Ich bin mittlerweile wirklich froh, dass es fast nur noch Online-Artikel der großen Tages- und Wochenzeitschriften und -zeitungen hinter einer Paywall gibt. Heute durfte ich diesen Artikel auf Zeit Online lesen:
Nach Ansicht vieler Menschen überwiegt das Trennende zwischen Ost- und Westdeutschland. Negativ blicken Ältere und Ostdeutsche auf die Einheit, zeigt eine Umfrage.
www.zeit.de
In dem Artikel geht es um eine Umfrage, laut der ein erheblicher Teil der Befragten eher eine Trennung als eine Einigung von Ost und West sehen. Wenn ich da den Kommentarbereich lese, wird mir schlecht. Wohlgemerkt, die Zielgruppe der Zeit ist das Bildungsbürgertum. Dennoch zeugt der Kommentarbereich von einem eklatanten Mangel an politischer und wirtschaftlicher Bildung der dort Kommentierenden. Einige geistig Umnachtete - insbesondere diejenigen, mit einem "Im Westen die Besten"-Mindset - sehnen sich sogar die Trennung herbei.
Eine erhebliche Anzahl an Bundesbürgern scheint nicht zu verstehen, woher die Frustration im Osten stammt. Nämlich aus der Perspektivlosigkeit durch krasse Strukturschwächen. Durch die Wiedervereinigung wurde fast das gesamte Ost-Vermögen, darunter auch das wertvolle Humankapital und Unternehmen bzw. Unternehmensteile, nach Westen verschoben. Die Zahlen sprechen doch für sich. 95% des Ostens gehört dem Westen oder dem Ausland, kein Ost-Unternehmen befindet sich im DAX und nur 2% der deutschen Führungskräfte pp. kommt aus dem Osten.
Dass dem "Westen" dafür keine "Generalschuld" trifft, dürfte den Leuten, die zu kritischem Denken fähig sind, auch bewusst sein. Im Grunde ist das auch wieder ein Ausfluss des Klassenkampfes zwischen Arm und Reich. Während der Erbschaftssteuerdiskussion hatte bereits jemand Warren Buffet mit genau dieser Aussage und der weiteren Aussage, dass die Reichen eben diesen Klassenkampf gewinnen, zitiert. Es ist unstreitig, dass die Oberschicht des Westens überproportional stark von der sog. Wiedervereinigung profitiert haben. Warum ein Großteil der Bevölkerung das immer noch nicht versteht und auch nicht versteht, dass wir uns unsere jetzige Form des Kapitalismus nicht mehr leisten können, ist mir schleierhaft.