Das ganze ist ja bewusst eine hoch theoretische Diskussion, aber Pampa macht es für die FlaRak definitiv einfacher die Dinger vom Himmel zu holen als wenn dir das Ding knapp über die Bäume und Häuser fliegen kann.
"Besiedeltes Gebiet" ist in Relation zu verstehen. Nur weil es dort keine menschenleeren Korridore von etlichen Kilometern Breite gibt, heißt das ja nicht, dass es keinerlei Brachland gäbe. Einmal ganz davon abgesehen, dass ein Marschflugkörper mit so sensiblem Kurs notfalls (in jeder Nation) über besiedelten Gebiet abgeschossen wird - auch auf die Gefahr hin, dass Menschen dabei zu schaden kommen. Der Schaden, würde man ihn nicht abschießen, wäre schließlich ungleich höher.
Aber du sprichst das nächste Problem an, welches ich auch schon angedeutet habe: Für so eine Strecke im extremen Tiefflug braucht man sehr präzise Daten des Geländes, dessen Bebauung und der Position von Hoch- und Abwehrposten, die man eher nicht hat. Das mit der Topografie mag ja noch gehen, aber schon für Bebauung braucht man sehr aktuelle Daten. Es reicht ja schon, wenn jemand, in einer Senke wohnend, mal eben seine Antenne (illegalerweise) erhöht hat, um den Empfang zu verbessern, damit der Zielflugkörper, der eben diese Senke nutzt, dort voll reinbrettert.
Und gerade weil das Ding so tief fliegen muss, wird Vasya Pupkin auch durchaus aufhorchen, wenn das Ding über seine Datsche röhrt und den Vorfall in Kriegszeiten auch nicht auf sich beruhen lassen. Da gilt wie wie überall die Parole "Augen auf, Bürger, und Meldung machen!"
Übrigens hat auch Russland ein gerüttelt' Maß an elektronischen Abwehrmaßnahmen, um beispielsweise das Geländeradar bzw. die Laserabtastung und die GPS-Synchronisierung von Marschflugkörpern zu verwirren. In Sachen EloKa ist Russland praktisch auf dem selben Stand wie die NATO - aufgrund der forcierten Modernisierungen in den letzten Jahren in der praktischen Ausstattung womöglich sogar ein kleines Stückchen weiter.
Über die Möglichkeiten von Marsch- bzw. generell Zielflugkörpern in Anbetracht der veränderten Weltlage wird ja schon seit Jahren diskutiert. Dass diese geeignet sind, um in asymmetrischen Konflikten ihr Ziel praktisch ungestört zu erreichen, ist unbestritten. In symmetrischen Konflikten landet man allerdings am Ende immer dort, dass der massive Einsatz erforderlich ist. Zum Beispiel würde der zuvor mehrfach zitierte Trägerverband, wenn man ihn nicht nuklear bombardieren will, mit so vielen Raketen belegt, dass auf alle Fälle etwas durchkommt. Oder anders ausgedrückt: symmetrische Konflikte münden immer in Materialschlachten mit Overkill-Option/Potential, weshalb man ja nach zwei Weltkriegen und der Erfindung von WMDs auch so erpicht war, diese zu vermeiden und stattdessen lieber "überschaubare" Stellvertreterkriege zu führen.
Das ist allerdings heute nicht anders. Der Kalte Krieg ist lange vorbei, politische Systeme haben sich gewandelt - aber die globalen Interessensphären sind immer noch exakt dieselben. Was sich derzeit noch am stärksten verändert, ist die Positionierung Europas als eigene Sphäre und in Relation zu den anderen.
Szenarien, in denen in Mitteleuropa Russen ante portas stehen, sind daher an sich komplett unrealistisch. Der Wladi fährt viel zu gut damit, zwischen Weltmachtambitionen und wirtschaftlichem Entgegenkommen zu pendeln. Allein uns Gas zu verkaufen, welches wir gerne abnehmen, hat mehr Wirkung zu Gunsten Russlands und zu Lasten des transatlantischen Bündnisses, als tausend russische Panzer vor Berlin (oder auch nur vor Warschau).
Auch was die Kickbacks von Konflikten angeht, muss man sich die Details anschauen: Ein großer Konflikt nützt Ländern mit einer Industrie, die stark auf Kriegsgüter ausgelegt ist. Russland ist da zwar gut aufgestellt, aber in der Breite gerade genug, um Stück für Stück die eigenen Streitkräfte zu modernisieren und für harte Devisen eine internationale Nachfrage zu bedienen, aber nicht, um eine Materialschlacht mit der NATO zu gewinnen. Die Rohstoffindustrie ist ungleich stärker und deshalb ist es für Russland - natürlich grob vereinfacht - nützlicher, Mitteleuropa Rohstoffe (eingeschlossen Energieträger) zu verkaufen, als dort einzumarschieren. Sorgen müsste man sich machen, wenn Russland die Rohstoffe ausgehen, bevor sie es geschafft haben, sich wirtschaftlich breiter aufzustellen. Ersteres dürfte in den nächsten drei bis vier Generationen kein Thema sein - das Unvermögen der UDSSR, ihre Ressourcen im selben Maße wie westliche Länder zu erschließen, hat mehr als genug für die Russische Föderation hinterlassen, zumal dort eher gezügeltes Wachstum herrscht.
Was das angeht, sind paradoxerweise die USA viel früher mit Umkippen dran. Auch dort gibt es noch beträchtliche Reserven, aber das, was die USA in den letzten Jahrzehnten so stark gemacht hat, hat auch die Vorkommen dermaßen ausgelaugt, dass man dort zu den bekannten Methoden greifen muss, deren Nach- und Nebenwirkungen noch gar nicht abschätzbar sind.
Kurz, wenn man unrealistische Invasionsszenarien entwerfen möchte, sollte man auch den torkelnden Goliath jenseits des Atlantik bedenken. Die USA werden zwar nicht bei uns einmarschieren, aber sie würden uns eiskalt auch mit militärischen Mitteln den Zugang zu externen Ressourcen abschneiden, sobald sie diese für sich selbst brauchen. Wir können also ruhig darüber spekulieren, wie die Bundesmarine den Persischen Golf gegen US-Marodeure absichern könnte.
