Nun haben wir ja nicht zuletzt im Grundgesetz verbriefte Tierschutzgesetze. Warum konnten diese in der industriellen Landwirtschaft bisher nicht richtig greifen?
Weil alles auf den Rahmen ankommt, in den man diese an sich wohlklingende Bestimmung „Staatsziel Tierschutz“ einbettet. Derzeit sind viele Tiere nur dazu da, um als Ressourcen für unsere Zwecke zu dienen. Tierschutz wird daher in unserem System so verstanden, dass die Nutzung der Tiere nur reguliert werden müsse und es eines „vernünftigen Grundes“ bedürfe, sie in ihren Grundbedürfnissen einzuschränken. Wenn man hingegen den Schluss zöge, dass Tiere Wesen eigenen Rechts sind, die um ihrer selbst willen auf der Welt sind, hätte man einen ganz anderen Rahmen. Dann könnte man auch über Grundrechte für Tiere als empfindende Lebewesen nachdenken.
Bereits in vergangenen Jahrhunderten hatten sich viele Philosophen immer wieder die Frage gestellt, ob man das Tier in seiner Stellung nicht aufwerten müsste. Die meisten, darunter auch René Descartes, der animale Wesen mit Maschinen gleichsetzte, kamen jedoch zum Schluss, dass Tieren nicht dieselben Privilegien wie Vertretern der menschlichen Spezies zugestanden werden sollten. Warum sollten wir sie dann heute anders in den Blick nehmen?
Die Gründe, die etwa klassische Philosophen anführten, Tieren ein Bewusstsein abzusprechen, waren nie zutreffend. Einige Philosophen, unter anderem Michel de Montaigne, haben das im Gegensatz zu Descartes auch so gesehen. Und auch Kant wurde wegen seiner tier*ethischen Position zum Beispiel von Schopenhauer sehr kritisiert. Kant hat nicht bestritten, dass Tiere ein mentales Leben haben, aber er hat ihnen eine Würde abgesprochen, da ihnen die Einsicht in das moralische Gesetz fehlen würde. Das war für ihn das entscheidende Kriterium, sie nicht wie Menschen zu behandeln. Ich denke hingegen, dass das Kriterium der moralischen Einbeziehung von Tieren bereits im menschlichen Fall selbst angelegt ist. Wir alle leiden, wenn wir rücksichtslos behandelt werden. Darin sind uns viele Tiere sehr ähnlich. Da man, moralisch gesehen, gleiche Fälle gleich behandeln sollte, wäre es willkürlich, wenn wir Tiere weiterhin allein wegen ihrer Artangehörigkeit geringer beachten würden.
Können Sie das konkretisieren? Welche Eigenschaften verbinden uns denn mit Tieren?
Mit vielen Tieren eint uns, dass sie eine eigene Perspektive auf die Welt haben und dass sie subjektiv Schaden empfinden können. Dies muss nicht auf alle Tierarten gleichermaßen zutreffen. Sehr einfache Tiere mögen genauso wenig wie Pflanzen oder Pilze über eine spezifische Perspektive auf die Welt verfügen. Aber sobald ein Tier dieses Charakteristikum auszeichnet, müssen wir es moralisch berücksichtigen. ...