Man muss Leute wie Kurt-Georg Kiesinger oder Hans Filbinger (BaWü) bzw. Hans Erhard oder Strauß (Bayern) nicht zwangsweise mögen.
Fakt ist aber, dass solche Leute massiv diese Länder als Industriestandort beworben haben und damit auch großen Erfolg hatten.
Ein nicht unerheblicher Erfolg dieser Leute zahlreicher ihrer Nachfolger bestand darin, Bundessubventionen, Bundesinstitutionen, Bundesprojekte und Bundesinfrastruktur in ihr Land zu holen. Also sich auf Kosten aller hochrüsten zu lassen. Für den Verkehr, für den CSU-Bundesverkehrsminister in Bayern eine dreispurige Autobahn bauen, muss Schlesweig-Holstein aus eigener Tasche eine 1,5-spurige Landstraße unterhalten und sich noch anhören lassen, die Verkehrsanbindungen wären für die Industrie zu schlecht. Baden Würtemberg hat jahrelang aus Strom aus Bundesfinanzierten Atomkraftwerken an exportiert, jetzt steht die Union deutschlandweit quer wenn es auch nur um den Bau von Leitungen geht und den eigenen Atommüll will man natürlich in Niedersachsen verklappen. Von sowas wie hochfinanzierten Forschungseinrichtungen, die die Keimzelle lukrativer Industrien werden können, ganz zu schweigen. Extrem Überproportional im Süden angesiedelt und werden auch weiterhin dort angesiedelt. Nicht in Meck-Pomm. Etwas vergleichbares hatte in den letzten 30 Jahren allenfalls Sachsen - bis eine gewisse Unionskanzlerin kam und es systematisch zerstört hat.
Ich will der dortigen Industriepolitik nicht alles absprechen, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen "einfach besser sein" und "sich systematisch die Rosinen rauspicken". Ergänzt hat man einfach verdammt viel Glück gehabt: Die traditionellen Haupteinnahmequellen von Bayern und BaWü lagen Ende der 50er am Boden, man hat neue mitten in der Wirtschaftswunderzeit hochgezogen. Mit fleißiger Hilfe vom Rest Deutschlands, der es sich damals leisten konnte. Die Zeit der traditionellen Haupteinnahmequellen der nordischen Flächenländer und der westlichen Industrieregionen war in den 70ern und 80ern abgelaufen. Als sich jeder einen Dreck um sie gekümmert und sie im (durchaus kostspieligen) Elend hat sitzen lassen.
Im konkreten Fall von Berlin ist die Institutionsquote zwar hauptstadtbedingt etwas besser (etwas - Berlin hat zwar pro Fläche sehr viele Bundeseinrichtungen, aber nicht unbedingt pro Einwohner, zumal die hochbezahlte Politikerkaste ja meist nur einen Zweitwohnsitz dort hat), aber dafür schlägt umgekehrt das Stadtstaatenproblem zu. Afaik ist keine einzige Großstadt in Deutschland im Plus, nicht einmal München. Das ist einfach ein Grundsatzproblem für die öffentliche Hand, wenn man bei jedem Spatenstich erstmal einen Goldbarren für Grund und Boden rüberschieben muss und keine Flächen für billige Neuansiedlungen hat (stell dir mal Bayern vor ... komplett ohne Neubaugebiete, mit einem vor 20 Jahren rechtzeitig gestoppten Flächenfraß), wenn man den totalen Verkehrsinfarkt nur mit hochsubventionsbedürftigen, aufwendigen Maßnahmen gedeckt bekommt, wenn man Kulturdienstleistungen für 100te km Umkreis erbringt und wenn sämtliche Besserverdiener sowie die meisten Unternehmer ihren Hauptsitz und damit ihre Steuern ins Umland jenseits der Stadtgrenze schaffen. Während es sich z.B. im Rhein-Main-Gebiet noch über die Landeskasse ausgleichen kann, dass Frankfurt die Arbeit und Eschborn die Millionen hat, liegen Potsdam & Co im Falle Berlins halt in Brandenburg. (Nicht das es Brandenburg deswegen automatisch gut geht. 40 Jahre Osten gefolgt von 10 Jahren Ausverkauf und Plünderung gefolgt von 20 Jahren Brain-Drain muss man erstmal ausgleichen)
Bitte nicht böse sein, wenn man durch Städte wir München oder Frankfurt oder Hamburg fährt/geht/besucht und kommt man dann in Berlin an, ist die Letztgenannte einfach nur ein verdrecktes, riesiges Slum mit ganz wenigen Ausnahmeviertel.
Der Gesamteindruck ist, dass weder die Stadtverwaltung noch die Ordnungskräfte die Stadt irgendwie unter Kontrolle hätten.
Ich habe keine Ahnung, wo du dich in den genannten Städten bewegst, aber egal ob Köpenick, Mitte oder Pankow: da gibt es jede Menge Ecken, nach denen sich Rödelheim, Ginnheim, Grießheim oder Frankfurter Berg alle 11 Extremitäten nach ablecken würden. Wer natürlich umgekehrt Neukölln mit Niederursel vergleicht, sollte schon einen ausgeprägten Hang zu Multikulti haben, um ersteres toller zu finden, aber allgemein hat Berlin erstaunlich viele annehmbare Ecken. Nicht alle davon liegen auf der Touristenroute (was KEIN Zufall ist), aber man darf auch nicht vergessen, dass zwischen einem durchschnittlichen Flecken Berlin und dem nächstgelegenen Fleckchen Umland, dass nicht nur "für Großstadtverhältnisse ganz okay", sondern tatsächlich "schön" sein könnte, mehr Menschen leben, als in ganz Frankfurt. Der Anteil weitläufiger, hübscher, idyllischer Stadtrandviertel fällt halt automatisch etwas kleiner aus, wenn man überhaupt keinen Stadtrand hat. Bessere Vergleichsobjekte für Berlin wären somit Düsseldorf, Duisburg, Essen. Frankfurt dagegen kannst du gegen Bremen antreten lassen (und da wäre der Gewinner für mich sehr eindeutig, trotz des massiv ungleichen wirtschaftlichen Potenzials)
Und den BER würde ich übrigens in einem Atemzug mit Stuttgart 21 nennen. Nur das für ersten nicht mehrfach der (Unions-)Bundesverkehrsminster vom obersten Bahnvorsitzenden (aka dem Bundesverkehrsminister) um mehrere Milliarden Bundesmittel betrogen wurde. Der BER dagegen, sosehr er auch eine Fehlkonstruktion war, hat nach Fertigstellung wenigstens zwei extrem kostenineffiziente Prestigeflughäfen ersetzt, die bislang u.a. auch Berlin auf der Tasche lagen.
Also, meine angeheiratete Verwandtschaft aus dem Osten, die z. T. in Berlin lebte und z. T. dort immer noch lebt hat primäre Infos aus dem Westfernsehen gezogen.
Diese erzählten mir:
Wie es tatsächlich in W-Berlin im kalten Krieg aussah, wusste kaum jemand im Osten.
Eher im Gegenteil wurde bis in die 1980ger stets Storys von "Mangelwirtschaft"in Berlin im Staatsfernsehen erzählt.
Kann ich aus meiner Bekanntschaft, rückblickend (damals habe ich mich noch nicht so für das Thema interessierte) nicht im geringsten bestätigen. Zum einen weil der Konsum von Westprogrammen in Berlin extrem verbreitet war und zum anderen weil die Grenze für Rentner sowie Kinder mit Westangehörigen zumindest in den 80ern, afaik aber immer offen war und schon rein statistisch die meisten die Übertritte von und nach Westberlin erfolgten. Wer sich nicht komplett in sein Parteibuch eingewickelt hat, wusste also schlichtweg aus maximal zweiter Hand, was in Westberlin los war. Nicht umsonst wollten die DDRler endlich offene Grenzen.
Wie viele das nun umgekehrt offen gegenüber nur lose Bekannten ausgesprochen haben, steht auf einem anderen Blatt. Ich kenne da einige sehr direkte Personen (Punk, FDJ-Verweigerer, Kind-mit-Levis-in-den-Kindergarten-Schicker...), kann mir aber gut vorstellen, dass einige andere Leute abgesehen von einem unmittelbaren familiär-freundschaftlichen Umfeld (und selbst da wurden systematisch IMs angeworben) von vielleicht 10 Personen immer nur die Antworten erhalten haben, von denen der gegenüber dachte, dass sie politisch unverfänglich sind. Willkommen im realen Leben in einer Quasi-Diktatur.
Nur ist eben der gesamtheitliche Eindruck (und weiss Gott nicht nur bei mir), dass da massiv Geld irgendwohin verschwendet wird und als Hauptstadt einer der wichtigsten Industrienationen der Welt, die RRG Scheinweltblase in gut betuchten Grünen-Wohlstandswohnburgen am Stadtrand einfach nicht funktioniert und der Normalobürger in Berlin mit Zuwendungen zugebuttert wird, nur damit er das Maul nicht aufmacht.
Ich will bezüglich der Weltfremdheit manch RRG-Politikers nicht widersprechen, aber hast du die gleiche Frage mal Diepgen gestellt? Der hat Berlin fast solange regiert wie der nun wirklich nicht als übermäßig talentiert bekannte Wowereit und als ich hatte wirklich nicht den Eindruck, dass Berlin Anfang der 0er Jahre gnadenlos gut, finanziell grundsolide und wirtschaftlich boomend dastand, bis die SPD kam und alles heruntergewirtschaftet hat. Ganz im Gegenteil: Obwohl die Ostförderung in den 90ern wesentlich stärker war, ist Berlin erst in den 0er und den 10er Jahren aufgeblüht, hat einiges an Sanierungsstau aufgeholt (also "einiges" relativ zu dem, was z.B. in München saniert werden müsste. Relativ zu dem, was Berlin immer noch vor sich hat, ist es eher wenig) und auch wenn die Gewinne primär bei Investoren geblieben sind und heute im Stadtsäckel fehlen, ist man zumindest nicht noch weiter abgestürzt.
Meines Wissens ist Berlin "die" Startup Stadt Deutschlands und das seit Jahrzehnten.
Startups funktionieren aber nur in D. wenn die KFW die ordentlich mit Geld zuschüttet.
"Jahrzehnte"? Die Hipster-Szene hat Berlin frühestens vor 10-15 Jahren entdeckt. Und da auch nur die Start-Ups aus dem tertiären Sektor, die große Versprechen aber nur sehr selten große Erfolge und selbst dann keine großen Gewinne haben. Wie gesagt - für physisch große Gründungen hat Berlin einfach nicht die (günstige) Fläche. Und um sich mit irgendwas ans Großkapital dranzuhängen klappt auch nicht, wenn alle Firmen nur mit Zweigstellen vertreten sind, aber Zentralen woanders stehen. München und Frankfurt haben mit dem Konzept seit Jahrzehnten Erfolg, aber das ist ein selbstverstärkender Faktor, den man nicht so einfach kopieren kann.
"Die Szene" war Berlin vor >20 Jahren jedenfalls nur für Hausbesetzer, Grafittikünstler und vielleicht doch den einen oder anderen Liebhaber antiker öffentlicher Verkehrsmittel. (Wenn er die nötige Geduld aufbrachte) Kurze Zeit kamen auch noch Freizeitparkliebhaber, dann aber Trickbetrüger auf ihre Kosten.