Selenskyj: Wir alle haben Angst vor Krieg, das ist ein Instinkt. Ich mache hier niemandem einen Vorwurf. Den Leuten tun wir Ukrainer zwar leid. Aber das Schlimmste wäre, wenn der Krieg zu ihnen selbst käme. Die Bürger und ihre Staatsführer sehen eine potenzielle Bedrohung für die Stabilität ihrer Länder, auch für ihre politische Macht. Also wollen sie den Krieg aufhalten – und das geht am besten auf Kosten anderer. Auf keinen Fall auf Kosten von Opfern im eigenen Land. Ich versuche hier gar nicht, objektiv zu sein, denn ich bin der Präsident eines Staates im Krieg, also werde ich subjektiv sein. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen aus dem, was ich sage. Der einfachste Weg, den Krieg zu beenden, ist es, Russland Gebiete zu überlassen. Ihnen den Einfluss auf die Ukraine und innerhalb der Ukraine zurückzugeben, den sie über Jahre hatten. Aus diesem Grund gab es die Minsker Abkommen. Unsere befreundeten Staaten sollen uns das nicht übel nehmen, aber ich denke, die Minsker Abkommen waren so ein Zugeständnis.
Deutschland und Frankreich hatten bei der Vermittlung der Minsker Abkommen 2014 und 2015 geholfen. Sie sollten den Krieg im Osten des Landes beilegen, den Russland mehr oder weniger verdeckt führte, indem es bewaffnete Gruppen im Donbass stützte, aber auch selbst Truppen schickte. In der Ukraine empfand man die Abkommen als aufgezwungen.
SPIEGEL: Sie haben aber doch selbst versucht, das Minsker Abkommen umzusetzen?
Selenskyj: Ich bin auf diesen Zug aufgesprungen, der ehrlich gesagt bereits Richtung Abgrund fuhr. Mit »Zug« meine ich diese Vereinbarungen als Ganzes. Jeder Punkt steht für einen Waggon, und wenn du anfängst, das auseinanderzunehmen, kapierst du: Das Ganze ist so konstruiert, dass eine Seite etwas nicht erfüllen kann und die andere den Konflikt einfriert. Ich erkannte in den Vereinbarungen gar nicht den Wunsch, der Ukraine ihre Unabhängigkeit zu lassen! Ich verstehe ihren Sinn so, dass man den Appetit Russlands auf Kosten der Ukraine erst mal ein wenig stillen wollte. Aufschieben ist völlig in Ordnung in der Diplomatie. Man weiß ja nie, ob nicht ein Entscheidungsträger stirbt und alles plötzlich einfacher wird. Ich habe in diesen Vereinbarungen nur einen einzigen Sinn gesehen: Es gab dank ihnen eine offizielle Gesprächsplattform, um überhaupt irgendetwas zu lösen. Und habe mich dann auf die Frage des Gefangenenaustauschs konzentriert und dem Chef des Präsidialbüros gesagt: Andrij, lass uns das ausbauen, da geht es um Menschen. Und wenn wir einen Austausch »alle gegen alle« schaffen, schauen wir weiter. Aber was Minsk insgesamt angeht, habe ich Emmanuel Macron und Angela Merkel gesagt: So können wir das nicht umsetzen.
SPIEGEL: 2019 erreichten Sie Ihr erstes und einziges Treffen mit Putin: Sie trafen ihn in Paris, im Rahmen eines Vierergipfels im sogenannten Normandie-Format.
Selenskyj: Ich habe ihm dasselbe gesagt wie den anderen beiden. Die wunderten sich und sagten: Wenn wir vorher gewusst hätten, dass Sie den Sinn unseres Treffens verändern, dann hätte es schon vor dem Gipfel Probleme gegeben. Ich habe geantwortet: Ich bin ein junger Präsident, neu im Amt. Es geht hier um technische Fragen. Ich war an der Kontaktlinie und habe das selbst untersucht: Was im Abkommen steht, ist nicht umsetzbar.
SPIEGEL: Es ging um die »Entflechtung«, also den Abzug der Truppen beider Seiten von der unmittelbaren Frontlinie.
Selenskyj: Putin drängte auf einen schnellen Abzug. Ich habe ihm erklärt, wie das derzeit geschieht, und habe ihm vorgerechnet, dass wir im gegenwärtigen Tempo noch 20 Jahre brauchen. Ich sagte ihm: Mein Vater ist Mathematikprofessor, ich bin gut im Rechnen.
SPIEGEL: Wie standen die Chancen auf einen Waffenstillstand in der Anfangszeit des Krieges, im März 2022?
Selenskyj: Damals wollten viele den Krieg sehr schnell beenden. Innerhalb weniger Wochen änderte sich diese Sicht. Dank unserer Energie einerseits, und dank dem, was Putin und seine Armee angerichtet haben: Butscha, Mariupol …