Ich denke nicht, dass die Debatte hier übersichtlicher wird, wenn man auch noch zwischen "guter", "schlechter" und "mäßiger" Propaganda zu unterscheiden versucht. Jeder, der Propaganda aus der Taufe hebt, verbreitet seine Sichtweise mit illegitimen Methoden. Ob dabei der Zweck die Mittel heiligt, ist eine rein subjektive Frage der eigenen Position und hat rein gar nichts mit den Methoden zu tun. Um die Strecke zu Godwin abzukürzen: Selbst bei Hitler kann man schwer konstruieren, dass er seine Narrative aus Eigeninteresse verbreitet hätte. Der war ohne Zweifel spätestens Anfang der 30er Jahre an einem Punkt angelangt, an dem Sein privates Leben und sein persönliches Umfeld durch weitere Aktivitäten nicht mehr besser, sondern nur arbeitsintensiver und nervenaufreibender hätte werden konnte und es wurde beides. Seine weitere Propaganda diente aus Sicht seines eigenen Idealismus einem ""guten Zweck"" und es waren "die anderen", die ""böse"" waren und ""falsch lagen"".
Hierzulande sehe ich gegenwärtig keine Anzeichen von Propaganda, die von unserer Regierung ausgeht - aber ich sehe deutliche Hinweise, dass wir Propaganda aus anderen Staaten ausgesetzt sind, insbesondere USA und Russland. Je nach dem, wie sich die Dinge entwickeln, könnte auch unsere Regierung dazu übergehen, die Verfügbarkeit von Informationen für die breite Masse zunehmenend zu regulieren, um unsere mentale Kriegstauglichkeit zu entwickeln.
Ich sehe bei uns aktuell keine Propaganda, die sich öffentlichen Einrichtungen bedient. (Auch wenn es imho einen mittelbaren Zusammenhang zwischen Spar- und Quotenzwängen von der Politik an die ÖR und der steten Abnahme der Informationsvermittlung durch letztere gibt)
Aber unsere Politiker, gerade auch die derzeit an der Regierung befindlichen, verbreiten in erheblichem Ausmaß verzerrte Narrative, um eigene Agenden zu unterstützen. Putin & Co sind zwar ein anderes Kaliber und nutzen eben einen Staatsaparat zur Verbreitung von exakt einer Perspektive. Aber Merz ist in meinen Augen kein Bisschen besser, als die USA unter Biden, Spahn eine Spur schlechter und Söder vergesse ich lieber gleich wieder. Ein gewichtiger Unterschied ist, dass es in Deutschland noch Reste einer diversifizierten Medienlandschaft und einer politischen Opposition gibt. Wenn bei uns ein Politiker Schrott labert, gibt es oft jemandem, der ihm widerspricht und immer wieder ein paar Medien, die diesen Widerspruch auch aufgreifen. Dadurch kann die ursprüngliche Aussage, die imho alle Aspekte von Propaganda erfüllt, nicht alleinstehend wirken, sondern ist in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Ändert aber nichts daran, dass es Propaganda ist.
Meine Fragen bezogen sich also auf die bereits bestehenden Propagandaeinflüsse aus Russland und den USA mit ihren eigenen Absichten, und diesen potenziellen dritten. Ein vierter Einfluss ("die KI") ist mMn noch nicht als eigenständiger Agent zu betrachten.
Absichten muss man erstmal belegen. Putin hat ein Propagandaministerium, ja. Aber Trump hat nur eine Pressesprecherin und den Finger auf den US-Medien. Was bei uns von ihm ankommt, wird nicht von einem Propagandaapparat verbreitet, sondern von den gleichen unabhängigen, kommerziellen Akteuren, die auch den restlichen Informationsfluss in den Händen halten. Da gibt es keinen Unterschied zu z.B. den Narrativen deutscher Politiker, außer dass die Primärquelle halt ein Stück dreister lügt.
Somit:
- Werde ich selber Propaganda ausgesetzt?
- Wie beeinflusst dies ggf. mein Fühlen, Denken und Handeln?
- Wie kann ich Propaganda im Jahr 2025 ff. erkennen?
- Wie kann ich mich davor schützen?
- Wie kann ich es vermeiden, selber Propaganda zu verbreiten?
Misstrauen und Logik.
Die meisten scheitern leider schon daran, zwischen Bewertung (insbesondere Meinung) und Faktenaussagen zu trennen. (Und innerhalb der Faktenaussagen noch "neu" oder "bestätigt" von "nur wiederholt") In zweiter Stufe ist zwingend zu prüfen, ob eine Quelle die Fakten in der suggerierten Art und Weise überhaupt wissen kann und in dritter Stufe, nachdem man den leider oft ziemlich kleinen Teil an Information aus einem Beitrag extrahiert hat, kann man die eigene Extrapolationsfähigkeit mal kreisen lassen und sich überlegen, was damit alles an alternativen Deutungen vereinbar wäre. Und dann muss man halt im Gegenteil entweder in Schritt vier weitere Quellen zur Füllung der Lücken suchen oder akzeptieren, dass der eigene Informationsstand Spielraum für eine ganze Menge lässt.
Aber warum glaubst du, die meisten Leute, die Propaganda verbreiten, tun dies bewusst? Das erklärt man ja nicht mit: ich kenne jemanden und hier machen das auch welche, sondern mit Darstellungen, die auch größere Fallmengen beachten.
Bei den hiesigen Fällen kann man das sehr klar beobachten:
Einige Forenteilnehmer verbreiten seit Jahren immer wieder die gleichen fragwürdigen Narrative. "Fragwürdig" als harmloseste Bezeichnung, denn die frei erfundenen Märchen wurden natürlich schon beim ersten Mal (und beim zweiten und beim dritten und ab dem vierten dann langsam abnehmend mit weniger Elan) attackiert und widerlegt. Selbst wenn die Verbreiter ursprünglich komplett naiv und entsprechend voll überzeugt waren, wissen sie also mittlerweile, dass ihre Geschichten hochumstritten sind und ihnen wurden auch reihenweise unabhängige(re) und belastbare(re) Quellen vorgelegt, die in jedem an der Wahrheit Interessierten gesundes Misstrauen (s.o.) nähren sollten. Denn umgekehrt wurden die Einwände nie entkräftet.
Trotzdem werden weiterhin die immer gleichen Versatzstrücke angesprochen, gänzlich ungeachtet der im Raum stehenden Widersprüche und mit zum Teil reichlich merkwürdigen Konstruktionen, da ein und dasselbe Narrativ natürlich nur schwerlich in diverse, sich weiterentwickelnde Themen passen kann, sondern mit Gewalt reingewürgt werden müssen. Und werden. Dieses Verhalten trägt 0 Hinweise auf eine Person, die an Wahrheiten oder gegenseitigem lernen interessiert wäre und absolut alle Anzeichen einer Person, die ganz bewusst und mit zielgerichteten Aufwand Storyelemente verbreiten will, von der sie selbst weiß, dass diese keine Wahrheit widerspiegeln. Also Propagandisten in Reinkultur gemäß der mehrfach genannten, diktatorischen Vorbilder.
Das ist eben Einbildung, an verifizierte objektive Informationen zu kommen, ist nach wie vor ein Profigeschäft.
Amateuere bilden sich nur ein, über das Internet an "unvorgekaute Informationen" zu kommen.
Eine Tragik unserer Zeit!
Siehe oben: Logik. Die funktioniert auch vom Sessel aus. Und während die Tagesthemen noch liefen, als ich diesen Thread aufgerufen habe, hat die Tagesschau heute zwei glasklare Fälle von verfälschender Darstellung abgeliefert:
1. "Hamas dehnt Macht nach Israel-Rückzug trotz Trumpplan aus". Implikation: "Vertragsbruch". Logik: Wenn die Besatzer abziehen ist der zweitstärkste Akteuer in der Region logischerweise das, was übrig bleibt. Und solange Trump Phase 2 und 3 seines Plans nicht ausgearbeitet und vorgelegt, geschweige denn von allen Beteiligten abgesegnet bekommen hat, gibt es in Gaza sowie nur "Hamas", "schlimmer als Hamas" und "kriminelle Banden".
2. "Pistorius lässt Wehrpflicht-Einigung platzen". Implikation: Es hat eine Einigung zwischen "der SPD" und Merz/Spahn gegeben, dass Zwangswehrpflichtige per Los bestimmt werden sollen. Logik (& Vorwissen): "Die SPD" braucht normalerweise Wochen, um Mitgliederentscheidungen einzuholen, selbst die Fraktion mehrere Tage, gerade wenn es um Beschlüsse entgegen der bisherigen Parteilinie gilt. Somit kann es wohl maximal eine Einigung zwischen einem kleinen von Verhandlern gewesen sein und die ist, in einer Demokratie, eben erstmal nur eine Grundlage für weitere Schritte. (Und dass diese Schritte scheitern könnten, wenn es gegen die Verfassung geht, kann man sich auch dazu denken. Muss man leider auch, denn die Tagesschau hat sich zwar die Zeit für Einzelpersonendarstellungen genommen, aber auf sachbezogene Fakten wie "die Wehrpflicht ist ausgesetzt weil das Bundesverfassungsgericht fortgesetzte Wehrungerechtigkeit nicht duldet" verzichtet.)
Anm.: Diese Beispiele heißen nicht, dass "Lügenpresse"-Brüller irgend eine Grundlage haben. Bislang ist mir der Begriff jedenfalls nur von Leuten begegnet, die noch weitaus offensichtlicher und häufiger und absichtlicher Falschaussagen verbreitende Medien zitieren. Aber das heißt halt nicht, dass keine Fehler bei den etablierten Medien erkennbar wären.
Das Volk konnte aktiv nichts dagegen tun. In einem sozialistischen Regime wäre die Person weg gesperrt worden und hätte jeglichen Status verloren als Verräter am Volk.
Wer in einem Regime weggesperrt und wer nicht, hängt nicht davon ab, wer Fehler macht oder sich selbst bereichert, sondern wer in welchem Verhältnis zur Regimeführung steht. Das ist beinahe die Definition von Regime. Umgekehrt kann man in einer Demokratie sehr wohl Schuldige zur Rechenschaft ziehen, muss der Wähler nur wollen. Aber irgendwie werden bei uns regelmäßig Parteien und zum Teil sogar Politiker wiedergewählt, die Blankochecks verteilt haben, denn: Die Verantwortlichen schaffen es, in unseren postfaktischen Seiten subjektiv immer häufiger, teils sogar komplettes Versagen, totale Urteilsunfähigkeit und glasklare Korruptheit schönzureden. Spahns Masken, Merz' Fähnchen im Wind, Scholz' Bankenbeziehungen - solange sowas gewählt wird, braucht man sich über einschlägige Fehlschläge nicht zu wundern.
Was ist wenn man die Wahrheit kennt, aber dann auch mit ihr unzufrieden ist?
Dann muss man daran arbeiten, dass die Realität eine bessere wird.
In Zeiten vor asocialmedia hat man das "Fortschritt" genannt.