Aktueller Trend ist ja - mehr Umweltbewusstsein, weg vom pendeln (also Job suchen wo man wohnt und nicht 50km weiter), weg vom Auto an sich, gesünder leben etc. All das ist nicht mit Mega-Metropolen zu realisieren einfach weil die nicht effizient genug sind - wir haben hier doch mehr als genug Fläche, alles ist supergeil angebunden und um die Ecke (das Land ist recht klein). Der Trend wird sich fortsetzen und die Stadtbewohner werden da auch Druck machen damit sie nicht komplett überrannt werden und damit zwischen den Metropolen kein Niemandsland entsteht.
Wie du schon sagst, der Trend geht zu mehr Umweltbewusstsein. Und was machen die Leute mit Jobs mit normalem Lohnniveau, die die aus deiner Sicht bezahlbaren, in der Realität aber zunehmend zu hohen Mieten nicht mehr zahlen können, die es in großen Städten aber genauso braucht und gibt? Verlangst du dann ernsthaft, anstatt ortsnah zu wohnen, dass jeder erstmal mindestens zwei Stunden am Tag pendelt, wenn nicht noch mehr? Während die HomeOffice-Hipster eh den ganzen Tag nur in ihrer Bude hocken und zeitlich flexibler sind? Und was ist mit den Leuten, die in irgendeiner Form auf Hartz IV angewiesen sind und durch deine Vorstellungen verdrängt werden?
Nur mal so als kleiner Tipp: Berlin ist so groß, dass selbst innerhalb des Stadtgebietes Arbeitswege von deutlich mehr wie 45 Minuten pro Richtung nichts Unnormales sind. Für alle die sehr früh oder sehr spät arbeiten müssen fällt Wohnen im Randgebiet oder außerhalb Berlins sowieso aus, da das Nachtangebot sowieso relativ stark ausgedünnt ist, in den Randgebieten noch stärker ausgedünnt ist und die Verbindung in die Gebiete innerhalb des Berliner Speckgürtels mit der Ausnahme nach Potsdam in den Nächten Sonntag/Montag zu Donnerstag/Freitag nachts völlig eingestellt ist. Genau wie viele Anbindungen innerhalb Berlins entfallen oder sich stark verlängern, da in den Nächten Sonntag/Montag bis Donnerstag/Freiheit die S-Bahn ersatzlos und die U-Bahn mit Ersatz durch Busse eingestellt ist.
Was denkst du, wie witzig das für wirklich früh Arbeitende ist, aufgrund langer Taktraten und eines stark ausgedünnten Liniennetzes, wodurch die Umsteigezeiten und Laufwege explodieren (außer im Ausnahmefall einer Direktverbindung oder Anschlusssicherung brauche ich, egal vom Einsatzort, immer ne Stunde oder deutlich mehr) und wo man im Zweifelsfall die Wahl zwischen 25 Minuten zu früh oder fünf Minuten zu spät hat, mehrere Stunden vor Arbeitsbeginn aufzustehen, ohne Freizeitanteil? Ohne Zeitreserve für eventuelle Ausfälle oder Störungen? Oder für Leute ist, die WIRKLICH spät Feierabend haben und dann ne Stunde nach Hause brauchen? Weil die Fahrtzeiten selbst innerhalb Berlins so lang sind?
Ein auch Nachts so dicht ausgebautes ÖPNV-Netz wie am Tag, und das bis in die Randbezirke, ist wirtschaftlich Schwachsinn, unbezahlbar und ändert an den ausufernden Fahrtzeiten nichts. Man zwingt solche Leute, die sich relativ zentral und gut angebundene Wohnungen nicht mehr leisten können, quasi zur motorisierten Individualmobilität - oder zum Aufgeben eines relaltiv großen Teils der Lebensqualität, weil man die halbe Freizeit mit dem Arbeitsweg verbringt. Die Problematiken zunehmende Arbeitsweglänge und schlechte ÖPNV-Anbindung zu Randzeiten ist zudem gewiss kein Berlin-spezifisches Problem - im Gegenteil...
Das passt nicht mit dem Gedanken des Umweltbewusstseins zusammen. Eine Lösung, um den individuellen Verkehr zu reduzieren, mehr Leute zum ÖPNV zu bewegen und bestenfalls fußläufige oder radläufige Entfernungen zu haben ist wohnortnahes Arbeiten (gut, wird bei Leuten wie mir schwierig, ich habe ständig wechselnde Orte für Arbeitsbeginn und Ende).
Und nicht, dass nur noch die reichen Leute in den Innenstädten wohnen, die sowieso genug Geld für (Elektro-)Autos und die entstehenden Nebenkosten (höhere Sprit- und Parkgebühren, über die man Autofahren finanziell unattraktiv zu machen versucht) haben und daher von keinerlei Einschränkungen betroffen sind. Während man das Fußvolk zu irre langen Arbeitswegen zwingt und obendrein die Flexibilität sowie Unabhängigkeit von Dritten wegen der zunehmenden Unbezahlbarkeit des Autos einschränkt, weil ÖPNV dort generell Einschnitte bedeutet? Gerade in Randgebieten?
Neue Verkehrsanalyse: Hohe Mieten treiben die Berliner in den Stau | Berliner Zeitung
Die im Bundesdurchschnitt höchsten Mieten in Relation zum Einkommen passt nicht zusammen. Das kapierst du in deiner Home Office-Suchmaschinenwelt scheinbar nicht. Es gibt hier keinen Bedarf an immer teureren Wohnungen, es gibt einen Bedarf an günstigerem Wohnraum, durch den Normalverdiener nicht drohen sich zu verschulden, in Altersarmut zu geraten oder keinen Spaß mehr am Leben haben können, weil man kein Geld mehr hat, um sich auch mal eine Annehmlichkeit leisten zu können. Nach einer Faustregel empfohlen sind ca. 1/3 Wohnkosten am Nettoeinkommen.
Nur mal so anhand des Beispiels Friedrichshain-Kreuzberg mit Daten aus 2017 - 16,38% aller Haushalte hatten 1501-2000€ zur Verfügung, 7,66% nur 1301-1500€, 17,32% 900-1300€ und 11,43% weniger wie 900€. Oder auf gut Deutsch: ca. 16,38% aller Haushalte dürften eigentlich bloß bei höchstens 666€ landen - und die Haushalte mit entsprechend weniger Einkommen auch entsprechend weniger Wohnkosten. Das ist schon mittlerweile sehr, sehr unrealistisch.
Die Betonung liegt auf Haushalte... Nicht pro-Kopf-Einkommen. Selbst in Steglitz-Zehlendorf liegt der Anteil an Haushalten mit 2000€ oder weniger mit etwa 41% (15,58% (1501-2000€), 6,26% (1301-1500€), 11,67% (900-1300€) und 7,24% (unter 900€)), erstaunlich hoch. Und das in dem Bezirk, dem die höchsten sozialen Standards zugesprochen werden. In Mitte siehts mit ca. 55% (16,17% (1501-2000€), 7,0% (1301-1500€), 16,4% (900-1300€) und 14,99% (unter 900€)) richtig übel aus. Oder Neukölln mit insgesamt 57% (16,55% (1501-2000€), 8,33% (1301-1500€), 19,25% (900-1300€) und 12,87% (unter 900€)).
Datenauswertung: Berliner verdienen mehr - Trotzdem steigt Armutsrisiko | Berliner Zeitung
Wohin die ausufernden Mietpreise mittlerweile führen...
Mietpreise in Berlin: So viel Gehalt geben Berliner fuer ihre Mieten aus | Berliner Zeitung
Experten: Groessere UEberschuldungs-Gefahr durch hoehere Mieten - Berlin - Aktuelle Nachrichten - Berliner Morgenpost
Große Wohnungsvermieter stopfen sich hingegen auf Kosten der Allgemeinheit die Taschen voll. Über Selbstverständlichkeiten, wie Instandhaltungs- und einfachsten Modernisierungsarbeiten (Wärmedämmung, moderne Stromanlage, zeitgemäßer Internetanschluss), bei denen ein Preisaufschlag in aktuellen Höhen und auf solch eine (quasi unbegrenzte) Dauer sowieso eine Frechheit ist. Und Überflüssigkeiten, die einzig dem Zweck dienen die Kosten und damit die Umlagen noch weiter in die Höhe zu treiben.
Deine Ansicht wurde für deutlich mehr wie die Hälfte der Berliner Haushalte den finanziellen Ruin, drohende Altersarmut, ein Leben rein für die Arbeit (neben der Wohnung, Hygieneartikeln, Lebensmitteln, Fahrkarte, Internet, Strom, Wasser, ggfs. Gas, usw. kann man sich nix mehr leisten) oder eine Verdrängung (mit entsprechend explodierendem Pendelaufwand - von den sozialen Einschnitten und dem gezwungenen Verlassen der Heimat mal abgesehen) bedeuten. Rein aus Gier, damit das Bankkonto einiger weniger Leute, die sich über sowas wohl nie Gedanken machen mussten, noch fetter ausfällt. Eigentlich ist es schon fast kriminell, bei solch einem essenziellen Grundbedürfnis solch eine Profitmaximierung zu betreiben - in solch einem Maße, dass der soziale Frieden schon bedroht ist.
Ich bin gewiss keiner der nach Enteignung, Sozialismus oder gar Kommunismus schreit, aber hier läuft gewaltig was schief.