Ich weiß ja nicht, in was für einer Welt du so lebst. Wenn du reich geerbt hast, über genügend Kapitaleinkünfte verfügst oder aus anderen Gründen für deinen Lebensunterhalt nicht arbeiten musst und umso mehr Zeit zum Zocken hast – Gratulation. Ich habe die nicht: Ich bin in Vollzeit berufstätig, habe familiäre Verpflichtungen, der Haushalt muss auch geschmissen werden und ist aus meiner Sicht nicht bloß Sache meiner besseren Hälfte, und Videospiele sind auch nicht die einzige Beschäftigung, mit der ich mein letztes bisschen Freizeit fülle. Gleichwohl befinden sich in meiner Steam-Bibliothek über 20 ungespielte Spiele, ein Dutzend mehr auf GOG, und auf beiden Wunschlisten zusammen warten auch schon die nächsten 30, die ich noch nicht mal gekauft habe, weil es sich derzeit für mich nicht lohnen würde. Und das ist nur der PC, auch wenn die Konsolen samt Spielen bei mir mit einer PS3, einer Switch und einer Wii, die seit Jahren keine Steckdose gesehen hat, überschaubar ausfallen und meine Sympathie für Nintendo mittlerweile auf einem derart beachtlichen Rekordtief ist, dass da auch keine neuen Spiele mehr nachrücken werden.
Lass es mich mal so ausdrücken: Ich kann froh sein, wenn ich es schaffe, alle Spiele in meiner Sammlung im Laufe meines Lebens einmal durchgespielt zu haben; und ich habe immer noch nicht so richtig meinen Frieden damit gemacht, dass ich im Unterschied zu meinen jüngeren Jahren die meisten dieser Spiele auch kein zweites Mal oder gar noch öfter werde durchspielen können, einfach weil sie, wenn man nicht bloß halbherzig durchrennt, teilweise gewaltige Zeitfresser sind, obwohl so Einige von ihnen es absolut wert wären (und dann gibt es ja auch diverse PvP- und Casual-Titel, die kein richtiges „Ende“ haben und darauf ausgelegt sind, immer wieder gezockt zu werden).
Die größte Pointe dabei: Wenn ich mir so manche Steam-Profile anschaue, die Infos zu ihrer Spielebibliothek öffentlich teilen, oder so manche Bilder von Regalen voller Konsolenspiele, die andere im Netz posten, bin ich mit meiner Sammlung und meinem Pile of Shame noch im unteren Bereich angesiedelt. Da werden Abermilionen Euro in hunderte, tausende Spiele versenkt, die dann nie gezockt werden. Allein schon, dass das Konzept des Pile of Shame so geläufig ist, beweist doch, dass wir mittlerweile ein viel größeres Angebot an Videospielen haben, als ein einzelner Mensch jemals im Leben wegzocken kann, einfach weil die Lebenszeit dafür nicht reicht, selbst wenn man niemals ein Spiel mehr als einmal durchspielte. Ich könnte von heute an nie wieder ein Videospiel kaufen und wäre wahrscheinlich trotzdem für den Rest meines Lebens versorgt – vorausgesetzt, die Hersteller finden keine Wege, meine gesamte Sammlung unbrauchbar zu machen, ob mit DRM oder einfach durch das Verschwinden kompatibler Hard- und Software.
Aber da kommt ja das Schöne: Es gibt ein immer breiteres Angebot an Spielen, die zumindest ersterer Gefahr eben nicht ausgesetzt sind. Man könnte also schon exklusiv DRM-frei kaufen, ohne sein Hobby aufgeben zu müssen. Das Angebot an Spielen, deren Entwicklerkosten nicht mit „KI“ an uns externalisiert worden sind, ist sogar noch größer, und um „KI“-generierte Spiele einen Bogen zu machen noch einfacher. Die angebliche Wahl zwischen „‚KI-generierte‘ Spiele kaufen“ und „Videospiele als Hobby aufgeben“, die du hier beschreibst, ist eine falsche Dichotomie – ein rhetorischer Hütchenspielertrick. Wenn man sich freilich nicht nur über ein einziges Hobby, sondern auch noch lediglich über eine Handvoll Publisher oder Spielereihen definiert, dann wird es schwierig, aber dann sollte man halt vielleicht mal seinen Horizont erweitern – ein glückliches und gesundes Leben ist das mit Sicherheit nicht, wenn man sein Glücksempfinden komplett von ein paar wenigen Marken abhängig macht.
Sollten wir wirklich ein Szenario erreichen, in dem wir keine Wahl haben, als neue „KI“-generierte Spiele zu kaufen, um überhaupt noch zocken zu können, dann wäre das voll und ganz unser Verkacken, weil wir 1. für diese Art Spiele Geld ausgeben und 2. die Hersteller nicht daran gehindert haben, uns die Spiele, die wir bereits gekauft und bezahlt haben, wieder wegzunehmen oder sie anderweitig künstlich unbrauchbar zu machen. Und wie scharf sie darauf sind, sieht man an Sonys jüngster Ankündigung, dass ab 2028 neue PlayStation-Spiele grundsätzlich nicht mehr als physische Kopien ausgeliefert werden sollen, kurz nachdem Sony, das wie die ganze restliche Contentmafia auch immer betont, Piraterie sei „kein opferloses Verbrechen“, verkündet hat, aus den Bibliotheken von Millionen Kunden über 500 bereits *gekaufte* und bezahlte Filme zurückstehlen zu wollen. Rückerstattung? Schadenersatz? „Fack ju, wir dürfen das, also tun wir es!“