Es ist in jede Richtung ein Spiel mit Plausibilitäten. Oder kennst du das heutige russische Prozedere aus erster Hand und kannst einen gegenteiligen Vergleich zum früheren ziehen?
Nein, kenne ich nicht. Aber wir haben heute ein deutlich anderes System an der Spitze Russlands, mit einem klaren Präsidenten und nicht mit mehreren Fraktionen die sich in ihrer Mächtigkeit Wechseln unterliegen. Das System Putin mit der UDSSR zu Vergleichen ergibt hier, so wie du es getan hast, keinen Sinn.
Es gibt unter Putin kein "inhärentes Misstrauen" zwischen Mitgliedern der Regierung, schlicht, weil Putin sagt wo es langgeht und der Rest sich zu fügen hat.
@ruyven_macaran Es geht nicht um die Arbeitsweise, also die Übermittlung und Ausführung der Befehle. Es geht um die von Mahoy beschriebene Erteilung dieser Befehle. Und die hat sich geändert, schlicht weil es kein Politbüro mehr gibt. Die Doktrin von 2020 sagt, der Präsident gibt den Startbefehl, Punkt.
D.h. diese Unsicherheit die Mahoy beschrieben hat, existiert nicht länger. Lies was er geschrieben hat:
Wie sich nach Ende der Sowjetunion herausstellte, gab es schier unglaubliche Hürden selbst für das Politbüro, einen solchen Einsatz anzuordnen - gerade wegen des inhärenten Misstrauens, welches auch unter den Figuren an der Spitze der Macht herrschte.
Laut Doktrin von 2020 gibts hier keine Hürden. Der Präsident befiehlt. Ende.
Aber selbst das spielt für einige Szenarien die aktuell diskutiert werden gar keine Rolle. Der Einsatz taktischer Nuklearwaffen würde wahrscheinlich nicht über diese Befehlskette angeordnet und darin liegt ironischerweise viel mehr Potential dass der Befehl nicht umgesetzt würde - wenngleich auch das kaum vorstellbar ist.
Taktische Nuklearwaffen sind eingelagert, müssten erst aus den Depots geholt & montiert werden bevor man drüber nachdenken kann diese zu nutzen. Dass hier jemand verweigert, v.a. wenn das Ziel des Beschusses ggf. mitten im Schwarzen Meer liegt ist schwer vorstellbar, wenngleich nicht unmöglich.
Egal wie, zu glauben, dass jemand in einer nuklearen Befehlskette einen Befehl, der über die Befehlskette eingeht am Ende verweigert muss als Wunschdenken abgestempelt werden - einfach weil es zwar wünschenswert wäre, aber man damit weder planen noch rechnen darf.
Das Wesentliche Merkmal dieses Konflikts ist doch, dass er praktisch in einer Sandbox läuft, die traurigerweise die Ukraine ist.
Der Einsatz und auch die maximal mögliche Verlust für Russland haben sich nicht erhöht. Die Gefahr für Russland selbst hat nicht zugenommen. Der Kreml tönt seit Monaten dasselbe; die einzige Eskalation findet rein verbal statt.
Jain. Der für Russland wahrgenommene maximal mögliche Verlust hat sich erhöht. Russland hätte am 24.02. niemals damit gerechnet in eine Situation zu kommen in der ggf. die Kontrolle über die Krim gefährdet sein könnte. Das hat sich geändert. Dass die Kommunikation des Kreml seit Monaten ähnlich verläuft ist richtig, zu glauben, es habe sich jedoch nichts an den Parametern geändert ist falsch.
Du selbst hast konstatiert, dass Putin allen Einvernehmens nach nicht durchgeknallt ist und diese Ansicht teile ich - unter welchem Zwang also sollte er sich genötigt sehen, seien verbale Eskalation in die Praxis zu überführend und damit überhaupt einen Ablauf an Handlungen einzuleiten, der dann vielleicht in die Katastrophe münden könnte?
Dem Zwang der gegenseitigen Eskalation. Das ist das Problem mit nuklearer Erpressung & Abschreckung. Beide Seiten müssen den Standpunkt des jeweils anderen verstanden haben. Wenn man nicht miteinander spricht, dann passiert das durch Gesten, z.b. Waffentests, Rüstungslieferungen, auslaufen von nuklear bewaffneten U-Booten etc. Da gibt sehr sehr viele Kleinigkeiten die unterschiedlich gedeutet werden können, Perzeption ist hier sehr sehr wichtig. Was für uns harmlos erscheint kann für den Gegenüber bedrohlich wirken. Dass Selensky nicht mit Putin spricht ist so verständlich wie ärgerlich. Aber darauf kommts gar nicht an, wichtig ist, dass der Apparat Biden & der Apparat Putin eine Kommunikationsebene haben.
Schau Dir an was die Russen damals bei Able Archer veranstaltet hatten, das war teilweise Spitz auf Knapp, eben auch weil die UDSSR damals die Perzeption hatte, dass Able Archer keine bloße Übung, sondern der Auftakt zum Weltkrieg ist.
Hier den richtigen Weg zu finden ist nicht einfach. Diejenigen die sagen "Hach Putin blufft eh nur" wissen das eben nicht, sondern sie glauben es zu wissen. Diejenigen die sagen, er blufft nicht ebenso.
Im Moment sitzt Putin am Pokertisch, hat sein Blatt augenscheinlich überreizt und lediglich angekündigt, Haus und Hof zu setzen. Wird er das tun? Für das vergleichsweise Wenige, was im Topf ist? - Definitiv nicht, wenn deine Einschätzung seiner geistigen Gesundheit korrekt ist. Ich bin der Ansicht, er hofft darauf, dass niemand sehen will und die Fortsetzung des Spiels vertagt wird. Und in der Zeit fließt viel Wasser den Dnepr hinab.
Was wir jetzt entscheiden müssen ist Folgendes: Wollen wir sehen oder aussteigen? Dazwischen gibt es nichts.
Gibt ne Möglichkeit dazwischen, die aber für Russland kurzfristig keinen Sinn ergibt, weil militärisch bedeutungslos. Escalate to deescalate, nicht mit A- sondern mit C-Waffen. Hat dieselben Probleme wie A Waffen, es bringt militärisch einfach wenig, aber die Reaktion des Restes der Welt wird weniger harsch ausfallen. Ansonsten, ja. Die Mobilmachung wird Löcher stopfen, wie haltbar das ist wird sich zeigen. Putins Raketenangriffe auf zivile Ziele können auch als Aufforderung verstanden werden zu verhandeln, denn wie du sagst, es ist für ihn nur sehr wenig im Topf, aber er könnte noch jede Menge verlieren.
Man kann es allerdings Putin schmackhaft machen, seinerseits hinzuwerfen, indem der Sieger ihm erlaubt, sich eine Kleinigkeit aus dem Pott zurückzunehmen - nichts Großes, eher etwas vom ideellen Wert, damit die Frau zu Hause nicht tobt, weil er den Ehering verspielt hat.
Das wiederum kann jedoch - um die Metapher nicht zu überstrapazieren - nicht über den Kopf der Ukraine hinweg geschehen.
Volle Zustimmung, unter mindestens der Nutzung der Krim als Flottenstützpunkt wird gar nichts gehen und das wollen die Ukrainer eigentlich seit 2004 nicht mehr. Und deshalb wird Putin jetzt den Blutzoll für die Ukraine so hoch wie grade noch möglich hängen um diese von Ihrer "Wir verhandeln nicht mit Putin" Position abzubringen.
Das soll kein Prechtsches "Die Ukraine soll sich ergeben" sein, es ist lediglich eine traurige Feststellung dessen was da grade passiert. Putin stopft mit Kanonenfutter seine Löcher in der Front und schießt die Ukraine zusammen und es gibt nur sehr sehr wenig was ihn daran hindern könnte damit aufzuhören.