RyzA
PCGH-Community-Veteran(in)
Den deutschen Tafeln geht es schon seit Jahresbeginn schlecht. Und durch den Ukraine Krieg verschlimmert sich das Ganze:
Betrifft leider wieder mal die Ärmsten der Armen als erstes.
Quelle: Deutsche Tafeln - zu wenig für so vieleDie Obstkiste von Heidelore Müller ist leerer als sonst. Die 71-Jährige, kurze blondierte Haare, hochgekrempelte Ärmel, Schürze über der Jeans, steht vor einer bodentiefen Fensterfront im Gemeinschaftsgebäude der evangelischen Kirche Marienfelde. In ein paar Stunden werden hier, vor der Fensterfront im Berliner Süden, rund 200 Bedürftige stehen, die von Müller und ihrem ehrenamtlichen Team der Laib-und-Seele-Ausgabestelle Lebensmittel entgegennehmen. Durch's Fenster gereicht, ganz coronaregelkonform.
Die 18-köpfige Mannschaft aus Rentnerinnen und Rentnern ist vorbereitet. Auf Klapptischen sind Kisten drapiert, geordnet nach ihrem Inhalt: Obst, Gemüse, haltbare Lebensmittel wie Nudeln und Reis. Joghurts, die knapp das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. Etwas Brot. Das fehle allerdings seit ein paar Wochen fast ganz, sagt Müller, die die Tafel-Ausgabestelle leitet. "Ich bekomme 30 bis 40 Prozent weniger", schätzt sie. Obst und Gemüse seien saisonal bedingt zwischen November und April ohnehin knapp. Sie wäge jetzt öfter ab, wer welche Lebensmittel bekommt, schaue darauf, wie viele Kinder in einem Haushalt versorgt werden müssen. "Suppengrün bekommt eine Familie, keine Einzelperson", sagt sie.
Diese Entscheidungen treffen Helferinnen und Helfer der mehr als 950 Tafeln in Deutschland seit Jahresbeginn wohl immer öfter. Seitdem würden die gemeinnützigen Organisationen weniger Lebensmittel erhalten. "Dieser Trend hat sich mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine verstärkt", sagt die Gründerin der Tafeln in Deutschland, Sabine Werth. Die Gründe für die Knappheit sind vielfältig: Viele Firmen würden mittlerweile besser disponieren, vermutet Werth. Übrig Gebliebenes würden viele Unternehmen nun allerdings direkt in die Ukraine und umliegende Grenzregionen schicken. Auch die teils unterbrochenen Lieferketten und Hamsterkäufe seien dafür verantwortlich, dass weniger Spenden bei den Tafeln ankommen.
Die Zahl der Bedürftigen wird derweil immer größer: "Weil sich viele Menschen die gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten nicht mehr leisten könnten, wenden sie sich derzeit vermehrt an die Tafeln", heißt es in einer Mitteilung von Tafeln in Deutschland. Dazu kommt, dass die Tafeln selbst unter den gestiegenen Preisen leiden, vor allem unter den Spritpreisen: Benzin und Diesel für die Logistik würden derzeit das Doppelte verschlingen, berichtet Werth. "Wenn wir vorher 5.000 Euro für Sprit in Berlin brauchten, brauchen wir jetzt 10.000." Möglichkeiten, bei seinen Ausgaben zu sparen, hat der Verein kaum. Die energieintensive Kühlung und Fahrten zur Abholung der Lebensmittel seien für den Tafel-Betrieb zwingend notwendig.
Betrifft leider wieder mal die Ärmsten der Armen als erstes.
