Nein eben nicht. Keiner will ein Nazi sein. Das Problem was ich sehe und was ich auch schon erlebt habe war als ich mit jemanden über die Energiewende diskutierte wurde ich von meinem Gegenüber auch als Nazis beschimpft und da liegt der Knackpunkt.
Der Begriff "Nazi" wird sicherlich inflationär gebraucht. Aber das heißt noch lange nicht, dass jede einzelne Anwendung von "Nazi" ungerechtfertig ist. Eine Partei, die nationalistisch-sozialistische Slogans schwinkt, ein nationalistisches Wahlprogramm hat (wenn auch kein soziales gescheige denn sozialistisches - aber die Original-Nazis waren auch in erstaunlich vielen Bereichen marktliberal), rassistsische Polemiken hochhält und voll von Mitgliedern in den hochrangigsten Positionen ist, die sich geschichtsrevisionistisch zugunsten von Nazis betätigen, die Taten von Rechtsextremen gut heißen, die die freiheitliche demokratische Grundordnung stürzen wollen, demokratischen Politikern mit Gewalt drohen, eine rassistisch-menschenvernichtende Politik vorbereiten, ethnisch-rassistische Verschwörungstheorien verbreiten etc. etc. etc., so eine Partei kann mit Fug und Recht als rechtextrem und mit Nazis assoziiert bezeichnen. (As seen on Verfassungsschutzbericht) Man nimmt nun einmal Nazis auf, man trifft sich mit Nazis, man demonstriert mit Nazis, man übernimmt Naziforderungen und man unterstützt Nazis. Also alles, was ein begeistertes NSDAP-Mitglied auch gemacht hat. Wer sollte denn überhaupt noch Nazi sein, wenn nicht dieses Gesocks?
Ganz natürlich stellt der Mensch sich selbst an erste Stelle. Das ist ein Urinstinkt, 'ich selbst bin wichtiger als die anderen'.
Jein. Es ist ein primitiv-materialistisches Grundprinzip des Lebens. Aber eben gerade die Hominiden praktizieren stattdessen "meine Gruppe ist wichtiger als andere" umsetzen und die Stärke des Menschen im speziellen ist es, dass er besonders große Gruppen bildet. Nicht umsonst reden wir hier statt über den "Stammeshäuptling" über eine "Bundesregierung" und die auch nur die zweithöchste Organisationsebene nach der EU.
Von diesem hunderte-Millionen-Menschen-System auf "ich über alles" (oder auch "Leute mit meiner Hautfarbe, meiner Vergangenheit, meiner Sprache und meinen politischen Ansichten über alles") zurückzufallen, ist einfach nur primitiv, rückschrittlich und nicht konkurrenzfähig. Und dann gehen Leute, die eben genau wegen sowas unterliegen, auf die Straße und beschweren sich, dass sie nicht als Übermenschen auf einen Thron gesetzt werden.
Aber gut. Wenn es sinnvoller wäre, an einem Strang zu ziehen, warum betrachtest du die politische Rechte dann als Feind, redest ihre Argumente und Positionen schlecht und redest von oben herab über ihre Wähler?
Weil sie entweder blöd sind oder Lügner? Das habe ich eigentlich lang und breit dargestellt und es hat nichts mit "rechts" oder "links" im allgemeinen zu tun. Z.B. Wähler des Dritten Wegs stehen nicht so da, nur AFD-Fans:
- Behaupten von sich, keine Nazis zu sein. Wählen aber eine Partei, die mit Nazi-Parolen, Nazi-Forderungen und Nazi-Kooperationen nur so um sich schmeißt.
- Sehen sich selbst als kleinen Mann, der untergebuttert wird. Wählen aber eine Partei, deren Wahlprogramm abseits der Naziforderungen praktisch nur aus Oberschichtbegünstigen steht.
- Klagen an, dass Politiker sie ständig belügen würden- Wählen aber eine Partei, die sogar naturwissenschaftliche Fakten durch selbst erfundene Märchen ersetzen will.
Diese Widersrüche kann man zugespitzt gesagt nur auf zwei Arten erklären:
a) AFD-Wähler sind zu blöd, die eigenen Wünsche und Ziele mit der Wirklichkeit abzugleichen.
b) AFD-Wähler sind Lügner, die in Wahrheit auf Nazi-Elitentum abfahren und das restliche Gelaber ist nur vorgeschoben.
(Option c: a und b treffen zu.)
Um aber auf die Frage einzugehen, die du vermutlich eigentlich stellen würdest:
Auch rechtes Gedankengut als solches (NPD, 3. Weg, etc.) ist unter vorangehenden Punkten objektiv abzulehnen, denn die einzige Gemeinsamkeit wirklich aller rechten Strömungen ist das Konzept "wir" gegen "die". Also das genaue Gegenteil von "alle zusammen". (Letzteres wiederum ist die einzige Gemeinsamkeit von praktisch allen linken Störmungen mit Ausnahme der Anarchisten. Wobei ich genau deswegen nie verstanden habe, warum die als "links" gelten.)
Nur hatte man früher eher sein festes, beschränktes Umfeld. Informationen kamen von außen durch die Medien rein und gut war. Heute kann sich durch das Internet jeder mit unzähligen Menschen auf der Welt vernetzen und austauschen. Tja, und durch die Menge geht das eigene Individuum dann in Richtung Bedeutungslosigkeit. Kein Wunder, dass viele damit nicht zurechtkommen und psychische Probleme bekommen.
Du meinst also, die Leute ziehen sich immer mehr der Informationsflut rein, obwohl sie sich vom ersten Schritt an unwohl dabei fühlen und eigentlich kehrtmachen sollten? Klingt so merkwürdig, dass es schon fast wieder stimmen könne. Ich habe aber eher den Eindruck, dass viele Leute (zumindest die, über die wir hier gerade reden - natürlich steigt auch die Zahl der Depressiven) mitnichten ihre eigene Bedeutungslosigkeit erkennen, sondern vielmehr in extreme Selbstüberhöhung verfallen. Bauern, AFDler, Klimakleber, Forennutzer. Und das in vielen Fällen gerade deswegen, weil sie ihren Informationskonsum schon beim kleinsten Angriff auf ihre Selbstherrlichkeit noch enger fokussieren, bis irgendwann 99% der Welt ausgeblendet ist und nur ihre eigene Bubble übrig bleibt.
Früher war das nicht möglich - in der Tageszeitung steht eben nicht nur drin, was man schon immer gewusst hat / hat kommen sehen, nämlich dass Bauer Fritz im Nachbardorf drei Runkelrüben weniger geerntet hat und dass der lokale AFD-nichts-gelernt-haber das zweifelsfrei auf grüne Corona-Impfungen zurückführen kann, sondern da steht auch drin, dass Kiribati wegen Klimawandel schon verloren ist, Palau kaum noch Chancen hat und zunehmend die gesamte menschliche Zivilisation auf dem Spiel steht, weil man die paar Cents für Klimaschutz sparen wollte. Und so eine nicht-selbstkontrollierte Berieselung mit einer breiten Palette macht es dann doch etwas schwerer, die eigene Rübengröße zum wichtigsten Problem der Nation zu erklären und alle Politiker zu lynchen, die nicht sämtliche Milliarden in dessen Lösung lenken.
Die wirklichen Baustellen der Agrarwirtschaft sind weniger die Subventionen, sondern der aus dem Ruder gelaufen Markt mit Quasi-Monopolen auf Seiten der Abnehmer. Ist halt blöd, wenn der eigene Lobbyist vom Bauernverband mit der Lebensmittelindustrie in die Kiste steigt und dann deren Interessen und die der großen Agra Industriebetriebe bedient.
Ist doch noch viel blöder, wenn man trotzdem in diesem Bauernverband bleibt, auf dessen Demos mitrennt und für den die Infrastruktur lahmlegt, oder?
Zumal das ja keine neue Entwicklung ist. Der Grund, warum die Bauern keine guten Abnahmepreise für festgelegte Mengen mehr haben, liegt darin, dass sie massiv mit besagten Bauernverband dafür gekämpft haben, dass es keine festgelegten Preise und Mengen mehr gibt. Duh. Da war UND IST die Gier größer als das Verständnis; obwohl ein freier Markt überwiegend Verlierer produziert sieht sich jeder als derjenige, der gewinnen wird und wenn die Realität dem nicht entspricht, sind "die Grünen" schuld.
Dabei wären genau die der Schlüssel zur Lösung: Bessere Preise für Agrarerzeugnisse? Es gibt genau einen Weg: Weniger davon herstellen. Idealerweise noch in höherer Qualität. Und nie war es einfach, das durchzusetzen, als mit Grünen in Landwirtschafts-, Wirtschafts- und Umweltministerium. Weniger Pestizide? Mehr Brachflächen? Lockerer Stallbesatz? Das würden die lieber gestern als morgen vorschreiben und die direkte Folge wären weniger Ausgaben bei den Bauern sowie relative Knappheit, welche die Preise spürbar ansteigen lassen würde. Aber genau dagegen wehren sich die Bauern und fordern das genaue Gegenteil:
Unbegrenzte, durchökonomisierte Massenlandwirtschaft in der nur die größten Agrarkonzerne überleben und um so größere Profite scheffeln können.
Die wirkliche Baustelle der Landwirtschaft sind die Bauern. Und aktuell baut man auf dieser Baustelle ab. (Womit ich wenig Mitleid habe, sollen die sich doch selbst eine Grube graben. Ich mag zwar keine Großkonzerne, aber schlimmer als selbstüberhöhte Gesellschaftsausbeuter sind sie auch nicht. Nur wenn aktiv der Rest der Gesellschaft durch Infrastrukturblockaden geschädigt wird, dann hört der Spaß an fremder Selbstzerstörung halt auf.)