Der Protest geht ins Leere, wenn der Personenkreis, gegen den protestiert wird (das sind die etablierten Parteien), die - mit Verlaub - Hackfressen, die man aus Protest wählt (das sind sowohl die AfD als auch das BSW), nicht sehen müssen. Da wir in Deutschland die 5%-Hürde haben und auch die Medien die sonstigen Parteien idR ignorieren, liegt die Wahl daher nahe, eine Partei zu wählen, die die Chance hat, die 5%-Hürde zu überwinden. Das sind in Deutschland nun einmal die AfD und das BSW.
Bei der Wahl zum EU-Parlament ist's tatsächlich tragisch, dass der deutsche Wähler so stark auf die 5%-Hürde konditioniert wurde, denn immerhin gibt's bei der Wahl zum EU-Parlament keine solche.
An der Stelle sei erwähnt, dass in allen Sendungen im TV wie im Radio zum Thema Europawahl stets gesagt wurde, dass es eben keine 5%-Hürde gibt. Ich lasse das daher nicht als Entschuldigung zu.
Dennoch ignorieren die Medien weiterhin den Block an sonstigen Parteien, was aufgrund des Umstandes, dass sowohl Volt, Freie Wähler, die Partei und - mit etwas Glück - auch die Tierschutzpartei voraussichtlich Sitze errungen haben. Noch tragischer ist es, dass die Wahlbeteiligung nur bei rund 65% lag. Damit ist die stärkste "Partei" bei dieser Wahl die der Nichtwähler. So absurd, wie das für dich auch klingen mag, eine Stimme für die AfD ist im demokratischen Sinne schlechthin unstreitig besser als keine Stimme.
Es fehlt eindeutig eine Wahlpflicht, wie es sie in anderen Ländern der EU gibt.
Dass sich die Wähler generell und vor Allem junge Wähler als auch ostdeutsche Wähler immer mehr von den etablierten Parteien abwenden, ist für mich persönlich kein Wunder. Wir haben diverse schwerwiegende Krisen, die von den etablierten Parteien entweder nicht angegangen oder gar direkt ignoriert werden:
Na dann mal los ...
- Wir haben einen sich immer stärker verfestigenden Klassismus in unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft transformiert sich immer weiter zu einem neoaristokratischen Neofeudalismus.
Den die AfD nachweislich weiter forcieren wird.
- Soziale Mobilität ist für die unteren Bevölkerungsschichten nicht mehr möglich.
Die war bis in die Mitte der 1970er Jahre möglich. Seit dem eigentlich von Jahr zu Jahr weniger. Eigentliches Problem ist hierbei die Verschiebung von Vermögen von unten nach oben. Aber so ist das Pyramidenspiel namens Kapitalismus. Dem kann man mMn nur etwas entgegensetzen, in dem man Vermögen oben deutlich höher abschöpft und es in Form von Bildung und Infrastruktur für alle verteilt.
- Wir haben viel zu geringe Geburtenraten, so dass uns ein harter Bevölkerungskollaps bevorsteht, der weitreichende Folgen haben wird.
Das ist wohl wahr - seit dem Pillenknick. Daran ändert sich auch nichts, solange Kinder von der Gesellschaft wie eine Behinderung behandelt werden. Das Problem ist aber schon seit Jahrzehnten vorhanden. Demografen haben schon in den frühen 1980er Jahren diese Entwicklung offen dargestellt. Die Menschen - Politik wie Bevölkerung - haben es aber, wie die Aufrufe zum Schutz der Natur, überwiegend ignoriert.
- Wir haben eine sich verschärfende Kompetenzkrise.
Ja, wie der Herr so das Geschirr. Und der Herr ist in diesem Falle das Wahlvolk.
- Wir haben erhebliche Migrations-, Bildungs-, Fachkräfte- und Infrastrukturprobleme, um die sich niemand kümmern will.
Nicht wollen, würde ich nicht sagen. Eher nicht mehr (schnell) können. Im Laufe der letzten 40 Jahre haben wir uns einen Komplex an Regeln und Maßnahmen zugelegt, die es in diesem Land nahezu unmöglich macht im großen Stile Migranten zu integrieren, sowie Bildung zu stärken und über die Länder zu harmonisieren. Fachkräfte fallen auch nicht vom Himmel, sondern müssen geboren, aufgezogen und dann ausgebildet werden. Deswegen ist es ja auch so ungemein wichtig, dass man alle, die herkommen, um hier zu arbeiten, möglichst fix mit der Sprache und dem noch notwendigen Wissen versorgt.
Die Infrastruktur, najo, die hat man zumeist in den 1960er Jahren angelegt und nicht bedacht, dass mal 40 Mio. PKW + LKW darüber brettern, oder Schienen im Deutschlandtakt genutzt werden würden. Unter der Maßgabe hat man mit dem Know-how und der Technik von damals gebaut. Das wird jetzt marode und muss erneuert werden.
Das alles kostet Geld, viel Geld. Geld ist da! Das Barvermögen - also keine Immobilien oder Firmen - ist dreimal so hoch wie unsere Gesamtverschuldung. Aber da traut sich keine Regierung ran.
- Wir haben diverse Probleme im Hinblick auf den digitalen Wandel. So werden Probleme der jüngeren Generationen nicht gelöst; im Gegenteil verfestigt man bestehende Probleme, um wirtschaftliche Lobbys zu schützen.
Kann ich aus dem Nähkästchen plaudern: Es liegt nicht an der Politik, sondern an den Leuten, die diese Digitalisierung nutzen und leben sollen.
...und das sind nur die Probleme, die mir im Stegreif eingefallen sind. Was passiert stattdessen? Wir haben blanke Inkompetenz in der Bundesregierung (dass Linder so stark an der Investitionsbremse festhält, ist hoffentlich ein Zeichen für FDP-Wähler dafür, dass die Partei wirtschaftlich maximal inkompetent ist) und betreibt Klientelpolitik (die Förderung für Wärmepumpen ist eben solche im weiteren Sinne), anstatt akute Probleme (Klimawandel) sozialverträglich zu lösen (und damit die zu belasten, die überhaupt noch belastungsfähig sind). Wir brauchen dringend einen New Deal nach US-amerikanischen Vorbild. Stattdessen passiert nichts.
Weil das Geld nicht da ist, kann man nichts bewegen. Weil die notwendigen Schulden nicht gemacht werden dürfen, passiert da nichts. Und an den großen Topf, der in der Bevölkerung bei den oberen 10% vorhanden ist, traut man sich nicht ran. Ja, ein Trauerspiel.
Die meisten Leute - auch die eigentlich traditionell "linkgrünversiffte" Jugend - haben tatsächlich konservative Werte, wollen gute Bildung, ein meritokratisches Gesellschaftssystem mit Chancengleichheit, das dazu führt, dass man das sich Lebensideal einer glücklichen Famile, bestenfalls mit Eigenheim, erarbeiten kann.
Das ist nicht traditionell, das ist ureigenes Menschsein - übrigens auch das Kernanliegen der meisten der zu uns kommenden Migranten.
Etwas mehr als 10 % der Wähler (um Nichtwähler bereinigt) haben die AfD gewählt.
Meh. Das ist Schönrechnerei.
Laut Statistiken haben wir Ende 2023 einen Anteil manifest Rechtsradikalen von 8% der Bevölkerung. Ergebnis der Umfrage war aber auch, dass dieser Prozentsatz so stark gestiegen ist, weil viele Menschen der Ansicht sind, dass Deutschland mittlerweile mehr einer Diktatur als einer Demokratie gleiche. Ein erheblicher Teil der Leute ist also für die Demokratie ausdrücklich nicht verloren.
Sind Sie rechtsradikal? Nein.
Wie stehen Sie zur aktuellen Migration: Alles faule Nafris.
Was sollte man ihrer Meinung nach tun: Allesamt einpacken und dahin schicken, wo der Pfeffer wächst!
Und dann sind da noch die nicht Rechtsradikalen, die dir davon erzählen, wie das Weltjudentum eigentlich die Welt regiert und wir Schlafschafe das nur nicht mitbekommen.
Der demokratische Weg ist es, diese Leute auf demokratische Weise - durch den "Marktplatz" der politischen Ideen - mitzunehmen. Der undemokratische Weg ist es, diese Leute mit dem N-Wort abzustempeln und sie fast schon zu kriminalisieren. Auch, wenn
@seahawk hier - mit Verlaub - oft genug etwas zu extremen Unsinn von sich gibt, hat er doch Recht damit, dass die etablierten Parteien hauptsächlich aus der upper middle class und aufwärts bestehen und die unteren Bevölkerungsschichten nicht mehr im Parlament vertreten sind.
In diesem Land wird Politik für die oberen 10% gemacht. Jedenfalls von den Konservativen und den Liberalen. In diese Reihe gliedert sich de AfD ganz vorn mit ein. Die Sozialdemokraten sind noch so etwas wie die Mitte, die, siehe z.B. Mindestlohn und Bürgergeld, einen Hauch von Sinn für die "unteren Schichten" haben. Die Grünen, die sind irgendwo mittendrin und haben ja recht damit, dass man aktiv was gegen den von Menschen gemachten Klimawandel tun muss. Ob deren Weg immer richtig ist, darüber kann man freilich streiten, nicht aber über das Ziel.
Da die eigenen Lebensumstände das eigene Weltbild prägen, wird man als Durchschnittsparlamentarier daher auch deutlich eher Politik für die eigene soziale Schicht machen - auch aus dem Grund, weil man die Probleme der unteren sozialen Schichten ggf. nicht kennt und/oder nicht nachvollziehen kann. Die Leute, die jetzt AfD wählen, sind im Zweifel die Leute, die man Jahrzehnte lang vernachlässigt hat.
Die Leute haben Jahrzehnte lang aktiv Parteien gewählt, die nicht in ihrem Sinne gehandelt haben. Die CDU ist eine bürgerliche Partei. Das heißt, dass die eine Partei der Besserverdiener war und immer noch ist. Deren größte Spender waren stets Leute mit Vermögen und die Wirtschaft. Das war aber allen Wählen bekannt. Das war kein Geheimnis, wo man sich plötzlich umschaut und erkennt, dass die ja gar nicht sozial im Sinne von für den Normalobürger sind. Wenn es die Leute gewollt hätten, sie hätten jederzeit etwas anderes wählen können - hat man aber nicht.
Gemein ist dabei nur, dass nach 16 Jahren Kohl mit Gerhard Schröder ein wirtschaftsnaher Sozi an die Macht kam. Im Grunde wurde seit Helmut Schmidt bis zum Ende der Ära Merkel ein und dieselbe Politik gemacht. Wirtschaftsfreundlich und nach unten tretend.
Aber hey! Die AfD will das noch viel krasser so weitermachen, deswegen wählt man die als Alternative. Dümmer geht bekanntlich ja immer
