Die Theorie ist stimmig, aber ich bezweifle da einen nennenswerten Effekt, wenn nur <1% der Bevölkerung Russlands tatsächlich (direkt) betroffen ist und die anderen 99% davon nichts mitbekommen da über sowas selbstverständlich nicht (wahrheitsgemäß) im Inland berichtet werden darf/wird.
Schlimmer noch: Putins Propaganda-Apparat hat die Bilder aus Kursk genommen, um den 99,999% der Russen, die dadurch nicht persönlich betroffen waren, weiß zu machen, dass die ukrainische unglaubliche Gräultaten verübt, welche die heldenhaften russischen Entnazifizierer und Katzen-vom-Baum-Retter natürlich nie begehen würden. Das heißt Netto weiß der Durchschnittsrusse jetzt sogar weniger (richtiges) darüber, wie sich Ukrainer Tag für Tag fühlen, als vor der Aktion.
So einfach ist das nicht. Terroristen arbeiten zumeist mit sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten. Auch billige Drohnen wie die iranische Shahed 136 kosten bereits 20000€ pro Stück. Das ist nicht wenig für 60 kg Sprengstoff. Die Dinger werden auch nicht von jedem Schreiner produziert, das ist High-Tech und als solche identifizierbar. D.h. wenn irgendwo so ein Ding einschlägt, wird man herausfinden, welcher Staat das Teil produziert hat. Mit einfachem Sprengstoff im Koffer wird es schwieriger Täter oder Händler zu identifizieren.
Terroristen brauchen keine Shahed für einen Anschlag. Deren Größe, Preis, Nutzlastmangel resultieren vor allen Dingen daraus, dass das Ding trotz relativem Low-Techn Luftverteidigung unterfliegen und allgemein über weite Entfernungen treffen soll. Für einen Terroristen wären die Modelle, die Ukrainer und Russen entlang der Front gegeneinander einsetzen ausreichend, sogar attraktiver.
Allerdings sehe ich auch da keine Verschiebung der Bedrohungslage in Mitteleuropa. Gegen Zivilisten muss man eine Handgranate nicht mittels 08/15-Drohne über Schützengräben und durch gegnerisches Sperrfeuer ins Ziel bringen. Die kann man einfach ins voll besetzte Cafe werfen, wenn man eine hat. Der primäre Schutzmechanismus bei uns besteht darin, dass man der frisch Radikalisierte eben keinen Sprengstoff hat, sondern nur Messer.
Umgekehrt gilt bei den sehr seltenen Anschlägen, die von organsierten Gruppen mit aufwendigen Bomben oder Kriegswaffen begangenen wurden: Drohnen die groß genug sind, um Sprengsätze dieser Größe wirkungsvoller ins Ziel zu bringen (z.B. in einem dicht besetzten Stadion mit Einlasskontrollen statt in einem halb leeren Nahverkehrszug), werden in der EU ihrerseits kontrolliert und sind nicht leicht verfügbar. Sowas wird genauso schwer zugänglich bleiben, wie heutzutage z.B. schwere MGs oder Panzerfäuste.
Was sich aber mittelfristig ändern könnte: Nach Ende des Ukraine-Kriegs gibt es auf beiden Seiten viele Leute, die sich auf Bau und Einsatz solcher Dinge verstehen und da werden auch eine Hand voll kriminelle darunter sein. In der organisierten Kriminalität, wo bei Bandenrazzien schon heute immer wieder die oben genannten schweren Waffen auftauchen, könnte der Einsatz militärischer Kleinstdrohnen dann zunehmen, sobald dieses Personal verfügbar ist. Denn im Gegensatz zu Terroristen können Hells Angels, Mafia & Co die Beschaffung offensichtlich meistern, zumindest gelegentlich, und wägen dann das Risiko/Nutzenverhältnis eines Einsatzes ab. Der "Risiko"-Teil ist hier bei Drohnen weitaus geringer, das Entkommen (Terroristen oft komplett egal) leichter.
Für die Ukraine sieht es schon seit mindestens einem Jahr "nicht gut aus", und zwar im Sinne von "sie verlieren mittelfristig garantiert". Das weiß die Ukraine, das weiß die EU, das weiß die USA und vor allem weiß das auch Putin.
Dass die Ukraine mittelfristig verlieren wird, wenn sie nicht kurzfristig gewinnt, wissen einige Leute (z.B. PCGH-X-Leser) schon seit drei Jahren...
Komplett zu spät ist es imho aber noch nicht. Putin ist jetzt in der Phase angelangt, in der er seinen Krieg aus laufender Produktion unbegrenzt fortsetzen kann. Aber er ist noch nicht soweit, dass er wieder Reserven aufbauen kann. Ein heftiger Schlag, der das Einsatzkonzept der russischen Armee für Monate nachhaltig schädigt, könnte den Frontenverlauf noch einmal massiv verschieben. Aber dafür bräuchte die Ukraine nicht nur einen Taurus auf die Kursk-Brücke, sondern 100, die zusätzlich auf sämtliche Raffinierieren, Munitiondepots, Eisenbahn- und Autobahnknoten im Umkreis von wenigstens 500 km gehen.