Land of Confusion | Telepolis
Das Auswärtige Amt beteiligt sich mit einem eigenen Papier am Informationskrieg um die Ukraine. Doch entscheidende Fragen bleiben weiter unberührt. Wer etwa schoss wirklich im Februar 2014 auf dem Maidan?
"Die entscheidende Frage"? Quelle!

Nach dem er erste Satz wenig mehr als eine Binsenweißheit war (das auswärtige Amt stellt tatsächlich Unterlagen zu auswärtigem zusammen? Danke für diese Nachricht!), ist der zweite Satz eine reine Meinungsäußerung des Autors. Objektive Berichterstattung Fehlanzeige. Und die anschließend vom Autor als ach-so-wichtig eingestufte Frage ist halt nur ein winziges Puzzlestück des Konfliktes und 17 von 18 Fragen, die das auswärtige Amt behandelt (und die, zumindest den Diskussionen in unserem Thread nach, durchaus nicht nebensächlich sind), beschäftigen sich überhaupt nicht mit dem Februar 2014 und erst recht -und imho zu recht- beschränken sie sich nicht auf den Maidan.
Ziemlich vermessen ist zu dem das Verlangen des Telepolis-Autors, das auswärtige Amt -Bürokraten in Deutschland- möge vom Schreibtisch auf einen Kriminalfall aufklären, den per se nur Forensiker in der Ukraine lösen könnten. Und auch das nur mit einer Zeitmaschiene. Genauso gut hätte man dem Bericht vorwerfen können, dass er nicht die Weltformel enthält.
Zweiter Absatz
Der vom Auswärtigen Amt in der vergangenen Woche erstellte "Realitätscheck: Russische Behauptungen - unsere Antworten" (PDF) sorgt weiter für Wirbel. Bezeichnet ein "Realitätscheck" in der Traumforschung die Vergewisserung, ob man noch träumt oder schon wach ist, so mag sich analog nach Bekanntwerden des Regierungspapiers auch mancher ungläubig die Augen gerieben haben. Das deutsche Außenministerium gibt eine Sprachregelung heraus, was im strittigen Ukrainekonflikt Wahrheit zu sein habe und was nicht?
Sorgt für Wirbel? Ist mir, bis zu dem Wirbel, den der Telepolis-Autor hier hochzieht, nicht aufgefallen. Im Gegenteil. Die meisten Medien haben den Bericht -zu Recht- als Zusammenfassung dessen abgetan, was ohnehin schon lange offizieller Standpunkt ist. Klare Falschbehauptung des Autors also. Er unterstellt dem auswärtigen Amt Dinge, die eigentlich auf ihn selbst zutreffen.
Toll auch ist der folgende Exkurs in die Pseudowissenschaft, der wohl nicht zufällig dem
ersten Google-Treffer zum Wort entlehnt ist, aber arg wenig mit der allgemeinen Verwendung des Begriffes etwas zu tun hat und, so weit ich das sehe, auch wenig mit wissenschaftlicher Traumforschung. Aber Hauptsache ein paar Zeilen mit diffamierendem Inhalt gefüllt.
Zum Abschluss wieder eine Falschaussage des Autors:
Das Außenministerium hat keine Sprachregelung herausgegeben und schreibt auch niemandem vor, was richtig und was falsch ist. Es hat eine interne Übersicht zur Information seiner Mitarbeiter erstellt (und !nicht! herausgegeben), damit die sich nicht wenigstens vollkommen blamieren und die offizielle Regierungslinie schnell nachlesen können.
Das steht praktischerweise auch im dritten Absatz (und sonst nichts), allerdings als in so viele Bruchstücke wie möglich zerteiltes Zitat, zwischen den jeweils die maximale Anzahl von Konjunktiven eingestreut wurde. Von einem Autor, der Eingangs noch das Absolute Wissen über die Wichtigkeit von Fragen proklamierte, kann diese Suggestion von Unsicherheiten wohl nur als "Lüge"-Vorwurf gewertet werden. Aber vermutlich weiß er schlichtweg besser über die Absichten und Vorgänge in einem Amt bescheid, als die Sprecherin des Amtes?
vierter Absatz:
Auffällig war in diesem Zusammenhang die nahezu gleichförmige Einordnung des Papiers durch führende deutsche Medien Ende letzter Woche. Diese machten sich die Zusammenstellung von Argumenten der Regierung zum Ukrainekonflikt nicht nur unisono zu eigen (erstaunlich genug für eine "freie Presse"), sondern verschärften auch noch deren Wortwahl. Während das Auswärtige Amt lediglich von russischen "Behauptungen" gesprochen hatte, wurden daraus in den medialen Schlagzeilen "Putins Mythen" (Spiegel Online), "Moskaus Propaganda" (Die Welt) oder eben "Moskauer Mythen" (Süddeutsche Zeitung). Es ging somit nicht um die Präsentation zweier gegensätzlicher Ansichten, aus denen sich der Leser ein eigenes Urteil bilden kann, sondern um die mittlerweile schon gewohnte Vorgabe einer klaren Marschrichtung mit dem Tenor "Der Feind lügt".
Echt, war das auffällig? Ist es nicht eigentlich vollkommen normal, dass objektiv berichtende Medien zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, wenn sie über so etwas banales wie eine (nicht autorisierte) Veröffentlichung berichten? (Wohlgemerkt: Über die Veröffentlichung, nicht über die Inhalte. Letztere waren ja nichts neues.)
Ach ne, die Medien haben sich ja "Argumente unisono zu eigen gemacht" (heißt: a) alle, wirklich alle Medien vertreten die gleiche Meinung. Einschließlich Telepolis? b) Der Telepolis-Autor kennt alle diese Medien und c) er weiß genau, dass bei keinem einzigen Autor dieser Medien so etwas wie ein Meinungsbildungsprozess stattgefunden hat. Ein wahrhaftiger Gott, wer soviel Überblick hat und in Redaktionsräume und sogar Redakteursköpfe gucken kann.). Und dann haben sie -"unisono"- auch noch deren Wortwahl verschärft. Behauptet jedenfalls der Autor. Ich persönlich kann das, ohne sein gottgleiches Wissen, nur eingeschränkt beurteilen, aber zumindest TAZ und tagesthemen haben die Argumente nicht einmal wiedergegeben (weil, wie mehrfach erwähnt, nichts neues drinne steht), geschweige denn "verschärft".
Es folgen ein paar Beispiele von nicht-Verschärfungen... ("Mythos": Erzählung, die Welt- und Selbstverständnis definiert. Nicht zwingend realitätsgemäß, aber auch nicht zwingend falsch. "Behauptung": Faktenaussage, die nicht belegt ist. Von vorbelasteten Autoren, um die es hier laut Telepolis geht, typischerweise nicht benutzt, wenn sie selbst der Meinung sind, die Aussage wäre belegt. Somit im hiesigen Kontext eine schärfere Aussage, als "Mythos". "Propganda": Sammlung Behauptungen, die mit einem bestimmten Zweck verbreitet werden. Zweckorientiert sind Statements von Regierungen immer, es gibt da also keine Verschärfung gegenüber "Behauptung".)
Abschluss des Absatzes: Die erste richtige Erkentniss dieses Artikels (nein, es ging nicht um die Präsentation gegensätzlicher Ansichten. Es ging um die Nachricht, dass das auswärtige Amt ein Papier zusammengestellt hat), dummerweise gefolgt von einer geballten Ladung Anmaßung:
"Vorgabe" "Marschrichtung" "Feind" "Lüge"?
Das alles steckt laut Telepolis-Autor in diesen SPON-Zeilen:
"Im Kampf um die Deutungshoheit im Ukraine-Konflikt hat das Auswärtige Amt einen Realitätscheck für Mitarbeiter gemacht. "Russische Behauptungen - unsere Antworten" steht über einem achtseitigen Dokument. Auf populäre Thesen Russlands gibt es differenzierte Antworten. Das Problem: Je steiler die russische These, desto komplizierter die deutsche Antwort."
Ukraine-Konflikt: Berlins Antwort auf Putins Mythen - SPIEGEL ONLINE
Yeah, right. Der einleitende Absatz des Spiegels (danach folgen nur Zitate) klingt fast schon wie Goebels "totaler Krieg"-Rede...
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Damit genug von meiner Meinung, warum man bei manchen Telepolis-Beiträgen tatsächlich "das Kotzen kriegen" könnte. Ich hoffe, es ist nachvollziehbar, warum Beiträge, die derart populistisch anfangen, nur von den wenigsten nach potentiell interessanten Fakten durchsucht werden. Dieser Telepolis-Autor ist keine Primärquelle, die überhaupt etwas neues bringen könnte und seine Zusammenfassung beginnt auf dem Niveau eines Forumposts. Das kann ich auch hier lesen.