Das Problem war, meiner Meinung nach, beim ersten mal nicht zwingend das Deutschland da bzgl. Gestaltung und Strukturierung seiner Demokratie alleine gelassen wurde, sondern die Bedinungen unter denen man dabei alleine gelassen wurde, als faktisch alleiniger Sündenbock für den vergangenen Krieg, mit nicht unerheblichen Gebietsverlusten, inkl. aller Kolonien, absurden Reperationen, völliger öffentlicher Demütigung der erst sehr jungen demokratischen Regierung während der Friedensverhandlungen und im Grunde nahezu in vollen Umfang kastrierten Militär (das in der Konzeption nicht mal mehr verteidigungsfähig gewesen ist).
Wären nach dem Ende des WW1 die Kriegsparteien gesichtswahrender auseinandergegangen ...
Das ist das Narrativ, dass den Nazis als Grundlage für ihre Argumentation diente. Aber abseits ein paar nationalistischer Eliten, die schon früh an der Umgehung der Rüstungsbeschränkungen gearbeitet haben, wünschten sich die Deutschen eher Aufschwung und Fortschritt (oder wenigstens genug zu essen), statt 24/7 über gekränkten Nationalstolz und fehlende Kriegsflotte zu jammern. Ist ja nicht so, als wäre das Leben unter dem Kaiser ein Schlaraffenland für nicht-adelige-nicht-industrielle gewesen, dem man hinterher trauern musste. Bekommen haben die Deutschen stattdessen eine Depression ungeahten Ausmaßes undzwar nicht wegen dem Versailler Vertrag. Die verlorenen Kolonien waren nie sonderlich profitabel gewesen. Die zwangsreduzierte Armee reduzierte eher die Last des Staates (oder hätte das, wenn man nicht in Umgehungsmaßnahmen investiert hätte). Und die absurden Reparationsforderungen führten zwar langfristig in eine katastrophale Richtung, aber in den 20ern wurden sie sowie nur zu Teilen bedient. Stattdessen kam die Hyperinflation ganz hausgemacht, weil man die nationalen Kriesschulden mit der Druckerpresse bezahlt hat.
Das war das genaue Gegenteil von Nationbuilding. Niemand hat der jungen Demokratie den Rücken freigehalten, damit sie Probleme Stück für Stück lösen konnte und ss gab nicht einmal den Hauch eines Versuches, die alten Eliten aus der Gleichung zu nehmen. Stattdessen legten Ex-Monarchisten und Nationalisten direkt wieder offen los (bekanntermaßen bis hin zu Morden am anderen Ende des politischen Spektrums) und tropedierten die ungefestigte Demokratie, wo sie nur konnten. Mit dem Ergebnis, dass die gemäßigten Kräfte rein gar nichts auf die Reihe bekommen konnten und die Leute irgendwann den Handlungsversprechen radikaler Populisten aufgesessen sind, in der Hoffnung, dass sich mit denen wenigstens mal was ändert. (Hat es dann zugegebenermaßen auch.)
Und, um mal den Bogen zurück zur ursprünglichen "was tun nach einem Sieg?" zu schlagen: Genau diese Kette in noch größeren Schlamassel konnte man in vielen anderen Staaten beobachten, deren inakzeptbale Regierungen im Zuge von Kampfhandlungen beseitigt wurden und die danach sich selbst überlassen wurden, mit dem Ergebnis, das noch schlimmere die Macht übernahmen. Dieser Fehler darf sich in Russland nicht wiederholen sollte es einen Umsturz geben und sich die nächste Regierung sich von Putins Schandtaten distanzieren. Diesmal ist es eine Atommacht und die beste Möglichkeit zu vermitteln, dass wir Freunde und nicht Feinde sind, ist bürgernahe Hilfe ASAP. (Gepaart mit etwas Druck im verborgenen, damit Putins Genossen aus allen wichtigen Positionen fliegen.)
Jetzt mal keine Panik.
Irgend ein General macht die russischen Soldaten nicht von Heute auf Morgen zu Supermännern.
Es gibt zwar noch keine Anzeichen für eine derartige Änderung, aber eins sollte man ständig im Hinterkopf behalten: Nur weil die Russen nicht erobern können, heißt das nicht, dass sie nicht zerstören können. Nach dem ursprünglichen Plan machte es für Russland keinen Sinn, Infrastruktur im Westen oder gar der Zentralukraine zu zerstören, weil das mittelfristig russische Infrastruktur werden sollte. Seitdem dieser Plan auch offiziell Geschichte ist, warte ich eigentlich jeden Tag auf Meldungen, dass die ukrainischen Autobahnen und vor allem die sowohl für Flucht als auch Frontversorgung extrem wichtigen Bahntrassen im Westen zerstört wurden. Als eine weitere Eskalationsrunde wären, in Anbetracht des mangels an ukrainischem Großgerät und damit u.a. auch Langstreckenluftabwehr, auch Flächenbombardements großer Städte möglich. Mit einer Stinger holt man keine Tu-160 vom Himmel und die russische Flotte könnte Lemberg binnen weniger Tage in ein zweites Grosny verwandeln (von den 95ern mal ganz zu schweigen, falls man die Luftabwehr komplett ausgeschaltet bekommt), wenn man alle Zügel fahren ließe.
Bislang steht nur fest, dass Russland nicht als Sieger aus diesem Krieg hervorgeht. Aber es gibt noch verdammt viel Spielraum, wie hoch die Ukraine ihn verlieren statt gewinnen könnte.
Edit:
Was mich allerdings sehr verblüfft, ist die Tatsache, dass sich ausgerechnet Vertreter der Grünen für die Weitergabe von schweren Waffen stark machen, neben Baerbock nun auch Nouripour.
Hätte in dem Fall eher den Lead bei den Liberalen oder gar au der schwarzen Opposition erwartet...
Nouripour überrascht mich überhaupt nicht. Der war schon immer Außenpolitiker mit Blick für die Realität und zu der gehört nun einmal, dass es Leute gibt, gegen die man Gewalt anwenden muss. Die resultierende Position ist nicht unbedingt grüner als Fischer seinerzeit, aber hey: Es ist schön, mal wieder saubere SPD-Politik zu sehen

.
Baerbock überrascht mich etwas mehr. Zwar hat sie schon im Wahlkampf zunehmend von Bullerbü auf Kompetenz umgeschaltet, war damit bis zur Wahl aber bestenfalls halb am Ziel. Anstatt danach wieder in alte Muster zurückzufallen, hat sie sich aber konsequent zu einer Realpolitikerin weiterentwickelt und bislang alle größeren Fettnäpchen umschifft - obwohl das nun wirklich nicht ihre erwiesene Stärke war und obwohl Außenminister im Moment echt ein fordernder Job ist.
Wer mich aber wirklich überrascht sind Hofreiter (im positiven) und Habeck (...). Letzterer war mal ein ziemlich konzentrieter Umweltpolitiker, jetzt macht er mit die beste Wirtschaftspolitik (sowohl innen wie außen), als sie die FDP unter Özdemir je hatte

. Und ersterer flechtet keine Gänseblümchenketten mehr, sondern schlägt ziemlich gut klingende Lösungen oder zumindest Kurse vor, bei denen andere nur Ausflüchte bringen.
Das Liberale und Union nichts auf die Reihe bringen, außer ein paar hundert Coronatoten extra jeden Tag, passt zur Situation: Die Ukraine hat kein Geld, mit dem sie teure Waffen KAUFEN könnte, also hat die FDP nichts zu melden. Und die Union hat seit bald 16 Jahren keine eigenen Akzente mehr ge-, sondern nur Lobbyvorschläge umgesetzt und vor jedem Wahlkampf Populismus betrieben. Jetzt gibt es bei ihr nichts mehr zu lobbyieren und somit bleibt nur noch der Lobbyismus. Hauptsache "dagegen", wenn die SPD etwas sagt - scheiß egal, was es ist. Der Tiefpunkt war die Impfpflichtabstimmung. Erst die Sache zur Gewissensfrage erklären und die Impfung ab 50 ins Gespräch bringen, dann eiserne Fraktionspflicht durchsetzen und einen Vorschlag ab 60 torpedieren - aber auch genauso alle Vorschläge gegen Pflichten ablehnen. Unabhängig davon, wie man zu den Sachfragen selbst steht muss man einfach sagen: Die Union macht derzeit überhaupt keien Politik, sondern ausschließlich Selbstdarstellung.
(Was kein großes Problem, sondern - leider, leider - typisch deutsche Opposition wäre. Aber leider mact die FDP das auch und Linke und AFD können sowieso nicht anders. Damit sind >>50% des Parlaments Politik-unfähig. Und was das bedeutet, hatten wir ja beim letzten Exkurs schon. Für die Ukraine jedenfalls wenig gutes.)
Nö, es wird wohl wie in Syrien ablaufen. Raketenartillerie und Rohrartillerie begleitet von Bodentruppen schalten die AA-Fähigkeiten aus, dann wird zerbombt, was das Zeug hält, erst dann rücken die Bodentruppen vor, rinse and repeat. Hit und run Taktik bringt dort genau genommen gar nichts. Was die Ukraine braucht, ist eigene schwere Rohrartillerie, um die Russische gar nicht in die Reichweite kommen zu lassen. Gegen die Luftangriffe auf die Stellungen benötigt dann die Ukraine so viel gutes AA-Zeug, was es so in Nato-Ländern gibt. Dann wird Russland gezwungen sein mit Bodentruppen voranzukommen. Das ist dann das Spiel der Ukrainer. Sie können sie zermürben. Natürlich kann Russland ab und zu mal Kindschal einsetzen, ich denke aber nicht, dass man so teure Raketen für jeden Stellungskampf zur Verfügung stehen würden.
Rohrartillerie mit größerer Reichweite als die russische ist gar nicht so einfach. Die sind da ziemlich gut ausgestattet und bei der enormen Zahl reicht es ja auch nicht, beim direkten Feueraustausch 10 m weiter zu schießen, sondern man braucht einen so großen Überschuss (oder soviel Beweglichkeit), dass einen die drei flankierenden Batterien, die man übersehen hat, auch nichts tun können.
Aber die verbrannte-Erde-Taktik der russischen Bodenstreitkräfte macht sie sehr langsam und anfällig für Kommandoaktionen, was die Ukrainer ja schon sehr erfolgreich ausgenutzt haben. Solange sie nicht eingekesselt werden, wie in Mariupol, können sie dieses Problem lösen, wenn auch nicht so schnell und sicher, wie man es sich wünscht. Viel wichtiger ist, dass die Russen endlich ihre Lufthoheit verlieren.
Aber da kann Deutschland wohl nur wenig Hilfe anbieten. (Vielleicht ein paar Berater zum Thema "so gewinnen sie einen Krieg, wenn sie ihren Flakpanzer
verloren verkauft haben"?)
Die Frage ist halt nur was wir ihnen an schweren Waffen liefern könnten, womit sie auch in absehbarer Zeit was anfangen können, weil so einem Leopard 2a4/5, Marder, Puma, oder einer Panzerhaubitze 2000 ist halt ohne entsprechendes Training ehr äußerst schwierig, da die Ukrainer halt fast nur russische Waffensysteme gewöhnt und trainiert sind.
Wie Wartungsanfällig ist der Marder? Ohne einschlägige Ausbildung dürften die Ukrainer zwar die Eigenbewaffnung nicht maximal ausreizen können, aber als gut geschützer BMP-Ersatz wäre auch schon etwas wert und so radikal unterschiedlich sind die Steuerungsmethoden von Panzern nun auch nicht, dass man drei Monate Leergang zum anlassen braucht. Aber wenn das Ding so oft gewartet werden muss, wie die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr nahelegt, dann sind drei Jahre Technikerschulung unabdingbar für mehr als eine Fahrt an die Front.
Quelle:
Steinmeiers Ukraine-Reise geplatzt: "In Kiew nicht gewünscht"
Ausser Floskeln wäre von dem sowieso nichts gekommen.
Schockierend für Steinmeier: Es gibt Politiker, die lassen Worten Taten folgen!
das ist schlimm, keine frage, aber einem deutschen bundespräsidenten, der seine eigenen fehler diesbezüglich öffentlich eingestanden hat nun so einen besuch zu verwehren - während man von deutschland fordert eine europäische führungsrolle auch im ukrainekrieg zu übernehmen - finde ich maßlos frech.
gerade damit würde er sehr deutlich zeigen, dass er auf ukrainischer seite steht und nicht auf der von putin.
Steinmeier hat zwar (ein paar) Fehler eingestanden, aber bislang nichts unternommen, um die auszubügeln. Ganz im Gegensatz zu den anderen drei Staatschefs, die sich aktiv um die Ukraine bemühen und die bei gemeinsamen Auftritten mit dem großen Deutschland oft in die zweite Reihe gestellt werden. Von daher kann ich das voll nachvollziehen, dass Selensky jemandem, der zwar immerhin nicht mehr Teil des Problems, aber noch lange nicht Teil der Lösung ist, anders behandelt als Staatschefs, die selbst und von sich aus genau diese Forderungen stellen.
Steinmeier ist als Gast unerwünscht, über Scholz würde sich Kiew freuen: Der ukrainische Botschafter in Berlin hat erklärt, dass man den Bundeskanzler eingeladen habe – um über die Lieferung schwerer Waffen zu sprechen.
www.spiegel.de
Steinmeier ausgeladen aber Scholz erwünscht.. Ich meine, kennen die sich mit Diplomatie aus?
Das in der Art etwas merkwürdig. Zwar hat Scholz zu den Zeiten Steinmeiers Fehler nur Hamburg verbrochen (und da unter anderem in Merkels Auftrag Putin den Hof bereitet, wenn ich mich richtig erinnere) und er ist im Moment Regierungschef, was Grundvoraussetzung für ein Treffen unter Regierungschefs wäre, während Staatsbesuche nur symbolischen Wert haben und mitten im Krieg eher produktiver Output zählt.
Aber die beiden höchsten Ämter Deutschlands derart gegeneinander auszuspielen ist schon merkwürdig, denn auch Scholz hat jetzt nicht gerade alles getan, um Putin noch zu stoppen. Eigentlich hat er eher gar nichts getan. Sondern bei einem Teil dessen, was andere tun wollten, aktiv gebremst.