Der 9. Mai ist ein besonderer Tag für Russland. Es ist der Tag des Sieges für das Land. Der Tag der Kapitulation der deutschen Armee 1945. Jedes Jahr feiert Moskau dieses Datum mit einer Parade. Viele Experten gehen im Zuge des Ukraine-Kriegs davon aus, dass Wladimir Putin an diesem Tag einen großen Sieg feiern will. Einen großen Sieg, den er dringend brauche, um seine Macht zu stärken.
Jack Watling und Nick Reynolds vom Royal United Services Institute (RUSI) gehen in ihrer neusten Studie zur russischen „Operation Z“ in der Ukraine von einem anderen Szenario aus. Sie glauben, dass Putin am 9. Mai nicht den Sieg feiern, sondern ein Inferno losbrechen lassen will.
Watling und Reynolds schreiben: „Der 9. Mai hat sich von einer Deadline für den Sieg in einen Beginn einer riesigen Mobilisierung gewandelt.“ Die russische Führung habe erkannt, dass sie Zeit brauche, um ihre Ziele im Osten und Süden der Ukraine zu verwirklichen. Dafür brauche man eine Großoffensive im Sommer, heißt es.
Ein ernst zu nehmender Sieg bis zum 9. Mai sei längst unwahrscheinlich. Deshalb könnte der „Tag des Sieges“ genutzt werden, um eine große Zahl von Truppen zu mobilisieren. Von einem „Wendepunkt“ sprechen die Kriegsforscher. „Der 9. Mai könnte der Tag sein, an dem die russische Führung nicht mehr von einer “militärischen Spezialoperation" spricht, sondern von „Krieg“.
In Russland werde aktuell bereits die Rhetorik verändert, so Watling und Reynolds. Es gehe nicht mehr um einen Konflikt mit der Ukraine. Es gehe in den Aussagen der russischen Spitze längst um einen Konflikt mit der Nato. So betonte Außenminister Lawrow jüngst, die Nato führe „einen Stellvertreterkrieg in der Ukraine“. Zudem sei zu beobachten, dass Russland sich - auch ökonomisch - auf einen langen Krieg einstelle.