Mangel an kommerziellen Anwendungen?
Sicher?
Also gerade im Profi-Bereich gibt es meiner Erfahrung nach viel mehr nativ für Linux, häufig, weil die Server-Software dahinter schon auf Linux läuft.
Ein paar Beispiele aus meiner Praxis.
Bereiche: Recording, Fotografie, Videobearbeitung (und vermutlich auch Spiele).
Im professionellen Recording-Umfeld gibt es ein paar de-facto-Standards für DAWs (Digital Audio Workstation):
Pro Tools, Cubase, Nuendo, Logic Pro.
Keins dieser Programme wird unter Linux unterstützt.
Recording Hardware. Firmen wie RME und andere unterstützten von der Software her nur Windows und macOS.
Ein Workaround ist der CC-mode (Class Compliant mode). Aber dann hast Du bei RME nicht mehr den DSP mixer TotalMix FX zur Verfügung. Auch andere Tools wie ADI-2 Remote, DIGICheck, RME Connector, TotalMix Remote stehen dann nicht zur Verfügung.
Neben DAWs gibt es noch eine Vielzahl an virtuellen Geräten und Instrumenten.
Aber auch hier werden professionelle Produkte / de-facto-Standards nicht unterstützt.
Fabfilter, Waves, iZotope, Native Instruments Kontakt und wie sie alle heißen.
Im Bereich Fotografie hast Du bei professionellen Vollformatkameras keinen Linux Support.
Beispiel: Canon R5 Mark II.
Bei der Fotobearbeitung gibt es keinen Linux Support für z. B. Capture One, LightRoom, DxO PhotoLab.
Im Bereich Videobearbeitung mache ich weniger, aber da werden weder Premiere noch Boris Vegas Pro unterstützt.
Einzige Ausnahme: DaVinci-Resolve (mit Einschränkungen)
Produktsupport gibt es nur für Rocky Linux und nVidia Grafik.
Für die Unterstützung zusätzlicher Hardware (Color Grading Panels, Editor Keyboards, Fairlight Audio Consoles) wird darüber hinaus die kostenpflichtige Pro-Version benötigt.
Bei Installation auf anderen Linux-Distributionen hat man keinen offiziellen Support und es kann zu Problemen kommen, zB manuelles Nachjustieren von Paketabhängigkeiten, glibc-Versionskonflikte, kein Support für AAC Audio. Ich sage ja immer wieder, die Distributionsvielfalt ist ein großes Manko bei Linux.
Und läuft eine Anwendung auf einer Disro, läuft sie eigentlich auch auf jeder anderen.
Das es verschiedene Distros gibt, hat nichts mit mangelnder Standardisierung zu tun.
Zum Betrieb eines Systems gehört nicht nur das Starten von Anwendungen. Du musst auch das Betriebssystem warten, gelegentlich upgraden oder auch ein Desaster-Recovery machen können.
Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb es nicht nur **ein** Linux-Betriebssystem geben sollte.
Ein solches Basissystem mit dem üblichen Toolumfang (siehe z. B. FreeBSD) hätte dann im Laufe der Jahre vernünftig zu einem Standardsystem wie Windows oder macOS reifen können.
Die ganzen verschiedenen Anpassungen, welche Programme man nachinstallieren möchte, ist die Aufgabe eines Paketmanagers. Auch verschiedene Anpassungen von Windows-Managern hätte man als eine Art „Skin“/Paket schnüren und über Paketmanagement installieren können.
Dass es wegen solcher Anpassungen verschiedenste bunt zusammengestoppelte Linux Distributionen gibt, ist einfach nur eins: dämlich.
Man sollte sich auch mal Windows und macOS als Beispiel nehmen, die "out of the box" Audiobearbeitung unterstützen und wo man nicht extra noch nachsuchen muss, welchen Linux Kernel und andere Anpassungen man noch machen muss, damit Audio mit geringer Latenz bearbeitet werden kann. Das ist bei Linux alles noch viel zu kompliziert. Da hat doch keiner wirklich mehr Bock drauf, da auch nur einen Gedanken dran verschwenden zu müssen.
Wir Anwender hätten viel mehr davon gehabt, wenn es nur ein Linux gegeben hätte.
Nur solch ein Standardsystem kann von Hard- und Softwareherstellern kosteneffizient unterstützt werden.
Wirkliche Applikationsvielfalt (vor allem inklusive kommerzieller Software) wäre viel wichtiger als diese wirklich unmögliche Distributionsvielfalt. Das ist doch nur Spielerei, kostet unnötig Zeit.
800+ Distributionen sind noch nicht mal im Sinne der Anwender, wer möchte aus dieser Vielzahl wirklich eine Wahl treffen, da blickt keiner mehr durch, selbst 10 wären noch zu viel.