Ganz ehrlich, ich kann das Gelaber von wegen Grip beim auf der Landstraße fahren sowieso nicht ernst nehmen.
Nach 500.000km mit immer forcierter Gangart und knapp 50.000km Rennstrecken kannst Du mir glauben, dass ich weiß, was sliden ist. Früher, ja früher hat man auch auf öffentlichen Straßen vieles merklich wilder angehen können. Heute, gesetzter und darauf bedacht, keine Punkte zu bekommen, ist alles gemäßigter. Aber es gibt genug enge Wechselkurven, in denen man es krachen lassen kann und problemlos die Reifenhaftung gut nutzen kann. Insbesondere mit leichten Mopeds, die ich bevorzuge. Meine KTM 690 hat am Hinterrad mit "minimalen" Optimierungen fast 80PS, dass ist auf öffentlichen Straßen sowas von jenseits des Sinnvollen, aber es gibt ja keine kleineren Mopeds mehr mit guten Komponenten.
Und wenn Leute die Traktionskontrolle und schlimmer noch das ABS nicht ausschalten, nehm ich die eh nicht mehr ernst. Man braucht das sliden zum kontrollierten Lenken mit dem Hinterrad, das ist im Fall des Falles eleganter, als mit Lenkbewegungen die Linie ändern zu wollen, weil es wenige Unruhe ins Fahrwerk bringt. Alle heutigen Motorräder steigen beim Bremsen hinten auf, und nichts ist schlimmer, als ein ABS, was einem beim Anbremsen den Bremsdruck reduziert. Da ist die Linie komplett kaputt. Zum "um die Ecke schmeißen" brauche ich Bremsdruck, nimmt mir das ABS diesen, fehlt mir die Haftung am Vorderrad zum klappmesserartigen Umlegen.
Sliden ist ein extrem weiter Begriff. Wann immer man mit einem Reifen Kraft überträgt, hat er Schlupf. Das ist aber anfangs so wenig, das bemerkt man nicht. Irgendwann mit immer höheren zu übertragenden Kräften, also der Kombination aus Quer- und Längsbeschleunigung, fühlt man dann sehr individuell ein erstes Walken, Wandern, Rubbeln, Vibrieren, oder wie auch immer es sich je nach Reifen, Luftdruck und Asphalt äußert. Dann wird das immer mehr, man kommt zum sichtbaren Sliden, auch das ich noch völlig kontrolliert, weil es weiterhin mit zunehmendem Schlupf mehr Haftung gibt und dann irgendwann kommt der Punkt an dem es instabil wird, weil mit weiter steigendem Schlupf die Haftung wieder leicht abnimmt. Hat man diesen Punkt erreicht, ist das alles nicht schlimm, man muss "nur" den Kurvenradius erweitern. Das schafft man natürlich nur, wenn man VORHER weiß, dass man den Punkt der maximalen Haftung gleich überschreitet. Das ist trickreich und nicht jedem gegeben.
Schauen wir uns diese Grafik doch mal an. Sie beschreibt allerding den reinen Vortrieb, also die Längsbeschleunigung, mit der Querbeschleunigung ist das qualitativ ähnlich, es ist aber alles merklich gestaucherter. Die siehst, sobald Du eine Kraft überträgst, die ist in der Grafik etwas ungeschickt normiert als Reibzahl, Du kannst die Reibzahl besser mit "g" ersetzen, steigt der Schlupf. Dann siehst Du die eingekringelten Bereiche. Das sind die, die man als Fahrender üblicherweise spürt. Der eine später die andere früher.
Und jetzt gehen die Probleme los. Einige spüren das viel eher, andere erst, wenn sie auf der Klappe liegen. Das ist ein Punkt der Erfahrung. Wenn ich fahre, gibt es eigentlich auf Landstraßen keine Ecke, in der der ich es nicht zum Sliden bringen könnte, man macht das aber aus Selbsterhaltungsgründen quasi nie, es sei denn, es ist alles extrem übersichtlich, es gibt keine Bäume, keine Leitplanken und keinen Gegenverkehr. Auf Bundesstraßen hast Du das nie, die sind für mich tabu, auf kleines Kreisstraßen finden man das regelmäßig, so gefühlt jede 50-100ste Kurve. Und dann kann man Spaß haben. Und es ist völlig egal ob Tourengurke oder Sportreifen, das prinzipielle Verhalten ist ähnlich. Nur bei sehr heißen Reifen versagen Tourenmischungen, für die Rennstrecke ist das lebensgefährlich, auf Landstraßen sind sie in der Regel besser als Sportreifen, weil sie auch kalt haften. Aber so 40°C ist ganz hilfreich. Und die erreicht man heute bei diesem schönen Wetter. Darum ging es ja.
Quelle:
Ich hoffe, nach dieser kurzen Einführung legen sich die Gemüter wieder. Es ist ja auch noch nicht so heiß. Und ja, ich gehe von mindestens 95% der Fahrenden aus, die keinerlei Gefühl fürs Sliden haben. Deren Meinung ist irrelevant. Aber es gibt wenige, die wissen, was sie machen. Und kommen wir dann zu dem Kreis jener, die Vorderradslides bewusst einsetzen, werden es ganz wenige. Aber das ist ein Thema, welches man auf öffentlichen Strßane nicht umsetzen. Das ist zu heikel, sowas mache ich auf der Nordschleife. Rennstreckenerfahrung hilft aber, um auf der öffentlichen Straßen tunlicht den "Point of no Return", also den PNR, nicht zu überschreiten. Dann klappt es auch mit sicherem Fahren.