Bezüglich Fehlern kann ich bestätigen: Da tut sich Wikipedia schwer mit der Korrektur. Habe auch schon 1-2 mal selbst welche eingebracht, waren keine 24 h später wieder verschwunden. Wie alle sozialen Konstrukte lebt Wikipedia vom Engangement einzelner und wenn in einem bestimmten Themenkreis einzelne Ansichten unter den Aktiven überwiegen, merkt man das auch den Artikeln an. Allerdings waren davor auch professionelle Informationsquellen nicht vollkommen gefeit, vieles von dem einseitigen Kram auf Wikipedia ist ja sogar aus eben diesen abgeschrieben. Am auffälligsten ist das meist wenn man in der englischsprachigen Wikipedia Artikel zu US- und UdSSR-Raumfart- und -Militärtechnik vergleicht. Aber auch bei anderen Themen mit starker politischer Meinungsbildung wie Klimawandel, weniger als 10 Jahre zurückliegenden Ereignissen und Rechtsordnungen muss man sich darüber im klaren sein, dass Wikipedia nur ein bequemer Einstieg, aber keineswegs eine objektivere Quelle als etwas x-beliebig anderes ist. Wenn es sowas wie EINE Wahrheit zu einem Thema überhaupt gibt, findet man auf Wiki aber meist die Verweise auf Primärquellen oder Stichworte, um sie relativ schnell zu finden. Umgekehrt ist es bei allem, was sich logisch verknüpfen lässt, oft leicht Fehler oder stark einseitige Darstellungen zu erkennen. Wie bei jeder anderen Quelle auch muss man bei Wikipedia halt mitdenken.
White, western privilege. Auf der Welt haben viele Haushalte nicht einmal fließend Wasser, geschweige denn Internet. Und mit Hartz IV zahlst Du auch nicht mal locker Breitband.
Wenn du mit Breitband "irgend ein DSL oder Kabel" meinst, ist das mit die günstige Variante, überhaupt einen Festnetzanschluss zu haben und die Bandbreitenanforderungen von Wikipedia sind vorbildlich niedrig. Da kommen selbst Mobile-Flats mit kleinem Datenvolumen mit klar. Natürlich gibt es immer Leute, die einfach gar keinen Online-Zugang haben – in Deutschland zwar fast immer selbst verschuldet (wenn auch teilweise durch eine längere Kette an deren Anfang kein Bewusstsein für die Konsequenzen stand) bzw. wegen nicht-wollens, aber international sicherlich häufiger. Nur:
Wer von diesen Internet-losen hat denn stattdessen ein mehrbändiges Lexikon? Oder einen Bibliotheksausweis? Oder überhaupt eine Bücherei in der Nähe, wo er in ein gedrucktes Lexikon schauen konnte? Eben. Der Wissenszugang über Wikipedia ist nicht komplett egalitär, aber er ist ein riesiger Fortschritt gegenüber Brockhaus & Co, die nur für eine deutlich kleinere Elite erschwinglich waren. (Sowohl privat als auch öffentlich: Eine Bücherei in einem Entwicklungsland kann in der Regel eher einen Internetzugang als eine Komplettausgabe der Britannica anschaffen.)
Die Kritik dass es "fast Food" sei und die Autoren diese Plattform "formen" teile ich.
Im Startpost hat der TE gefragt wie das früher lief, etwas weiter wurde behauptet dass heute Gast jeder schnellen Zugang dazu hätte. Genau hier ist das Problem! Es ist wirklich toll dass man schnell an Infos kommt, ja. Es ist aber auch ein Problem. Wie schon erwähnt musste man früher mehr Aufwand treiben um sich dieses Wissen zu besorgen. Ja. Das hatte aber vorausgesetzt dass man länger als nur wenige Sekunden bereit war sich damit auseinander zu setzen und sich damit zu beschäftigen. Man hat Zeit investiert. Man hatte sich automatisch länger geistig damit befasst und in der Bibliothek beispielsweise auf der Suche nach DEM Buch noch andere entdeckt und Menschen getroffen die sich ebenfalls dafür interessieren. Es hat die soziale Kommunikation gefördert, es hat den geistigen Horizont erweitert und die eigene Denke geschult. Man hat auch klar abgewogen ob es einen die Zeit wert war und so sein Handeln viel genauer bestimmt und seinen Fokus trainiert.
Während ich bei der Qualität vieler Wikipedia-Artikel durchaus den Vergleich mit Fast Food angemessen finde, kann ich dein Lob nicht im geringsten nachvollziehen. Bibliotheken sind für soziale Kontakte denkbar ungeeignet (die sind sogar ausdrücklich nicht erwünscht), während umgekehrt dank Wikipedia deutlich substantieller mögliche Online-Diskussionen heute für viele Leute mehr soziale Kontakte initiieren als alles andere zusammen genommen. Und was die Quervernetzung von Wissen angeht, nach dem man ursprünglich gar nicht gesucht hat, liegt Wikipedia so meilenweit uneinholbar in Führung, dass "in Wikipedia gefangen" ein feststehender Ausdruck geworden ist. Bleibt noch die Aussage, dass man früher sehr genau abgewogen hat, ob man wegen einer Wissenslücke überhaupt recherchiert hat. Das stimmt. Aber das ist ja wohl das genaue Gegenteil von Horizonterweiterung: Wo man früher aus Faulheit dumm blieb (was viele aber nicht davon abgehalten hat, ihr Nichtwissen weiterzugeben!), guckt man heute wesentlich eher mal nach.
Gerade geschichtliche Artikel sind viel zu sehr aus Sicht des weißen Europäers geschrieben:
de.wikipedia.org
Hier fehlt die Sicht der Opfer fast vollständig und die Schuld der Weißen ist bei weitem nicht massiv genug dargestellt.
Abgesehen davon dass der Artikel insgesamt schlecht ist und auch als solcher geflaggt wurde, ist es ein Artikel über die Kolonisierung Amerikas. Also über einen Prozess, der zu 95 Prozent von weißen Europäern betrieben wurde. Worüber soll man da also sonst schreiben? Es ist weder ein Artikel über die Folgen noch über das davor noch über die Opfer, sondern ausdrücklich über die Tat. Da sind zwei komplette Absätze zu den Untaten sowie zahlreiche weitere einzelne Sätze ein angemessener Blick über den Tellerrand. Was fehlt sind die Links zu den weiterführenden Artikeln, die diese Aspekte weiter ausbauen - ist halt, wie gesagt, ein schlechter Artikel. Auch in der Hinsicht. Aber unausgewogen finde ich ihn nur bezüglich der beinahe-Gleichsetzung des "Amerikas" im Titel mit "Gebiet der (späteren) USA".