ruyven_macaran
Trockeneisprofi (m/w)
Seleketive Einzelauswahl von sehr selten vorkommenden Langzeitspezies ist keine Grundlage für die Beschreibung des evolutionären Normalfalles.
Der evolutionäre Normalfall, also die fortwährende Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen sowie insbesondere an neue Predatoren, Krankheiten und sich änderndes Nahrungsangebot, trifft auf Homo sapiens überhaupt nicht zu. Wir optimieren nicht uns für unsere Umgebung, sondern wir passen die Umgebung an uns an. Daran werden wir vielleicht irgendwann aussterben, aber nicht an den für wildlebende Tierarten typischen Gründen und somit sind für letzteren Prozess ermittelte Durchschnittswerte auch nicht auf Homo sapiens übertragbar. (Ganz abgesehen davon, dass der Durchschnittswert für sich schon wertlos ist, s.u.)
Mit dem Artbegriff an sich muss man übrigens auch schon innerhalb verschiedener Teile der Biologie und Paläontologie vorsichtig sein und beim Schritt zur Anthrophologie vergisst man am besten alles, was die anderen beiden Disziplinen einem beigebracht haben. Anthropologen sind heute extrem zurückhaltend, was Ausgrenzungen angeht (verglichen mit früher ist das auch wirklich besser so...) und wie man eine "Art" definiert hat massiven Einfluss darauf, wie wahrscheinlich deren Aussterben ist. Neanderthaler z.B. zählten lange Zeit als Unterart von Homo sapiens, den es bekanntermaßen (um zum Leidwesen vieler Arten) immer noch gibt, aber derzeit werden sie als eigene Art Homo neanderthaliensis gewertet und die ist halt ausgestorben. Dabei sind viele nordeuropäische Homo sapiens z.B. Nordgermanen, enger mit Homo neanderthaliensis verwandt, als mit manch afrikanischem oder asiatisch-pazifischen Homo sapiens wie z.B. San oder Koori. Und die morphologischen Unterschiede zwischen diesen drei Gruppen sind zum Beispiel auch nicht kleiner als die zwischen Cervus nippon und Cervus elaphus. Wenn die die typischen Merkmale zum Beispiel verschwinden sollten, weil es im Zuge der heute aufgehobenen geographischen Reproduktionsbarrieren zu einer Hybridisierung kommt, welche die alte Form ersetzt (beide Cervidae sind untereinander fortplanzungsfähig und -willig), würde ein Paläontolge des Jahres 50000 eine verschwundene Art sehen. Passiert genau das gleiche zwischen den drei Homo-Populationen (auch die schnackseln gerne), spricht allenfalls die AFD von "Aussterben".
Übrigens scheinen die meisten Anthropologen Homo heidelbergensis heute als Vorfahren von H. sapiens zu betrachten mit einer Trennung, die vor weniger als einer halben Millionen Jahre erfolgte. Unsere Art hätte also noch gut 9,5 der "10 Millionen" Jahre vor sich. 6 Millionen Jahre ist das Alter der kompletten Gattung Homo respektive deren Trennung von den Schimpansen. Gattungen sind aber viel langlebiger als Arten. Ginko kommt zum Beispiel auf 270 Millionen Jahre, Latimera hat sich vor 150 Millionen Jahren vom nächstliegenden Vertebraten abgespalten.
Also das es eine genetische Uhr für ein Individuum gibt wusste ich.
Aber wie funktioniert das bei einer ganzen Art?
Gar nicht. Es gibt ganz allgemein überhaupt keine Prozesse, die auf der Ebene "ganze Art" ablaufen. Abgesehen davon, dass das (s.o.) für sich schon eine von Menschen teils willkürlch geschaffene Abgrenzung ist, betreffen Prozesse immer Individuen. Eine Art stirbt aus, wenn alle Individuen der Art tot sind. Da es dafür komplett unterschiedliche Gründe geben kann, gibt es aber keinen "typischen" Zeitrahmen und erst Recht keinen Mechanismus dafür. Man kann zwar einen Durchschnittswert für bekannte Arten errechnen, aber aufgrund der unterschiedlichen Hintergründe hätte der keine Aussagekraft. In Nordeuropa wurden über die letzten paar Jahrhundertausende z.B. x-fach zwischen den skandinavischen und alpinen Gletschern ausgelöscht. Im Rest der Welt ist das nicht geschehen. Geht man ein Stück weiter zurück, können wir bei vielen Dinosaurieren überhaupt nicht sagen, wie lang die Art gelebt hat, weil wir nur ein einziges Teilskelett gefunden haben. Selbst wo man mehrere Fundstücke und insgesamt mehr als 10 ganze Knochen vorliegen hat, kann man nichts über die Zeit vor oder nach den Funden sagen. Vor 80 Ma Jahren gab es die Art, vor 79 Ma Jahren auch. Existierte sie aber auch schon vor 100 Ma? Oder war sie vor 80 Ma gerade erst aus dem Ei geschlüpft? Existierte sie vielliecht auch vor 65 Ma Jahren weiterhin und wir haben nur nichts gefunden, weil niemand in eine Teergrube gefallen ist? Oder war die Art da schon ausgestorben ist?
Kann man alles nur raten. Ein Durchschnittswert hätte deswegen einen extremen Bias zu Zeiträumen und Regionen, deren Artenspektrum besonders gut erhalten/erforscht ist. Also Europa und Nordamerika der letzten 1 Million Jahre.
Ich bin kein Genetiker, aber so weit eingelesen, "erlahmt" bzw. degeneriert der genetische Code über die Zeit.
Gensequenzen können weder "erlahmen" noch "degenerieren" und es gibt auch keine "negative Evolution". Es gibt permanent zwei gegenläufige Prozesse:
- Mutationen führen dazu, dass sich Nachkommen von ihren Eltern unterscheiden. Sammeln sich genug Unterschiede an, kann man von einer neuen Art sprechen.
- Selektion sorgt dafür, dass die meisten dieser Nachkommen verrecken (oftmals in den ersten Stunden nach Befruchtung), bevor sie ihre veränderten Gene weitergeben können, weil ihre genetische Veränderung nachteilig war.
Unter konstanten Bedingungen überwiegt in aller Regel die Selektion und man hat in der Kombination die sogenannte stabilisierende Evolution: Die Art verändert sich wenig bis gar nicht, weil die Elterngeneration schon nah am Optimum war und diejenigen Nachfolger die größte evolutionäre Fitness haben, welche dem Vorbild der Eltern am ehesten entsprechen.
Wenn größere Änderungen in der Umgebung das ökologische Ideal verschieben (im einfachsten Fall in dem es ein paar Exemplare der Art in eine neue Umgebung verschlägt, in der es keine ernstzunehmende Konkurrenz um bis dato limitierende Ressourcen gibt), kann es binnen einiger 1000 Generation eine Anpassung geben, die den Status einer neuen Art rechtfertigt (bei sehr guten Bedingungen sogar mehrere, Darwinfinken wären wortwörtlich ein Klassiker). Sterben dann umgekehrt alle Individuen der Ausgangspopulation, z.B. durch eine Eiszeit, hat man eine Aussterbeereignis, obwohl diese Abstammungslinie fortlebt. Wenn man es ganz trivial auf Klassenebene betrachtet, haben sich so z.B. Vögel und Säugetiere von den Saurieren abgespalten und erst dann sind alle anderen von deren Nachkommen getorben. Das man deswegen die "alle Saurer" als "ausgestorben" bezeichnet ist also rein eine Frage menschlicher Definition, die willkürlich zwei Gruppen zu Nicht-Saurieren erklärt hat, obwohl Säugetiere viel enger mit z.B. Dimetrodon (der mit dem Segel) verwandt sind, als dieser mit z.B. Stegosaurus (der mit dem Platten), welcher aus der Ecke mit Vögeln, Pternaodon und Brontosaurus stammt. (Wobei die Vögel natürlich den für seine Grazilität und Leichtigkeit bekannten Brontosaurus als engsten Verwandten zählen, nicht den "Vogelbecken Dinosaurier" Stegosaurus und schon gar keine Flugsaurer
.)Was es parallel dazu an "genetischer Armut" respektive "Fülle" gibt, ist die Menge an lebenden Variationen innerhalb einer Population. Da gibt es theoretisch auch einen verarmenden Effekt über lange Zeiträume bei gleichen Bedingungen, weil eben immer präziser auf das absolute Optimum hin selektiert wird. In der Realität schwanken die Bedingungen dafür aber meist zu stark, die Eigenschaften von Arten pendeln ständig über einen gewissen Bereich und die verschiedenen Genotypen existieren parallel in wechselnden Verhältnissen fort. Eine genetische Verarmung resultiert eher aus massiven Sterbeereignissen. Prähistorisch vermutlich am ehesten durch Krankheiten oder, bei wortwörtlichen Inselpopulationen, auch durch Naturkatastrophen. Da überleben dann nur ein paar dutzend bis 100 Individuen weil sie Glück hatten oder gar weil sie ein bestimmtes genetisches Merkmal teilen und deren Nachkommen haben es im Anschluss extrem leicht, weil es kaum Nahrungskonkurrenz gibt. Die Population wächst entsprechend sehr schnell wieder zu ordentlicher Größe heran, es gibt in dieser kurzen Zeit aber kaum zusätzliche Mutationen und somit sind sich dann alle genetisch sehr ähnlich. Z.B. Geparden hatten vor rund 10000 Jahren einen extrem engen genetischen Flaschenhals (menschliche Beteiligung ist anzunehmen), sodass alle heute lebenden Exemplare ähnlich eng untereinander verwandt sind, wie jahrelang kontrolliert gezüchtete Labormäuse. Hauttransplantationen sind ohne größere Abstoßungsreaktionen möglich, weil nicht einmal das Immunsystem das fremde Gewebe als solches erkennen kann - bei Menschen würde das nicht einmal zwischen zweieiigen Zwillingen klappen (und bei eineiigen nicht wesentlich besser). Die Art muss da verdammt viel Glück in verdammt viel Unglück gehabt haben; wurde vielleicht bis auf nur ein fortplanzungsfähiges Pärchen reduziert und ist dann trotz der unvermeidbar massiven Inzucht nicht an Erbkrankheiten ausgetorben.

