Ob dies nun binnen Wochen zu einem Quasi-Zusammenbruch der russischen Wirtschaft geführt hätte, oder nur zu erheblichen Störungen, die aber ansonsten kaum operativen Einfluss gehabt hätten, da bin ich mir eher nicht sicher.
Ich will nicht behaupten, dass es die Wirtschaft auf Dauer ausgeknockt hätte, aber zusammengebrochen wäre sie erst einmal. Wie gesagt: Ein Betrieb, der 1-2 Wochen nicht beliefert wird, muss die Arbeit einstellen. Wenn er keine Möglichkeit hat, neue Lieferverträge abzuschließen, weil gleichzeitig auch sein bestehendes Zahlungssystem zugemacht hat und wenn ein Ersatz für das Zahlungssystem nicht organisiert werden kann, weil die 90% der Internetkapazitäten stillliegen und die Flugzeuge, dank derer man sich für persönliche Gespräche treffen könnte, wortwörtlich ausgeflogen sind, dann steht die Produktion für mehrere Monate. Wir haben bei Elektronik-Fehlschlägen der deutschen Autoindustrie gesehen, was für Auswirkungen das bei einzelnen Schlüsselindustrien haben kann. Jetzt stellt dir vor was ist, wenn freigestellten Arbeiter nicht nach Hause und zocken oder chatten gehen können, weil die Elektronikmärkte und die Medienanbieter auch gerade zugemacht haben. Geht man halt an der Datscha werkeln und macht Grillabend? Sorry, der Baumarkt des deutschen Unternehmens hat gerade geschlossen (schafft idealerweise sein Inventar gerade weg, hat aber zumindest alle Codes für die Kassen außer Lande geschafft) und im Supermarkt gibt es statt niedersächsischem Billigsteak nur noch russische Bete. Und zum nächsten Laden fahren? Gut, wenn das Auto gerade nicht in die Werkstatt muss, die keine Ersatzteile bekommt.
Es ist ja nun auch so, dass aufgrund der wirtschaftlichen (insb. Energiewirtschaft) Verknüpfungen auch versucht wurde, den Schaden für Europa zu dämpfen.
Schließlich ist russisches Gas ja zunächst weitergeflossen und die Substituierung musste erst aufgebaut werden.
Nein, musste sie nicht. Es begann gerade die warme Jahreszeit und die großen deutschen Speichereserven waren nach einem relativ warmen Winter noch voll. Hätte man noch die verzichtbare/Exportindustrieproduktion gedrosselt um den Verbrauch in den Begriff zu kommen, hätten wir iirc ein halbes Jahr allein von den Reserven leben können und es ist ja nicht so, als wäre Russland der einzige Lieferant. Mit den anderen hätte man es wahrscheinlich auf 12 Monate oder länger strecken können. Entsprechende Pläne/Möglichkeiten kannte man auch nicht erst "hinterher", nach dem Russland der Ukraine im vorangegangenen Gasstreit schon mehrfach die Pistole auf die Brust gesetzt hat, hatte man entsprechende Szenarien für den Fall eines Lieferstops längst durchgerechnet.
Europa hatte also durchaus Zeit und im Gegensatz zu Russland haben wir ja mehr als genug internationale Kontakte, um in dieser Zeit eine dauerhafte Alternative zu organisieren. Aber wie du so euphemistisch ausdrückst: Man hat lieber den "Schaden" für Europa (der ohnehin im niedrigen Prozentbereich liegt) "gedämpft". Oder es zumindest versucht.
Ich überlasse dir zu beurteilen, in wie weit das in Anbetracht von bald drei Jahren Kriegsverlängerung für die EU netto aufgegangen ist. Die Bilanz für die Ukraine ist jedenfalls offensichtlich. Und das wurde schon damals vorhergesagt: Man kann Russland nicht behutsam auszehren, da kommt das Gegenteil bei raus. Man kann Russland nur mit Schock erschüttern.
Zudem weiß ich nicht, ob Europas Sanktionsregime alleine (ohne USA) so einen Impact auf Russland gehabt hätte.
Kurzfristig ja. Schon aus rein geographischen Gründen gibt es ja viel weniger und vor allem viel weniger diversifizierten Handel zwischen Russland und den USA. Ich glaube da liefen vor allem Mineralien und Öl (Gas frackt die USA ja schon länger selber) gegen Geld, aber eher wenig Warenimporte. Mittelfristig war es natürlich wichtig, Russland von US-Finanzmitteln abzuschneiden, um einen Wiederaufbau der Wirtschaft durch Devisenmangel zu erschweren und allgemein war und ist die USA der Dreh- und Angelpunkt der internationalen Finanzwelt. Aber wie sich recht schnell herausgestellt hat, rannte man da in Washington ja offene Türen rein. Es waren die Europäer, die gebremst haben.
Hier dürfen wir also nicht nur auf Euopa schauen, sondern müssen feststellen, dass ein großes Land wie Russland nur mit geballter und vor allem geeinter Stärke sämtlicher Playser in überschaubarer Zeit zu Fall gebracht werden kann.
Das allerdings ist aufgrund der bekannt vielfältigen Interessen und Handelsbeziehungen eher schwer umsetzbar.
Langfristig gilt das: Alle beteiligten Player müssen an einem Strang ziehen, um etwas zu bewirken. Aber 2022 waren viele Player eben noch kaum beteiligt. Russland grenzt nun einmal an China (hat dahin aber nur wenig Infrastruktur), an Staaten ohne nennenswerte Wirtschaftsleistung in traditioneller Empfängerrolle und an die EU. Ein erheblicher Teil von Putins heutigen Versorgungswegen wurde erst eingerichtet, nachdem über Sanktionen debattiert und debattiert und debattiert wurde. Als dann endlich Beschlüsse vielen, hatten die russischen Händler in den wenigen ernsthaft betroffenen Bereichen längst Bestände angelegt und waren dabei, alternative Importwege vor allem über unsere guten Freunde in der Türkei, unsere neuen Freunde in Kasachstand, etc. zu organisieren. Das Ergebnis:
Die ohnehin recht überschaubaren Sanktionen kamen in Russland nur noch als Preissteigerungen für einen selektierten Kreis von Produkten (und Edukten) an. Aber Mangel gab es nur vereinzelt bei einigen Luxusgütern sowie in der Autoproduktion und die Preise konnte sich Russland als ganzes leisten, weil parallel die Gaserlöse explodierten. Dieses Geld wurde Putin einfach geschenkt. Die EU hat es nicht einmal hinbekommen, Strafzölle zu verhängen, die die Differenz zwischen den russischen Erzeugerkosten und den durch pure Spekulation extrem in die Höhe getriebenen Preisen innerhalb der EU abgeschöpft hätten. Da flossen Abermilliarden EURO in die russische Kriegsmaschinerie, obwohl es hier nie einen Mangel gab und bis 2023 auch kaum ""teures"" Flüssiggas aus anderen Quellen.
Darauf hat Putin sicherlich spekuliert und das nicht zu Unrecht.
Europa ist nunmal kein einzelner Staat -und erst recht kein diktatorisch regierter Staat- der sowas "mal eben" beschließen und umsetzen kann. Es konnte also fast gar nicht anders kommen.
Um Entscheidungen zu treffen braucht man keine Diktatur. Wenn man sich in einer Demokratie einig ist, dass Menschen- und Völkerrecht überragende Güter sind, dann kommt man sehr schnell zu dem glasklaren Schluss, dass Unterstützung für, Kooperation mit und Geschäfte zu gunsten Russlands tabu sind.
Worauf Putin aber tatsächlich zurecht spekuliert hat: Das ein erheblicher Teil westlicher Politiker (UND IHRER WÄHLER) ein verlogenes Dreckspack ist, dem Menschenleben egal sind, weil sie Vollzeit mit ihrem eigenen Wohlstand und mit nichts anderem beschäftigt sind. Genauer gesagt: Ihr Wohlstand für die nächsten paar Monate. Was ein andauernder Krieg Europa und die ganze Welt kosten wird, war ja scheinbar auch allen erstmal egal. (Allen außer den Aktionären von Thyssen Krupp, Rheinmetall und KMW, versteht sich.)
Richtig. Aber hätten härtere Sanktionen verhindert, das gewisse Staaten dies unterlaufen?
Um wiederum dies zu unterbinden, hätten diese Staaten (z.B. Türkei) dann Sanktionen erhalten müssen usw.
Wie gesagt: 2022 hat die Türkei noch nicht in großem Stil Sanktionen unterlaufen. Erdogan macht das nicht selbst und vorbereitender Absprache mit Putin, sondern er lässt Geschäftsleute im eigenen Land einen Reibach mit dem Elend der Ukrainer verdienen. Dazu mussten die aber erstmal Transportmöglichkeiten ausloten, Finanzierungswege finden, Kapital organisieren, Firmen gründen, Kontakte knüpfen, etc.. Im Sommer 2022 hat Russland Waschmaschinen noch in der Ukraine geklaut, anstatt sie in der Türkei zu bestellen. In dieser Phase war die russische Wirtschaft hochverletzlich. Und harte Sanktionen in diesem Moment hätten sie nicht nur für diesen Moment lahmgelegt, sondern auch den Aufbau der grauen Importwege deutlich verzögert, weil devisenlosen, von der Kommmunikation abgeschnittene, seit Monaten mit null Umsatz dastehende russische Unternehmen keine attraktive Zielgruppe für russische Entrepreneure gewesen wären.
Aber ne, für Scholz und Lindner war es halt wichtiger, den Dax zu streicheln, von den Nordstream-2-Rettern in der Politik mal ganz zu schweigen.
Soviel Handelsvolumen mit Russland hatten wir ja letztlich nicht. Einzelne Firmen bestimmt, aber gesamtwirtschaftlich ist der deutsche Handel mit Russland nahezu irrelevant.
Aus deutscher Sicht vielleicht, wobei 2,3% Außenhandel und 1,9% internationale Erlöse nicht komplett irrelevant sind. Aber ein nicht unerheblicher Teil davon war halt schlicht Öl und Gas. Russland hat umgekehrt aber rund ein Dittel seines gesamten Außenhandels mit der EU abgewickelt und hinter China auf Platz 2 (und mit deutlichem Rückstand) folgten dann direkt nicht-EU-NATO-Staaten. Die Abhängigkeit Putins in dieser Richtung war wenigstens vier-, wenn nicht fünfmal so groß wie unsere gegenüber China. Jetzt stell dir mal vor, wenn von heute auf morgen GAR NICHTS mehr zwischen Deutschland und China gehandelt werden würde...
Aber wie gesagt: "War"