ruyven_macaran
Trockeneisprofi (m/w)
Nach Walter Lippmann sei es auch im dritten System wichtig, dass gewisse gesellschaftliche Gruppen die öffentliche Meinung der Bevölkerung bilden. Der Gedanke dahinter beruht auf einer Art Artbeitsdifferenzierung: man kann von ungebildeten Bevölkerungsgruppen, die sich kaum oder gar nicht politischen mit Geschehnissen beschäftigen (können), nicht erwarten, angemessene Entscheidungen zu politischen Fragen zu erzielen.
Wenn man das nicht verlangen kann, dann kann Demokratie nicht funktionieren. In einer solchen muss der Bürger zwar keine proaktiven politischen Entscheidungen treffen, aber er muss in der Lage sein, die gemachten retrospektiv zu beurteilen und anhand dessen die Fähigkeit und die Ehrlichkeit der politischen Entscheider zu beurteilen. Macht er das nicht oder fehlerhaft, dann ist Demokratie gescheitert.
Man kann zwar methodisch weitere Ebenen zwischenschalten, in dem der der "kleine Mann von der Straße" nur noch qualifiziert entscheidet, welche z.B. Presseorgane die Erfolge/das Versagen der Politiker sowie deren Programme für die Zukunft korrekt und ehrlich beurteilen, um sich dann danach zu richten. So in Richtung "wählen nach Wahl-O-Mat". Aber der Souverän muss souverän agieren. Wenn die Wähler so blöd (oder, eher, faul) sind, dass sie sich von Meinungsmachern in beliebige Richtung scheuchen lassen, dann hat man eine interessengelenkte Oligarchie.
Und ja, genau in diesem problematischen Zustand leben wir zunehmend. Die Mehrheit der Wähler scheint politisches, sowohl das Handeln der Politiker als auch das Handlungsumfeld, nur noch aus dritter, vierter oder entfernterer Hand zu beurteilen und dabei nicht nur wenig auf die Seriosität der vermittelnden Entitäten zu achten, sondern sogar explizit die maximale Verdummung zu bevorzugen.
Dennoch sei es für das Gemeinwohl wichtig, dass die Meinungen der Regierung und der Bevölkerung eine Annäherung erreichen.
Merkwürdige Formulierung. Der Bürger soll wählen, wer seine Meinung vertritt. Da gibt es nichts "anzunähern", sondern es gilt entweder Betrüger auszusieben (die letztlich eine andere Meinung vertreten, als sie bei der Wahl vorgegeben haben) oder ggfs. Bildungslücken zu schließen (wenn der Bürger nicht das nötige Wissen hatte, um sich selbst eine qualifizierte Meinung zu bilden, weswegen er nach der Wahl auf einmal eine andere hat als während) oder aber man hat ein Problem. Nämlich eine Demokratie-untaugliche Bevölkerung.
Dieser Gedanke sind zunächst nicht abwegig. Man fragt ja auch nicht demokratisch, welche Komponenten man sich für einen neuen 1500 €-PC kaufen soll, sondern wendet sich an die Experten im PCGHX-Forum, und übernimmt deren Listen nahezu komplett, weil man sich eingestehen muss, dass man selber keine Ahnung hat, nachdem die PCGHX-Experten ihre Meinungen zumeist fundiert und nachvollziehbar begründet haben ("Kauf den Freezer, weil P/L, siehe Link"). Wenn's um Politik geht, scheinen viele Menschen aber zu glauben, sie könnten sich eine Meinung erlauben, weil sie sogar zwei unterschiedlichen Telegramm-Gruppen folgen.
Die Ebenen in dem Vergleich sind imho falsch gezogen:
Für die Trennung zwischen Laien und Experten haben wir bereits die repräsentative Demokratie mit Ausschüssen. In letzteren würden die Empfehlungen der PCGHX-Experten angehört werden. Dann würde eine Runde vertrauensvoll auserwählter Mittelsmänner, sagen wir in diesem Fall: Ein Freund, dem man gebeten hat, eine gute PC-Konfiguration zu finden und dem man dafür ein Budget zur Verfügung stellt, diese Expertise prüfen und im Idealfall annehmen. Und am Ende hätte derjenige, der die Zeche bezahlt, einen neuen PC.
Deutsche Demokratie ist, wenn diese PC in weiten Teilen Schrott und bestenfalls die Hälfte wert ist, wenn man das auch anhand jeder zweiten vielleicht-nicht-gerade-Telegram-Gruppe-aber-zumindest-Tageszeitung und wenn der letztendliche PC-Käufer vier Jahre später wieder CSU wäh... äh... dem gleichen Freund Geld gibt, diesmal 2000 €.
Fraglich ist, wie stark die Eingriffe in die öffentliche Meinung legitim oder sogar wünschenswert erscheinen, und ab wann man von übergriffiger Proganda sprechen könnte. Ein Mangel an Lenkung der öffentlichen Meinung kann widerrum zu seltsamen, die Demokratie gefährdenden Phänomenen führen.
Es gibt keine "Lenkung". Es gibt nur Manipulation und die ist abzulehnen. Ein gesellschaftlicher Konsens kann bestimmte Möglichkeiten von vorneherein als inakzeptabel ablehnen und aus dem öffentlichen Diskurs aussperren. Z.B. die Haltung von Homo sapiens mit bestimmten genetischen Merkmalen als Arbeitssklaven auf dem Rechte- und Behandlungsniveau von Nutztieren gab es in früheren Zeiten mehrfach, die wird heute aber per gesellschaftlichen Grundkonsens so vehemend abgelehnt, dass unterstützende oder ausarbeitende Debatten darüber verboten werden. Desweiteren kann und sollte die Gesellschaft Regeln aufstellen, wie ein Diskurs zu führen ist. Z.B. dass keine Lügen verbreitet werden dürfen und dass alles, was keine neutrale Faktengegebenüberstellung ist, als gewichtete Meinung zu kennzeichnen ist.
Aber jenseits dieser Regulierung (die seit Jahren zunehmend schlechter gewährleistet ist), muss Meinungsbildung frei und unbeeinflusst erfolgen, sonst hat man ... keine frei und unbeeinflusst gebildete Meinung. Sondern Indoktrination.

