Du hast erneut die Wähler völlig außer Acht gelassen.
Es stimmt zwar, dass je mehr Lobby = weniger Demokratie, aber das Gegenteil löst immernoch das Grundproblem des Interessen-Paradoxons nicht.
Du müsstes davon ausgehen, dass jeder Wähler immer vollends über alle Faktoren im Bilde ist, bevor er wählen geht. Und das ist praktisch nirgendwo der Fall.
Wenn man das demokratisch lösen möchte, sollte man den Wähler über die wichtigen Faktoren informieren. Öffentlichkeitsarbeit ist demokratisch - Lobbyismus ist Nichtöffentlichkeitsarbeit.
Ich geb dir zwar Recht, dass dieses Prinzip beim heutigen Wähler und der Komplexität der heutigen Welt an seine Grenzen gerät. Das ist aber ein Grundproblem der Demokratie: Eigentlich ist der durchschnittliche Bürger gar nicht qualifiziert, um Macht auszuüben. Und 50% der Bürger sind noch blöder als der Durchschnitt! Es hat aber bislang niemand ein besseres System gefunden. Und Lobbykratie ist garantiert keins, denn während dumme Wähler wenigstens durch Zufall die allgemein richtige Entscheidung treffen könnten, setzen Lobbyies Geld in nicht-allgemein, sondern nur für einige kleine Gruppen/Einzelpersonen "richtige" Entscheidungen um.
Die Berater die du meintest, sind doch praktisch das gleiche wie Lobbyisten: Experten, die sich in einem gewissen Fachbereich besonders gut auskennen und dementsprechend die Politik darin beraten oder - im boshaften Fall - lenken können.
Bei der korrekten Auswahl von Beratern haben wir ein Problem. Da ist oftmals nur Mittelmaß am Werke, manchmal schlimmer. Aber ein von Interessengruppen angeleiteter Lobbyist ist immer die schlechteste Wahl überhaupt.
Die Behauptung, Lobbyismus sei ausschließlich eine privat finanzierte Angelegenheit von Industrie, Gewerkschaften oder Verbände in Form eines bezahlten Interessenvertreters, ist übrigens falsch; Jeder, absolut jeder, kann Kontakt mit einem Abgeordneten aufnehmen und ihm seine "Interessen" mitteilen <- das ist auf dem Papier dieselbe Form der Meinungsbeeinflussung.
Nein, ist es nicht. Denn es erfordert eben nur die Möglichkeiten eines einfachen Bürgers. Es kann auf diese Art also niemand gegenüber seinem Stimmgewicht überrepräsentiert werden. Lobbyisten dagegen richten sich an zahlreiche Abgeordnete, kontaktieren direkt Minister und vor allem machen sie das hauptberuflich, nicht im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten eines Bürgers.
Genau das sind aber die Leute, von denen jeder funktionierende Staat abhängig ist. Ohne Ehrenamt brennen dir auf dem Land die Häuser ab, in Katastrophenfällen sterben erheblich mehr Menschen und Alte, Kranke wie Schwerstbehinderte ohne Fahrdienste hätten den ganzen Tag zu hungern. Das interessiert aber eben kaum keinen. Deshalb: Interessenvertretung. Deshalb Lobbyismus, auch von gemeinnützigen Organisationen.
Zu "auf dem Land" kann ich in diesem Detailgrad nicht mitreden, da ich nicht dort wohne. Ich weiß nur Annekdotenhaft, dass Feste der FF sehr beliebt sind

. Wenn es Landbewohner aber nicht interessiert, dass ihre Häuser abbrennen, dann sind "die Bauern" aber noch dümmer, als das Klischee behauptet. In der Stadt, wo sich das Ehrenamt größtenteils auf Sportvereine beschränkt, sind letztere jedenfalls durchaus angemessen berücksichtig (in Anbetracht der geringeren Bedeutung natürlich auch einfacher) und bei sozialen und kulturellen Organisationen scheitert es weniger an Aufmerksamkeit und mehr an Einstellungen - wenn viele Bürger der Meinung sind, dass Obdachlosen und Suchtkranken nicht geholfen werden muss, dann stehen die entsprechenden Ehrenämtler natürlich ohne Geld in der Ecke. Aber auch das ist eben Demokratie.
Hier hast du wieder so ein Problem, die Medien. Die womöglich mächtigste "Lobby" überhaupt: Die Politiker müssen sich gut mit denen stellen, wenn sie in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen werden möchten. Und die Wähler kriegen die Meinung der Interessengruppen hinter den Medien präsentiert, ohne das sie es wirklich merken.
Du siehst: Wenn du keinen Lobbyismus willst, musst du das System ändern.
Öffentliche Desinformation ist definitiv ein Problem. Aber auch das lösen Lobbyis nicht, sondern sie verschärfen es. Ich könnte jedesmal das Kotzen kriegen, wenn wieder irgendwo Breko-O-Töne verbreitet werden...
Das liegt halt an dem Wahlverhalten der Leute.
Es wird gewählt:
- nach Gewohnheit
- nach Sympathie
- aus Protest
- aus genau einem(!) inhaltlichem Grund (z.B. Umwelt), was die Partei sonst so als Ziele hat, wayne...
All das lähmt seit Jahren/Jahrzehnten die politische Entwicklung in diesem Land und verhindert bitter notwendige Reformen.
Ich seh für Europa da leider langfristig (>100 Jahre) kein Happy End.
Das beste Argument ist immer noch "ich brauch doch Kleinpartei XY nicht wählen, obwohl die genau meine Meinung vertreten, weil die haben doch eh keine Chance"
