Auf weniger zynischer Seite könnte man aber auch Eskalationsvermeidung als rationales Argument nennen. Russland schiebt seit 20 Jahren offiziell panische Angst vor einem Großangriff der NATO. Das ist zwar selbst heute noch relativ unbegründet, aber derart kontinuierliche Propaganda hinterlässt Spuren in den Köpfen der Leute. Wenn die russische Armee auf einmal eine größere Menge Waffensysteme aus Richtung Westen anfliegen sieht, die die Ukraine eigentlich gar nicht haben kann, könnte das tatsächlich zu gefährlichen Kurzschlussreaktionen führen.
Sehe ich anders.
Russland an sich, oder meinetwegen der größte Bveölkerungsteil, hat sicherlich keine Angst vor einem Angriff der NATO - von Panik ist hier sowieso nicht zu reden.
Das die NATO ein Defensivbündnis verschiedener Partner ist, die sich für jegliche Militäraktionen auch noch erst einmal einigermaßen einig sein müssten, ist der Welt und damit auch Russland ganz bestimmt nicht entgangen.
Auch Russen haben Beziehungen und Kontakte zu vielen anderen Ländern, auch der westlichen Welt. Auch heute gibt es noch zahlreiche Kommunikationskanäle, wenn auch eingeschränkter und mit mehr Vorsicht zu genießen. Die wissen schon etwas mehr als ungefähr was so in der Welt abgeht

Was übrig bleibt ist lediglich die wiederbelebte strategische Feinschaft, die aus dem russisch erzählten Narrativ der vergangenen Jahre rührt. Nachdem man bis in die 2000er Jahre eigentlich beiderseitig mehr oder weniger kein relevantes Konfliktpotenzial befürchten musste.
Das ist ja auch der Grund warum "wir" so lange (und in vielen Köpfen immer noch) im Dornröschenschlaf waren, was die Causa Russland angeht.
Ich sehe auch keine akut drohenden Kurzschlussreaktionen auf russischer Seite.
Dazu müsste man der Ukraine schon Atomwaffen in die Hand drücken - und selbst dann führt kein Automatismus dazu, dass Russland wild mit denselbigen umsich wirft.
Auch dort weiß man nur zu gut, was daraufhin passiert und wer -allen Schäden, die man dem Westen zuzufügen vermag zum trotz- den kürzeren zieht.
Was aber stimmt ist, dass die öffentliche Debatte über einzelne Waffenlieferungen differenziert zu sehen ist und unterschieden werden muss:
Die Debatten selbst entstehen mitnichten aus einer klar kalkulierten Absicht (der westlichen Regierungen) zu deeskalieren, in dem man den Russen das Gefühl gibt, dass immer wieder abgewogen und eine gewisse Rücksicht genommen wird.
Denn diese Debatten finden im öffentlich demokratischen Medienraum einfach unweigerlich statt und verselbstständigen sich teilweise.
Da wird nichts im Vorfeld systematisch gelenkt - wir sind ja eben nicht in Russland oder China.
(ein wenig vom Weg ab und nicht auf dich bezogen:
Ich finde es in diesem Zusammenhang immer wieder "niedlich", wie manche Naivlinge ernsthaft glauben, dass Regierungen geopolitische Ereignisse oder die Medienlandschaft steuern, während man beispielsweise im Kleinen nicht einmal 'ne flächendeckende Krankenversicherung (USA) oder eine PKW-Maut (DE) einführen kann)
Dennoch tun sich westliche Regierungen mit Waffenlieferungen immer wieder schwer, weil wir eben ja doch meinen, damit deeskalierend agieren zu können bzw. zu müssen.
Niemand will als Aggressor gelten, was mMn aber letztlich eine falsch verstandene Rücksichtnahme ist und nach hinten losgeht.
Denn genau das ermuntert Russland doch mit unserer Angst zu spielen.
Weil es immer diese gefühlt endlosen öffentlichen Debatten und das daraus resultierende Zögern der Regierungen überhaupt gibt, die in der Öffentlichkeit auch gewisse gesellschaftliche Spaltungen und innenpolitische Konfrontationen befeuern, kommt Russland doch erst auf die Idee immer wieder neue "rote Linien" zu ziehen (was in Russland mittlerweile als Running Gag wahrgenommen wird), zu drohen und zu warnen usw.
Aber ich sehe in einer Demokratie auch gar nicht viele Alternativen dazu, die Akzeptanz zu solchen Maßnahmen abzuklopfen, denn wir wollen und müssen ja die Bevölkerung mitnehmen und dabei möglichst transparent bleiben.
Transparenz ist hier das Stichwort: Nach innen (also zu uns hin) gut, nach außen aber nicht zweckdienlich. Denn aus militärischen Gesichtspunkten sollte man dem Widersacher eher nicht sein Pokerblatt verraten.
Also, wenn schon unvermeidliche Debatten, dann die Umsetzung aber bitte dezent und im Hintergrund bzw. vertraulich.
Mit gewissem zeitlichen Abstand kann und soll man gerne genauer werden, was den Umfang und die Qualität der Unterstützung angeht, aber erst dann, wenn der konkrete Einsatz des Materials dem Gegner nicht frühzeitig bekannt wird.
Bei den jüngst eingesetzten ATACMS geht das schon in die richtige Richtung.
Man sollte dem russischen Geheimdienst schon noch etwas Arbeit und Paranoia übrig lassen
