Da wäre ich mir nicht so sicher. Unser Energiebedarf ist hoch. Die Abhängigkeit von Russland existenzbedrohend.
Für Teile unserer Wirtschaft, aber nicht für unsere Menschen.
Generell meine ich, dass damit aufgehört werden sollte bei Putin in für uns logischen Bahnen zu denken. Aus unserer Sicht sind seine Taten nicht verständlich, nicht nachzuvollziehen und das Ziel überhaupt nicht klar.
Häh? Also zumindest für mich und die meisten anderen Beobachter sind alle seine Taten logisch nachvollziehbar. Sie sind nur nicht vorhersagbar, weil sie mit Tabubrüchen und Schäden einhergehen: Man weiß, was Putin will und man weiß, welche Mittel er ergreifen müsste, um seinem Ziel näher zu kommen. Was man im voraus nicht weiß ist, wie viel er bereit ist zu opfern. Wie weit er bereit zu gehen ist.
Aber vor diesem Problem steht man bei jeder Prognose:
- Würde Putin den Konflikt weiter eskalieren, solange die Ukraine nur unterstützt wird?
- Würde Putin friedlich bleiben, wenn man ihm die Ukraine opfert?
- Würde Putin die Nuklearoption ziehen, wenn man direkt eingreift?
Putins Ziele sind maximal, der im angedrohte Schaden vernichtend. Welche Balance er dazwischen wählt, kann rückblickend nachvollzogen aber schwer prognostiziert werden.
Was aber, wenn es das Ziel Putins ist das gesamte wirtschaftliche wie geopolitische System, wie wir es als "Westen" kennen, auf zu brechen, und es ihm nur darum geht den Grundstein für eine sich dann findende neue geopolitische Ordnung zu legen, die ihn am Ende gar nicht mehr miterlebt? Dann ist ihm egal, ob Devisen reinkommen oder nicht.
Auch eine neue Ordnung muss auf irgend etwas aufbauen. Er kann den Westen nicht ernsthaft schädigen, ohne Russland komplett zu zerstören. Also selbst wenn er sich (und nebenbei einen Großteil seiner Landsleute, was auch immer sie ihm in der Summe wert sind) opfert, selbst dann würde der Westen die Nachkriegsordnung bestimmen. Es muss also zwingender Bestandteil seines wie auch immer gerarteten (im Moment vermutlich nicht sehr gut laufenden) Plans sein, dass seine Leute die Kontrolle in einem möglichst großen Teil der Welt behalten. Und je mehr er diesen Teil zu vergrößern versucht, desto schwächer wird seine Position gegenüber dem Rest der Welt sein. Die große Frage lautet: Wie weit ist er bereit zu gehen? Russland 2030 auf dem Stand der 1990er? Auf dem Stand der 1970er? 1950er? 1930er? Je mehr Wohlstand, je mehr Kontakt mit und Vorteile von der Weltgemeinschaft er über Bord wirft, desto weiter kann er marschieren. Aber desto schlechter wird es allen in seinem Reich gehen, desto schwerer wird es für ihn sein an der Macht zu bleiben, desto wertloser wird diese Macht sein und des machtloser wird sein schwaches, rückständiges Reich gegenüber z.B. Angriffen aus dem Westen sein, die er offensichtlich fürchtet.
Und ich denke, dass weiß er auch. Er selbst bezeichnet das Ende der Sowjetunion als die größte Katastrophe aller Zeiten und sein Vorgehen über die letzten Jahrzehnte zeigt, dass er alle anderen Katastrophen, insbesondere Hitler, sorgfältig analysiert und seine Schlüsse daraus gezogen hat. Im Moment erleben wir ihn einer Situation, in der zu hoch gepokert hat und das Spiel verlieren wird. Ein Szenario, dass er offensichtlich nicht vorbereitet hat und für dass er kurzfristig eine Exit-Strategie zur Minimierung seiner Schäden entickeln muss und wird. Aber auch dafür gilt die obige Frage: Wir wissen nicht, welche Schäden für sich und welche für Russland er als hinnehmbar bewerten wird.
Vielleicht - ja, ich hoffe darauf - irre ich mich, aber ich gehe bei dem Mann und seinen Lakeien von einem von Ideologien getriebenen Motiv aus und halte es für eine fatale Fehleinschätzung zu meinen, dass es am Ende bei jedem ja nur ums Geld geht und darüber jedem Bösewicht der Zahn gezogen werden kann.
Natürlich geht es ihm nicht ums Geld. Ihm geht es um Macht und Territorium. Aber auch er arbeitet im und als Teil des Kapitalismus: Geld ist ein Werkzeug, um Macht zu erhalten und Territorium zu kontrollieren. Allein die große Bedeutung von Oligarchen in seinem Machtsystem, denen es nur um Geld geht, drückt das auf ganz trivialer Ebene aus. Aber Russland wäre heute auch nicht führend in der Cyberkriegsführung, wenn Putin nicht die Bedeutung von Digitalisierung erkannt hätte und er weiß, dass Russland dafür keine eigene Industrie hat, sondern entsprechende Techniken teuer einkaufen muss.
Gegen die kapitalistische Logik sowohl seiner Gegner als auch seiner Unterstützer nützt ihm seine Ideologie nichts. Und im Gegensatz zu manch anderem Despoten der Vergangenheit hat er bislang auch nie den Eindruck erweckt, dass er das glauben würde, sondern er hat immer kapitalistische Methoden genutzt, um seine Ziele zu erreichen.
Denn ganz ehrlich, was wär denn passiert wenn die Ukraine sich ergeben hätte? Ja die Regierung wäre ausgetauscht worde und sonst? Was hätte sich für die Bevölkerung denn konkret geändert?
Auf der Krim wurden die Interessen von Ukrainer mit Füßen getreten und Putin hat dem Volk jegliche Eigenständigkeit abgesprochen. Anzunehmen also, dass an einer vollständigen Russifizierun/Auslöschung ukrainischer Kultur und Sprache gearbeteitet worden wäre. Definitiv vernichtet worden wären sämtliche Ansätze von Demokratie und wir haben in allen Ländern des arabischen Frühlings, in Venezuela, in Myanmar, in ... gesehen, dass man so etwas nicht mal eben wieder aus dem Nichts aufbaut.
Und das gleiche Schicksal würde in nächster Instanz auch Moldau erreichen, dass schon seit langem einen noch weitaus größeren Anteil russophiler Separatisten hat, nur stehen die halt bislang mit der Ukraine im Rücken auf einer einsamen Insel.
Weitere Eskalationsstufen sind weniger offensichtlich, aber Putins ausdrückliche Forderung war das Verschwinden der NATO aus Osteuropa. Was er nach der Ukraine als nächstes Erpressungsmittel versucht hätte, ist schwer zu sagen, aber dass er Ruhe gegeben hätte, wohl sehr unwahrscheinlich. Naheliegende weil bestehende Betätigungsfelder sind Georgien, Finnland, Türkei und vor allem Nachbarländer Serbiens.
Was sie in der Ukraine de facto auch schon haben, denn Demokratie kann ich das nicht nennen.
Dein Unvermögen spielt globalpolitisch keine Rolle.
Zudem ist die strategische Position eher unbedeuten.
Russland hat bislang nur mäßigen Zugang zum Ostseeraum, der durch eine Eroberung Finnlands deutlich verbessert würde (während der Zugang zum schwarzen Meer auch ohne Ukraine sehr gut war), die Kontrolle über finnisches Territorium würde die bislang 130 km schmale Landanbindung der Barentsseehäfen drastisch verbreiten, die Entfernung von der Südwestspitze Finnlands nach z.B. London ist immerhin 20% kürzer als von bislang kontrolliertem Territorium, von Finnland aus ist es problemlos möglich den Seezugang in die nördliche Ostseem an die estnische Nordküste und vor allem zur Rigaer Bucht zu kontrollieren, was zwei erklärte
Ziele von Putins Politik, Estland und Lettland, faktisch Handlungsunfähig macht,...
Was du hier als "unbedeutend" bezeichnest ist eigentlich eher ein strategisches Filetstück Nordeuropas. Hat ja seine Gründe, dass Russland das schon einmal erobern wollte.