel schwerer als gedacht, OK.
Orientiert sich die Person eben um, kein Problem.
Aber wenn man um dein obiges Beispiel der Ricarda Lang aufgreift, die 2012 angefangen hat, Jura zu studieren und 2019 (!), nach 7 Jahren (Regelstudienzeit 5 Jahre) abbricht, dann habe ich den Eindruck, dass sie weder den Biss für eine Studium hatte, noch besonderen Lerneifer an den Tag gelegt hatte.
Dummheit will ich ihr da gar nicht unterstellen, aber eine gewisse Faulheit/Trägheit.
Und - jemand, der evtl. fleissiger gewesen wäre und evtl. ein super Rechtsanwalt geworden wäre, der ist bei der Studienplatzvergabe leer ausgegangen - und so was ärgert mich.
Da musst du im Zweifel aber auch gucken, ob in diesen Jahren überhaupt etwas weggenommen wurde oder ob nicht viel mehr andere Gelegenheiten ergriffen wurden. Ich habe in meinem Bekanntenkreis auch jemanden mit ich glaube 14 Semestern und ohne Abschluss. Erfolgreicher Unternehmer, vor Corona hatte er afaik über ein Dutzend Mitarbeiter. Bei dem hat sich halt zu Studienzeiten aus einem Job eine lukrative Tätigkeit entwickelt, die immer mehr Zeit in Anspruch genommen hat. Die vielen Semester hat er, weil er sich immer vorgenommen hat, trotzdem noch die Sache fertig zu machen, die ihm eigentlich wichtig war und ist. Erst spät hat er eingesehen, dass er jetzt einfach wichtigeres im Leben zu tun hat und sein altes Vorhaben immer hinten anstehen wird. Er hat in dieser Zeit aber niemandem irgendwas "weggenommen" aka Veranstalungen x-fach besucht, weil er "zu faul" war. Sondern hat sich einfach jedes Semester für weniger Veranstaltungen eingeschrieben, weil ihm die Zeit gefehlt hat.
Ähnliches kenne ich auch von praktisch allen anderen Langzeitstudenten in meinem Umfeld: Die Gründe, warum sie so wenig Zeit in ihr Studium gesteckt haben, schwanken stark und nicht jeder könnte dir bei einer Bewerbung was anderes tolles nennen, was er stattdessen gemacht hat. Aber keiner hat das Studium anderer Leute behindert.
Von daher emfinde es auch immer wieder als peinlichen Populismus, wenn Politiker über Langzeitstudenten herziehen oder denen gezielt Knüppel zwischen die Beinen werfen, was mittlerweile eher die Regel denn die Ausnahme ist. Das ist nichts weiter als Bildungsverweigerung gegenüber Leuten, die ihr Studium mit irgendwas anderes koodinieren müssen, also nicht den Luxus haben, ein paar Jahre auf Kosten anderer nichts anderes zu machen, als ihren Interessen nachzugehen. Solche Leute nehmen niemandem Bildungschancen weg (Prüfungswiderholungen sind an allen Unis gedeckelt, man kann sich also nicht x-fach am gleichen Kurs versuchen und den immer wieder belegen), diese Leute sorgen für ihr eigenes Auskommen und wenn die negativste Folge für die Gesellschaft könnte sein, dass sie später weniger Leben übrig haben, in dem sie so produktiv sein könnten, wie andere sich das Vorstellen.
Die wahren Bösewichte sind eher solche wie ich, die einen Abschluss haben, aus dem sie so gut wie gar nichts anwenden und für den auch noch in 134 Semesterwochenstunden Hauptstudiumsveranstaltung breigemacht haben, obwohl nur 100 nötig vorgesehen waren.
Ja. Die Schulklassen sind viel zu groß.
Wie groß sind die eigentlich mittlerweile? Ich sehe immer diese Berichte über "Lehrermangel" und sehe dann Aufnahmen von <20 Schneeflöckchen. Zu meiner Zeit war >30 angesagt, Rekord war meiner Erinnerung nach 36.
Die Rüstungsindustrie will Geld verdienen.
"verdienen" kommt von "etwas verdient haben"...
Da ging es um Arbeitsplätze.
Die trotzdem abgebaut wurden. Und zwei Jahre später sollte die Politik dann wieder den selbst verursachten "Fachkräftemangel" mit Gastarbeiterprogrammen bekämpfen.
Selbst die Bahn steht noch vor der Bildung.
"Stehen" kann die Bahn halt.
Allerdings würde ich nicht sagen, dass mit "Bildung" beschriftete Projekte gar keinen Stellenwert haben. Wer z.B. Hard- oder Software für Bildungszwecke verkauft, verdient sich ein goldenes Näschen. Die Schulbuchverlage auch weiterhin. Nachhilfeindustrie, Catering-Dienste, etc.: Etwas für "Bildung" zu machen, lohnt sich.
Nur um Methoden- und Wissensvermittlung geht es irgendwie nie.
Waren das nicht 750 Milliarden?
Wenn man diverse indirekte Maßnahmen mitzählt, würde mich auch eine 0 mehr nicht wundern.