Das eine ist das (theoretische) Wissen und das andere die Erfahrung. Natürlich hat ein 40 Jähriger mehr miterlebt als ein 16 Jähriger. Der 16 jährige kann aber trotzdem eine bessere Bildung haben.
Die KANN aber auch der 40-Jährige haben. Aber wir reden halt nicht über eine Einzelperson, bei der alles denkbar ist. Wir reden über den Durschnitt aller 16-Jährigen. Und die haben im Schnitt keine bessere politische Schulbildung als die 18-, die 22- oder die 40-jährigen. Wieso sollten sie auch? Die Schulen sind, dem Vernehmen nach, nicht besser geworden.
Was die 16-Jährigen aber im Schnitt weniger haben werden, ist private politische Bildung und Erfahrung. Einfach weil der durchschnittliche 16-Jährige sich nicht intensiver mit Politik beschäftigen dürfte, als der durchschnittliche 28-Jährige, aber letzterer das eben schon drei Legislaturperioden länger macht.
Ein ganz wichtiger Faktor bei einer mündigen Wahl ist zum Beispiel gesundes Misstrauen: Welche Partei hat in der letzten Wahl was versprochen? Was haben sie danach tatsächlich umgesetzt? Wo haben sie sich Koalitionären gebeugt? Bzw. in der Opposition: Wo haben sie den Finger auf die Wunde gelegt, wo haben sie Alternativvorschläge eingebracht? Haben sie die Probleme, die sie jetzt im neuen Wahlkampf für wichtig erklären, vorher schon einmal angesprochen oder erst letzte Woche von einer anderen Partei aus deren Programm geklaut, weil Wähler drauf abzufahren zu sein? Welche Partei hat eigentlich in der Vergangenheit die Fehler gemacht, die übehaupt erst zu den heutigen Problemen geführt haben?
DAS ist imho 50% dessen, was ein mündiger Bürger als Grundlage für seine Wahlentscheidung berücksichtigen muss. Und es erfordert ganz offensichtlich, dass man sich mit der vergangenen Politik mindestens einer, besser zwei bis drei Legislaturperioden beschäftigt. Natürlich kann das
ein 16-Jähriger auch rein aus Hobby in seiner Freizeit machen und sich heute z.B. mal Westerwelles Wahlprogramm rauskramen und mit dem abgeleichen, was die FDP dann geleistet hat. Aber außer ein paar ganz wenigen Politiknerds beschäftigt sich doch niemand rückwirkend mit Politik. Man kann, wie gesagt, schon froh sein, wenn sich Wähler mit der Politik, die um sie herum geschieht, einigermaßen intelligent auseinandersetzen. Und zumindest in meiner Generation haben selbst die politisch aktivsten erst damit angefangen, als sie 14-15 waren. Das heißt "18" ist schon der frühstmögliche Zeitpunkt, aber dem jemand diesen "hat eine Legislaturperiode aktiv beobachtet"-Aspekt erfüllen kann. Bei den meisten ging der politische Aktivismus erst so mit 16-17 los, weil sich erst da der persönliche Horizont deutlich über "eigene Familie, Freundeskreis, Stadtteil", also über maximal kommunale Aspekte hinaus erweitert. Das heißt diese Leute sollten gemäß obiger Überlegung erst mit 20,21 das erste Mal wählen - was zufällig genau das Alter ist, dass bei einem Wahlrecht ab 18 rauskommt.
Die anderen 50% wäre dann, wie schon angesprochen, eine inhaltliche Beurteilung der in den Wahlprogrammen vorgeschlagenen, neuen Richtungen.
Auch da hilft Lebenserfahrung: Wer die 2008er Eurokrise mitgemacht hat, sieht die 2022er Inflation mit anderen Augen. Wer die 2015er Flüchtlingskrise mitgemacht hat, denkt anders über die Masse an Ukraine-Flüchtlingen. (Falls jetzt jemand einwenden möchte, dass die Syrien-Flucht ja wohl noch jedem in Erinnerung sein sollte: Nö, sorry. YOU are getting OLD, Boomer. Das langfristige Erinnerungsvermögen der meisten Leute setzt so im Alter von drei Jahren ein, das heißt für einen heute 16-Jährigen liegt "wir schaffen das" EIN DRITTEL seines gesamten bewussten Lebens in der Vergangenheit)
Und sowohl Euroraum als auch Fluchtbewegungen haben wiederum eine andere Bedeutung für jemandem, der in den 90ern erst Urlaub auf dem ehemals zum anderen Block gehörigen Balkan gemacht hat und dem ein Jahr später am italienischen Adriastrand die Kampfjets über die Rübe gedonnert sind.
Aber bei der Beurteilung solcher Fragen hilft auch Wissen. Und zwar sehr komplexes Wissen. Klimwandel und globalistische Ausbeutung von Entwicklungsländern werden heute vermutlich/hoffentlich genauso an der Schule gelehrt, wie zu meiner Zeit saurer Regen und die Folgen von Sozialismus. Aber nicht in der fünften Klasse. Sondern frühestens achte/neunte, die Feinheiten ggf. erst in der zehnten oder später. Und eben auch nur für Themen, die schon bei Erstellung der Lehrpläne rückblickend wichtig schienen.
Manipulation von Wahlen mittels sozialer Netzwerke? Chancen, Risiken, Voraussetzungen von und für Batteriemobilität? Auswirkungen von drei Jahren Pandemie auf Konsumverhalten und -potential einer Bevölkerung und Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung? Russischer Imperialismus im 21. Jhd.? Nichts davon steht heute auf Lehrplänen. Alles davon wären zentrale Themen, wenn heute Bundestagswahl wäre. Die Schulen vermitteln bestenfalls die nötigen Grundlagen, um solche Themen beurteilen können, aber auch das eher in der Oberstufe. Was schon ein mehr als großes Problem ist, weil auch 50% der 20-Jährigen nie eine 12./13. Klasse besucht haben, ihnen also selbst im Best Case die Wissensgrundlagen für eine kompente Wahl fehlen.
Aber bei den 16 Jährigen sind es sogar 100%, die nie eine 12./13. Klasse gesehen haben.
@Nightslaver : Deswegen schrieb ich ja auch, dass die im Unterricht (aktuelle) Parteiprogramme der wichtigsten Parteien durchgehen sollen. Am besten vor den Wahlen. Das hat mehr Praxisbezug.
Schwieriges Thema. Seit den Nazis herrscht in Deutschland absolute Paranoia, was die Behandlung zeitgenössischer, politischer Themen im Unterricht angeht, weil eine sehr große Gefahr besteht, dass der Lehrer die politische Einstellung der Schüler manipuliert. Nicht böswillig oder überhaupt absichtlich, aber der Lehrer setzt Themenschwerpunkte, der Lehrer bringt Maßstäbe ein, der Lehrer entscheidet, welche Informationen wichtig genug sind, um aktiv behandelt zu werden. All das macht er bei einem aktuellen Thema nach eigenem Denken und Gewissen, denn es gibt ja noch keine obektiven Lehrvorgaben zu diesem Thema. Sein eigenes Denken wird aber eben von seiner eigenen politischen Einstellung geprägt und das spiegelt sich dann auch im Material wieder. Der Beruf des Lehrers, insbesondere für Politik oder Ethik, hat schon immer aus gegensätzlichen Gründen sowohl konservative als auch progressive Naturen angezogen.
Jetzt stell dir also mal vor, in einer Klasse besprechen 15-Jährige, die diesen Sommer wählen dürften, den Ukraine-bezogenen Teil von Wahlprogrammen für eine "Bundestagswahl 2023" unter Leitung eines grün-idealistischen Bremers, der sich in den Sommerferien auf die Autobahn geklebt und gegen Gasterminals protestiert hatte. In einer anderen Klasse, ein paar 100 km weiter, machen andere 15-Jährige das unter Aufsicht eines sächsisch-konservativen Russophilen, der nur deswegen keine AFD wählt, weil er schon immer CDU gewählt hat. Kommt in den Köpfen dieser Jungwähler jeweils die gleiche, objektive Grundlage für eine Wahlentscheidung zu stande?
Garantiert nicht. Die meisten Schüler haben in diesem Alter noch den nötigen Überlick und keiner hat die nötige Erfahrung um zu bemerken, wenn sie manipuliert oder einseitig informiert werden. Und das werden sie, massiv unterschiedlich.
Sicher das es nicht unter einem anderen Namen war? Hier in Thüringen war es damals bei mir Sozialkunde sowie Wirtschaft und Recht. Je nach Bundesland kann es aber auch unter anderen Namen, wie z.B. Gemeinschaftskunde, daher kommen.
Ich biete "Politik und Wirtschaft".
Zusätzlich zu allem anderen genannten und ohne das Bundeslang zu wechseln. Gefühlt stand für diese Fach jedes Jahr was anderes auf dem Stundenplan.