Der Vorstandsvorsitzende von Clearview AI, Hoan Ton-That, sagte gegenüber der Zeitung, dass mehr als 340 Beamte in fünf ukrainischen Regierungsbehörden jetzt kostenlos mit ihrem Programm Gesichtserkennungssuchen durchführen können. Mitarbeiter würden zudem wöchentliche Schulungen mit ukrainischen Polizei- und Militärbeamten durchführen. Das Unternehmen habe der Ukraine laut Ton-That seine Dienste im vergangenen Monat erstmals angeboten, nachdem Russland behauptet hatte, gefangene Soldaten seien Schauspieler oder Betrüger.
Die Gesichtserkennungssoftware wird dem Bericht zufolge nicht nur bei toten Soldaten genutzt. An Grenzposten sei Clearview AI ebenfalls im Einsatz, um mögliche russische Saboteure zu erkennen. Zudem würde die Gesichtserkennung auch bei Sicherheitsaufnahmen angewendet. So lassen sich demnach Soldaten identifizieren, die für Kriegsverbrechen und Plünderungen verantwortlich sind.
Die Clearview-Software greift auf eine riesige Datenbank zurück, die sich aus Social-Media-Netzwerken und öffentlich zugänglichen Internetseiten speist. Alleine die Bilddatenbank umfasst 20 Milliarden Fotos. Im Fall des Ukraine-Kriegs kommt ein Teil der Informationen aus dem russischen Facebook-Pendant VK. Mit einem einzelnen Gesichtsscan per Handy-App können so Familienfotos, Social-Media-Posts und Beziehungsdetails gesammelt werden. Die Software gilt jedoch nicht als fehlerfrei.
Hunderten Familien hat die Ukraine über die Kontaktermittlung so Bilder von toten Soldaten geschickt. Die Aufklärung der Angehörigen kann aber auch anders verstanden werden. Der ukrainischen Wahrheit über den Krieg steht die Demütigung und Einschüchterung der gegnerischen Soldaten gegenüber. Die Solidarität des Westens mit der Ukraine mache es verlockend, einen solch radikalen Akt zu unterstützen, der darauf abzielt, aus der Trauer der Familien Kapital zu schlagen, sagte die Überwachungsexpertin Stephanie Hare der "Washington Post". Die Kontaktaufnahme mit den Eltern von Soldaten sei "klassische psychologische Kriegsführung" und könne einen gefährlichen neuen Standard für zukünftige Konflikte setzen.