Aber was hätten sie davon?
Die Frage kann man bei bezüglich vieler Verdächtiger stellen. Einen wirklich guten Grund hatte niemand. Einen weit hergezogenen, aber nicht gänzlich unbegründeten kann man für viele konstruieren. Im Falle der USA (oder allgemein der meisten westlichen Akteure) wird oft postuliert, sie hätten damit die immer wieder hochkochende Deutsche Diskussion um eine (Wieder-)Inbetriebnahme der Pipelines abwürgen wollen. Ohne direkte Gasliefermöglichkeit hatte Deutschland nichts mehr durch eine Anbiederung bei Putin zu gewinnen, wie sie gewisse Politiker bei uns erst vor kurzem wieder praktiziert haben. Diese Begründung ist nicht per se falsch, aber halt in Anbetracht einer praktisch reinen Oppositionsaußenseiterdiskussion und einem gar nicht lieferbereiten Russland auch arg unzureichend für eine Pipelinesprenung. Leider sieht das für die konstruierten Motive anderer Verdächtiger ähnlich aus.
Außerdem ist es dafür nicht hilfreich dann nur Nordstream 1 nachhaltig zu sprengen, aber Nordstream 2 weitestgehend intakt zu lassen, so das man mit dieser künftig immer noch relativ schnell wieder Gaslieferungen aufnehmen könnte und für so inkompetent braucht man die USA wohl nicht zu halten, das sie es nicht hinbekommen an zwei Pipelines ausreichend Sprengstoff zu pappen, das beide Pipelines dann im Anschluss auch nachhaltig nicht wieder nutzbar sind.
Nordstream 2 wurde nicht "intakt" gelassen, sondern zu 50% gesprengt. Bzw. der eine Strang sogar zu 200%, nämlich an zwei Stellen, was sehr wohl den Verdacht einer missglückten Sprengung aller vier Stränge nahelegt. Wirklich professionell wäre das nicht, aber ein Rohr auf dem Boden zu finden respektive das falsche Rohr auf dem Boden zu finden ist Amerikanern genauso viel oder wenig zuzutrauen, wie Russen, Polen, Ukrainern, Schweden, Deutschen, Chinesen,...
Ein weiterer Punkt also, in dem sich festlegende Spekulationen meist mehr über den Spekulierenden aussagen, als wirklich den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen.
Das der Hauptprofiteur, ohne das es andere (stichhaltige) Beweise für gibt, die anderes belasten, klar im Kreml zu suchen ist, dürfte daher wohl weiterhin der naheliegenste Schluss bleiben, da (die wichtigsten Punkte):
Der Kreml hat aktuell gar keinen Nutzen dadurch. Europa hat etwas Angst um seine Infrastruktur bekommen, baut genau deswegen jetzt aber auch Schutzmaßnahmen auf, die einen Angriff auf bedeutende Ziele erschweren. Das ist eher ein Rückschritt. Deutschland müsste jetzt, wenn wir wieder direkt Gas bekommen wollen, der Eröffnung von Nordstream 2 zustimmen - aber das wäre ein Pyrrhussieg, denn wenn Deutschland sich überhaupt zu so etwas durchreißen könnte, wären das ja schon 99% des Erfolgs und dann nur auf einem Rohr liefern zu können mindestens 5% Misserfolg.
Langfristig gehört Russland sogar definitiv zu den Verlierern, denn egal wie auch immer eine Nachkriegsordnung aussieht: Die Gaslieferungen werden wieder hochgehen und Nordstream hatte die geringsten Wartungs- und Durchleitungskosten und den direktesten Zugang zu den wertvollsten Märkten.
Allerdings ist langfristig vorausschauende Friedensplanung nun wirklich das letzte, was man der russischen Führung unterstellen müsste, sodass auch dies kein gutes Argument gegen eine Beteiligung Russlands ist.
b) Sie damit quasi auch nur ihr eigenes "Eigentum", in die Luft gesprengt haben, was keinen militärischen "Präzendenzfall", in Bezug des Angriffs auf die Infrastruktur eines anderes Landes, darstellt und jeder kann halt sein "Eigentum" in eigenen oder neutralen Gewässern in die Luft sprengen, soviel er lustig ist.
Es war eine teilweise deutsche Pipeline in schwedischen Gewässern. Die darf nicht sprengen, wie man lustig ist. Tatsächlich lautet einer der unterhaltsameren Verdachte, dass die deutschen Anteilseigener dahinter steckten, denn die hatten teilweise Versicherungen gegen Zerstörung - aber keine gegen "Nutzlosigkeit wegen Krieg".
d) Sie nichts dabei verloren haben, wenn das Kalkühl dafür war, damit in Deutschland eine politische Krise (was ehr das Ziel gewesen wäre), in Bezug auf die Versorgungssicherheit, zu verschärfen / auszulösen, so dies nicht funktionieren sollte.
Abgesehen davon, dass Russland durchaus etwas (aktuell weniger wichtiges) verloren hat (s.o.): Selbst wenn nicht, wäre das kein Argument für eine Täterschaft. Bhutan hat auch nichts verloren. Haben die deswegen mit [wer auch immer] zusammengearbeitet?
So einfach ist es leider nicht. Und wenn man sich auf Spekulationen über internationale Sabotageakte durch staatliche Einrichtungen einlässt, landet man bezüglich der Nutzen-/Schadensbilanz sowieso ganz schnell in Metaebenen. Die materiellen Folgen der Sprengungen waren nämlich definitiv sehr viel kleiner, als die diplomatischen und das war vorhersehbar. Man muss also direkt in Betracht ziehen, dass der durchaus nicht blöde Akteur hinter den materiellen Aktionen eventuell gar nicht an den direkten Folgen interessiert war, sondern an dem diplomatischen Fallout, der sich z.B. ergibt, wenn alle Russland beschuldigen.
Genau dieses Faktum heißt übrigens auch, dass die Spurensuche vor Ort wenig eindeutige Erkenntnisse bringen kann. Russische Sprengmittel im nötigen Umfange sind für die meisten Verdächtigen genauso leicht zu beschaffen, wie umgekehrt z.B. amerikanische für Russland. Es bleiben nur sehr glückliche Spurenfunde an Land, Whistleblower oder Geheimdienste für eine Aufklärung. Wobei letztere verdächtig ruhig sind. Verdächtig ruhig auf allen Seiten, was einen wieder keinen Schritt weiter bringt

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Desweiteren steht im Artikel das die Wagner Gruppe 80% ihrer Kämpfer verloren hat. Aber die Angabe stammt von ukrainischer Seite und sollte kritisch betrachtet werden.
Neben der Unsicherheit der Zahl an sich würde ich auch ihre Aussagekraft in Frage stellen. Wagner war vor dem Krieg nicht unbedingt riesig und hat als erster systematisch Häftlinge rekrutiert, die sehr vielen Schilderungen nach einfach verheizt werden. Wenn von den bislang insgesamt ins Feld geschickten Kämpfern 70% als Kanonenfutter gedacht waren, sind 80% Verluste insgesamt, also 30% der "echten" Soldaten + 100% der Ex-Knackis, keine überraschende Zahl. Zu "Verlusten" zählen ja auch Verwundete, Verunfallte und andere nicht mehr Kämpfende.
Na ja, manchmal ist auch ein wenig Panikmache dabei.
In einem Interview im Kontext zur Sicherheitskonferenz hat heute einer auch ganz aufgeregt erzählt, dass die Ukraine so viel Munition an einem Tag im Sommer verschossen hat, wie ein ganzes Natomitglied überhaupt im Bestand hat.
Auf Nachfrage war es dann Luxemburg...
Mein Auto kann in einer Stunde so viel Sprit verbrauchen wie im gesamten letzten Monat!!!
Die einzig wichtige Frage ist immer:
Wie lange kann das aktuelle Kampfniveau auf beiden Seiten aufrecht erhalten werden? Wenn das für eine Seite deutlich kürzer ist, als für eine Produktionssteigerung nötig wäre und für die andere nicht, dann hat man ein Problem. Sonst hat man allenfalls eine Aufgabe.
Das ist das eine, aber drückt Deutschland in eine massive Erpressbarkeit bei Energie und löst Russland daraus.
Wir sind abhängig von teurem Flüssiggas und seinen Erzeugern und Russland wendet sich nach Osten und baut seine Pipelines nach China mit langfristigen Verträgen.
Gleichzeitig gibt es Pläne um weitere Märkte so erschließen.
Langfristig wollen wir komplett von fossilen Energiequellen egal aus welchem Land unabhängig sein. Da kann uns also niemand langfristig mit erpressen. Und da sind wir nicht die einzigen; während Putin eine neue fossile Exportinfrastruktur aufbaut, mit der Russland ab 2030 richtig auftrumpfen könnte, will eigentlich kaum jemand nach 2040 überhaupt noch importieren. Bereits Nordstream 2 stand auch unabhängig von der politischen Situation in der Kritik, weil einigen Hochrechnungen nach schlicht der Bedarf fehlt.
Deutschland ist soviel erfolgreicher, aber können wir Atom U Boote bauen, in das All fliegen, alleine Flugzeuge bauen und eine ähnliche Armee wie Russland unterhalten und ausrüsten?
Sie sind wesentlich autarker als die meisten Länder der Erde .
Flugzeuge bauen: Ja
Ins All fliegen: Airbus hat das nötige Know-How, ja.
Atom-U-Boote bauen: Es ist lange her, dass wir kleine Reaktoren konstruiert haben, aber eigentlich ist das für jemanden, der große Reaktoren bauen kann, wortwörtlich keine große Kunst. Das können wir noch. Und U-Boote sowieso.
Bislang hatten wir nur nie Bedarf, irgendwas davon zu machen und natürlich muss man sich an die konkrete Umsetzung im Zweifelsfall rantasten. Nur weil ich bislang ausschließlich Ivar aufgebaut habe, heißt dass nicht, dass ich nicht auch Billy hinbekommen würde. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass das klappen würde, viele andere haben es auch geschafft. (Also das mit der Raumfahrt, den Atom-U-Booten und den Flugzeugen. An Billy scheitern einige.)
Ein anderes Thema wäre die Sache mit einer riesigen, inkompetenten Armee. In der Rubrik ist uns Russland fraglos unschlagbar überlegen. Wir sind zwar sehr gut darin, genauso viel Geld in eine noch viel nutzlosere Armee zu stecken. Aber die ist viel kleiner.
Die möchtest mitteilen, der Westen hat sich auf einen Krieg in diesem Ausmaß vorbereitet? Der Westen hat ausreichend Reserven. Check. Aber die Ukrainer beklagen Munitionsmangel und der eine oder andere westliche Repräsentant mahnt einen Engpass und extrem lange Lieferzeiten für Munition an. Das widerspricht sich! Sind die Klagen und Mahnungen die Wahrheit oder ein Fake? Eines von beiden kann nur stimmen, oder?
"Oder". Einen Engpass in der Ukraine kann man anmahnen, wenn es dort keine Munition gibt; lange Lieferzeiten wenn die Lieferzeiten im Falle einer (gar nicht getätigten) Bestellung lang wären. Aber beides heißt nicht, dass niemand volle Lager hätte und nur das bedeutet es, sich auf einen Krieg vorbereitet zu haben.
Natürlich gibt es trotzdem Länder, deren Lager ziemlich leer sind. Es soll ja auch Länder geben, die geben für die Überholung eines Segelschiffes mehr aus, als für den Neubau von deren drei. Aber nur weil die Bundeswehrverwaltung inkompetent ist, ist ja noch nicht der ganze Westen abgeschrieben.
Wie ich schon mehrfach geschrieben habe: Z.B. die USA haben erst vor ein paar Jahren beschlossen, dass sie nicht mehr in der Lage sein wollen, zwei große Kriege in Übersee gleichzeitig zu führen (sondern "nur" noch einen großen Krieg und einen begrenzten Luftkrieg in Übersee sowie eine Verteidigung des Heimatlandes in vollem Umfange) und vieles von dem, was sie letztes Jahr in die Ukraine geliefert haben, war einfach der Lagerbestand, der durch diese Kürzungen überflüssig geworden ist. Die haben noch nicht einmal angefangen, ihre Kapazitäten für internationale Einmischung deutlich zu reduzieren, geschweige denn einen Finger an ihre Selbstverteidigungsmöglichkeiten zu liegen. Genauso ist ein Großteil des Großgeräts aus EU-Ländern Material, dass entweder schon ausgemustert oder nur noch in dritter Reihe aktiv war und in einigen Jahren ausgemustert werden sollte. Ob Polen die zwar immer wieder modernisierten aber eben doch nur T-72 nun 2022 an die Ukraine geliefert hat oder ob sie 2030 endgültig verschrottet hätten macht keinen großen Unterschied (solange in den 8 Jahren dazwischen niemand Polen angreift, der nicht zufällig in der Ukraine mit eben diesen Panzern bekämpft wird. Aber allen Aussagen der PiS zum Trotz droht von Deutschland keine Gefahr, s.o. zum BW-Zustand). Die großen Ausnahmen, die mir bislang einfallen würden, sind nur PzH2000, HIMARs, Iris-T, Patriot sowie demnächst Leopard 2. Wobei die PzH2000 ja auch durch eine Rad-Haubitze "ergänzt" werden soll, die eigentlich einen Großteil des Einsatzspektrums übernehmen kann, mit jeder Modernisierungsrunde Leopard 2 stillgelegt werden, Iris-T auf Jahre hinaus noch gar nicht Teil der laufenden Verteidigungsstrategie war und HIMARs sowie Patriot abseits der Leitstände eigentlich recht simple Konstruktionen, bei denen 99% des Know-Hows im Verbrauchsmaterial steckt.
tl;dr: Lass dir von den Selbstdarstellern in der Politik nicht weißmachen, dass der Westen sich schon übermäßig bemüht hätte und von den Nationalisten nicht, dass die kleinste Abweichung der Bestände vom gewünschten Maximum ein großes Problem wäre. Im Prinzip könnten wir die gesamte Bundeswehrausstattung in die Ukraine schicken, denn rein geographisch gibt es außer Russland sowie niemanden, gegen den wir sie brauchen könnten, also kann unsere Freiheit damit auch am
Hindukusch Dnjepr verteidigt werden. Erst wenn das schiefgehen würde, dann wäre das kacke. Aber dann wären wir nie Verteidigungsfall bereits gewesen (und Putins Gefasel von NATO-Bedrohung wäre nicht nur in der Intention, sondern auch im Potential erstunken und erlogen). Dem aktuellen Stand zu Folge ist es aber gar nicht mal so schwer, die russsische Armee zu stoppen.
Vielleicht ist es ja der Schlüssel zur friedlichen Lösung des Konfliktes: Volksbefragung unter Aufsicht der UN und mit dem Ergebnis fällt dann eine Entscheidung deren Konsequenz weltweit akzeptiert und anerkannt wird. Oder was meinst du?
Ordentliche Volksbefragungen sind allgemein eine gute Idee, um eine neue demokratische Ordnung zu schaffen (wobei ich stark dafür plädiere, sie bei so grundlegenden Fragen über einen Zeitraum von wenigstens einem Jahrzehnt mehrfach abzuhalten. Menschen sind nämlich doof. Vergl. Brexit.). Wenn du sehr viel Freizeit hast, könntest du sogar hier im Thread nachlesen, dass ich einen Übergang der Krim an Russland akzeptiert hätte, wenn die Mehrheit ihrer Bewohner nachweislich und nachhaltig dafür gewesen wären und wenn sie alle, die das anders gesehen hätten dafür vollumfänglich entschädigt sowie dem ukrainischen Staat die überregionalen Investitionen der Vergangenheit zurückgezahlt hätten. Also kurz: Wenn die Mehrheit eine Änderung will und bei keiner Minderheit Schäden dadurch entstehen.
Aber das ist keine "friedliche Lösung des Konflikts", denn der Konflikt lautet nicht "Leute können sich nicht einigen, wie sie zusammen/nebeneinander leben wollen". Sondern der Konflikt lautet "ein Mensch ist der Meinung, seine Nachbarn als Leibeigene und ihr Land als seins zu behandeln". Dieses externe Probleme gilt es in Bezug auf das Gebiet der Ukraine zuerst zu lösen, denn alle internen Reformen nützen nichts, solange Putin die absolute Militärgewalt bis nach Berlin beansprucht und jederzeit wieder einmarschieren kann.
Wurde hier nicht die ganze Zeit über Minsk II philosophiert und dass das nur ein "Bluff" des Westens war?
Minsk II war genauso eine schwere Einschränkung der Forderungen Putins wie ein Bruch der Rechte der Ukraine. Das hätte in einer Situation, in der bereits Fakten auf halber Strecke geschaffen waren, eine geeignete Grundlage für die Stabilisierung zwischen zum verzicht bereiten, auf Frieden um jeden Preis erpichten Parteien werden können, wenn diese bereit gewesen wären, sich radikal von ihrer Vergangenheit zu lösen. Es gab aber exakt 0 derartiger Parteien und das war beiden Seiten auch klar (genauso wie Beobachtern, z.B. mir). Was Minsk II am laufen gehalten war, war Druck eines Westens, der nur in Ruhe Scheinchen zählen wollte und zwei Kriegsparteien, die beide geil/angewiesen auf diese Scheinchen waren. Dafür reichten aber allen drei Gruppierungen bloße Lippenbekenntnisse und das Minsk II mangels eines definierten Vorgehens überhaupt keine überprüf-, somit auch keine verfehlbaren Fortschritte vorsah, ware Lippenbekenntnisse leicht möglich.