Achtung, Henne-typische Wall of Text incoming!
Es ist doch damit nicht getan, bzw. es ist doch nicht nur eine Frage von "habe ich gerade genug Sozialarbeiter", zur personellen Betreueung, da hängt doch noch ein Rattenschwanz an Notwendigkeiten hinten mit dran, an Personal und Leistungen die nach den ersten Wochen und Monaten erbracht werden müssen.
Ich weiß nicht, wie die Situation in anderen Bundesländern ist, aber für Bremen kann ich sagen: im Unterbringungssystem für Geflüchtete - zumindest wenn es NICHT um unbegleitete Minderjährige geht - arbeiten nahezu keine Sozialarbeiter. Ich selbst arbeite ja schon seit 4 Jahren in Unterbringungen verschiedener Art, beim größten Träger (Wohlfahrtsverband) solcher Einrichtungen hier im Stadtstaat. Spontan fallen mir keine Kolleginnen und Kollegen ein, die SozPäds oder Sozialarbeiter sind. Wir sind im Grunde alle Quereinsteiger, mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und Qualifikationen. Beispiele: ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin einer juristischen Fakultät, die nebenbei promoviert. Ehemalige Flugbegleiterin, ehemaliger Hotelfachmann, ehemalige Verwaltungsmitarbeiter, Uni-Absolventen verschiedener Richtungen frisch aus dem Hörsaal. Alles "Learning on the Job". Auch in den weiteren Beratungsstellen für Flüchtlinge (für noch nicht Anerkannte) bzw. den Migrationsberatungsstellen für Erwachsene (für Anerkannte) zumindest unseres Trägers arbeiten wenige/kaum SozPäds/Sozialarbeiter. Wenn es um unbegleitete Minderjährige geht, sieht es wohl besser aus, aber in den Bereich habe ich wenig Einblick.
Sei es psychologische Langzeitbetreuung, oder die Unterbringung, nach Klärung des Aufenthaltsstatus die entsprechende weitere Unterbringung (Wohnung), amtliche Leistungen / Verarbeitung, als auch damit einhergehende Integrationsmaßnahmen (Stichwort Sprachkurse und Informationskurse zu amtlichen und sozialen Angeboten, ect. pp).
Auch dazu kann ich natürlich Annekdoten aus der Praxis zum Besten geben:
Psychologische Langzeitbetreuung? Guter Witz, wir haben in unserer Zentralen Aufnahmestelle 2 Psychologen/Psychotherapeuten, die Ersteinschätzungen abgeben können, aber keine wirkliche Betreuung. Es gibt einen staatlich geförderten Verein, der ambulante Psychotherapie anbietet. Jedes Vierteljahr darf jede Einrichtung maximal 2 Personen dort anmelden, Extra-Kontingente gibt es für Menschen aus der Ukraine. Bei darüber hinausgehendem Bedarf, z.B. wenn es ins Psychiatrische geht (sprich es sind Medikamente erforderlich), bleiben für die Akutbehandlung nur die ambulanten Behandlungszentren und sonst die im Grunde nicht zu leistende Suche nach niedergelassenen Psychotherapeuten/Psychiatern. Davon gibt es in Bremen 142 (hatte letztens die Liste wieder vor mir), Neupatienten aufnehmen tut quasi keiner. Weder unsere Bewohner selbst noch die Kollegen aus unseren Beratungsbüros haben die Kapazitäten (ob sprachlich oder zeitlich), die ständig abzutelefonieren. Und die Terminvergabestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (Tel. 116117, gibt es glaube ich bundesweit) hilft auch nicht weiter - die geben Notfalltermine raus, zu deren Bereitungstellung niedergelassene Psychotherapeuten/Psychiater verpflichtet sind, auch wenn sie ebenfalls keine neuen Dauerpatienten mehr aufnehmen können.
Weitere Unterbringung: wir haben ja schon Probleme, die Leute mit Anerkennung aus den Erstaufnahmestellen/Notaufnahmen in die Übergangswohnheime umzuverteilen. Weil letztere halt voll sind mit Leuten, die z.T. ewig warten müssen, bis sie eine Wohnung finden. Dabei werden sie schon unterstützt, wir haben Wohnraumvermittler in den Übergangswohnheimen. Habe ich auch zwei Jahre lang gemacht und in der Zeit knapp 100 Umzüge in eigenen Wohnraum unterstützt oder von A bis Zink organisiert (angefangen mit tausenden Anfragen zu Annoncen auf den üblichen Immobilienportalen und lokalen Webseiten bis hin zu den kleinen Kontingenten von Wohnungen, die von den beiden städtischen Wohnungsbaugesellschaften zur Verfügung gestellt werden). Aber es reicht und reicht nicht.
Amtliche Leistungen: wir haben Bewohner, die warten seit geschlagenen 4 Monaten darauf, dass endlich Leistungen nach Asylbewerberleistungsgesetz gezahlt werden. Einziges Problem: die zuständigen Stellen sind vollkommen überlastet. Mittlerweile wird es sogar für medizinische Härtefälle schwierig, die wir bisher noch immer "nach vorne mogeln" konnten - damit sie für die diversen Arztbesuche endlich eine provisorische Krankenversicherung haben und wir nicht immer die von der Sozialbehörde bereitgestellten und für die Stadt superteuren Notfallkrankenscheine für jeden einzelnen Termin ausgeben müssen.
Es ist also keine Frage von zu wenig Personal und aufstocken, sondern der mittel- und langfristigen Kapazitäten, die eben nicht damit abgehakt sind, die entsprechenden Personen in irgend eine Massenunterkunft unterzubringen, sondern auf auf einen Zeitraum zwischen 2 und 5 Jahren Minimum ausgelegt sein muss und wenn du da im Schnitt pro Jahr zwischen 100.000 und 250.000 Asylanträge hast, ohne Spitzen aka 2015 /2016, mit 480.000 und 750.000 Anträgen, kannst du dir ausmalen das die Kapazität in Deutschland einfach ihre Grenzen erreicht, wenn man betroffene Personen nicht auf Jahre in Massenunterkünften zusammenpferchen will und auch nur einen Minimumwillen an integrativen Leistungen stellen können möchte.
Die Zahl der Asylanträge von Flüchtlingen in Deutschland ist in 2025 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken.
de.statista.com
Bei den Asylanträgen sind ja noch nicht mal die Geflüchteten aus der Ukraine eingerechnet, deren Schutzgewährung läuft ja über §24 AufenthG, die sog. "Massenzustromrichtlinie". Ebenfalls nicht eingerechnet sind die Leute, die kein Asyl beantragen, sondern per Visum für Familiennachzug bekommen. Und die Personen, die von Anfang an kein Asyl beantragen (weil chancenlos), sondern direkt eine Duldung aus humanitären Gründen (häufig Personen aus Osteuropa/Balkan, weil dort z.T. die Gesundheitsversorgung, aber auch der Zugang zu Bildung und Arbeit - besonders für Arme und ohnehin diskriminierte Gruppen wie Roma - absolut marginal ist).