Spannende Frage und klar, verstrickt sie sich sofort in das klassische Henne-oder-Ei-Paradox. Biologisch betrachtet gab es die Umwelt natürlich vorher.Aber was war zuerst da? Die Umwelt oder das Gehirn?
Gleichzeitig kann man nicht vom Gehirn abstrahieren, ohne evolutionäre Vorannahmen zu berücksichtigen: Jede Sinneszelle, jeder Rezeptor ist das Ergebnis zahlloser Generationen, in denen bestimmte Reizmuster als lebenswichtig markiert und verfeinert wurden. In dem Zusammenhang ist das, was wir heute als Gehirn bezeichnen, schon Produkt endloser Umwelt-Interaktionen. Es trägt kollektive, archaische Erinnerungen an vergangene Selektionsdrücke.'
Wenn man aber fragt, ob sich ohne persönliche Gedächtnisspuren überhaupt etwas Neues vorstellen lässt, kann man sagen: Selbst ein Neugeborenes bringt genetisch verankarte Vorannahmen mit. Die sind eine Art angeborenes Gedächtnis und absolut nicht persönlich erlebt. Das ist auch die Stelle, an der ich nicht mehr mit dir mitgehe. Denn je nach Definition ist dieses angeborene Gedächtnis nicht automatisch auf einen direkten Reiz zurückzuführen.
Aber die Frage nach dem "ersten" löst sich eh auf, wenn man versteht, dass Umwelt und Gehirn in jedem Moment wechselseitig konstituierend sind. Umweltreize prägen Organismen, Organismen verändern ihre Umwelt. Ein nicht endender Zyklus, in dem jede neue Generation zeitgleich Produkt und Produzent ihrer Umwelt ist. Statt zu fragen, was zuerst da war, könnte man besser darauf schauen, wie dieser andauernde Dialog von Interaktion und Anpassung unsere Fähigkeit zu Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination ermöglicht...


