Also zumindest auf dem Papier ist die russische Luftwaffe haushoch überlegen.
Der ukrainischen Luftwaffe: Ja.
Deren westlicher Bodenluftabwehr: Nur bedingt.
Was mich ehrlich gesagt in diesem Maße auch überrascht, schließlich will man damit bei Bedarf NATO-Staaten angreifen können und in allen anderen Kriegen der letzten drei Jahrzehnte mit Hochtechnologie auf mindestens einer Seite spielten Luftschläge eine entscheidende Rolle, nur hier nicht. Möglicherweise ermöglicht es der räumlich stark begrenzte, statische Krieg der ukrainischen Armee, eine so wirkungsvolle Dichte von Luftabwehr sicherzustellen.
Aber die Russen könnten auch aus größerer Distanz intensiver bombardieren.
Warum dies nicht geschieht ist mir unklar. Aber eben auch besser für die Ukraine.
Man kann nicht aus Distanz Bomben abwerfen (d.h.: Ich glaube ein paar Kilometer gehen, wenn man es beherrscht, aber präzise Wurfparabeln sinn dann doch eher was für geschickte Piloten). Man kann nur Marschflugkörper und Raketen aus sicherer Distanz starten und das machen sämtliche Zweige der russischen Armee. Aber sie haben die Dinger halt eher in ausreichender Stückzahl und Präzision, um große, leicht erkennbare Ziele wie Kriegsschiffe und ggf. noch Panzerbatallione auf Abstand zu halten. Gegen die verteilte ukrainische Infantrie und gut getarnte, Feuerpositionen schnell verlassende Artillerie kriegt man so nicht.
Sofern es noch das Ziel ist, dass man die Ukraine irgendwann als Ganzes zu Russland zählen möchte, wäre es doch toll, wenn man das zukünftige Eigentum nicht gänzlich in Schutt und Asche legt.
Diese Überlegung galt recht offensichtlich in den ersten Kriegstagen, wurde aber schon beim Rückzug aus Charkiw bröckelig und spätestens in Mariupol komplett aufgegeben. Es macht aus russischer Sicht nur noch bedingt Sinn: Wenn die Bevölkerung einen sowieso nicht mit Kaffee und Kuchen willkommen heißt, dann ist es für einen wanna-be-Besatzer doch viel besser, wenn sie stattdessen flieht. Wenn da aber er keiner mehr wohnt, braucht man auch keine Städte und in relativ großen Teilen der Ukraine gibt es auch keine sonderlich wertvollen Industrieanlagen (erst recht nicht, wenn man gar keine Facharbeiter dafür hat) und wie letzten Winter schon mal dargelegt: Agrafläche hat Russland eigentlich selbst genug. Das einzige, was es also noch zu gewinnen gibt, wäre ein Sieg als solcher.
Falls das zutrifft, wäre meine Frage eigentlich nur, es Zufall war, das zum Zeitpunkt der Explosion auch ein Zug die Brücke überquerte, oder ob das zu Schadensmaximierung eingeplant war. Falls ja, war auf jeden Fall vorgesehen, dass die Explosion den Zug in Brand setzt und/oder von den Schienen drückt, wodurch effektiv sowohl die Autobrücke zerstört als auch die Gleise zumindest blockiert, wahrscheinlicher jedoch schwer beschädigt werden.
Wenn der Fahrer im Auftrag der Ukraine handelte, wäre das anzunehmen. Der Planungsaufwand ist ja relativ gering, wenn man aus der Nähe stammt - warten bis ein Zug kommt, dann losfahren. Wenn eine Bombe untergeschoben wurde, dann könnte es ein glücklicher Zufall sein. Auch wenn möglicherweise der Tageszeitraum grob geplant war (einen besseren hätten sie zur Minimierung unschuldiger Opfer jedenfalls nicht finden können), wird die Position des Zuges nur mit wenigen Minuten Vorlauf hinreichend genau bekannt gewesen sein.
Ebenso gut könnte es eine Mischung aus exzellenter Aufklärung und einem perfekt beplanten Raketenangriff oder Haftmineneinsatz sein. Man muss wissen, wann ein Treibstoff- und/oder Munitionstransport die Brücke passiert und sorgt dafür, das selbigem etwas passiert.
Für letzteres erwarte ich keine besonders aufwendige Planung: Kriegsbedingt dürften 80-90% der Treibstoff- und 99% der Munitionstransporte im Umkreis dutzender Kilometer die Brücke passieren, Zielorte sind im Zweifelsfall auch relativ leicht überprüfbar, und wenn man nicht nach Zeit, sondern nach GPS-Position oder eventuell schlicht Neigung (wieviele vergleichbare Steigungen gibt es in der Gegend?) zündet, trifft man sehr leicht die Brücke auch wenn der Fahrer keinen minutiösen Zeitplan einhält. Allerdings wären zivile Treibstofftransporte auf Pritsche wohl sehr merkwürdig und Munition wohl ausgeschlossen. Auch deswegen habe ich gefragt, ob das trotz der eindeutig zivilen Bauweise ein Militärtransport gewesen sein könnte?