Ich wäre mit 12 nie im Leben auf die Idee gekommen, mit einem Messer herumzulaufen.
Da war ich noch Kind.
War aber ein anderer Planet vor 46 Jahren...
Ich hatte ab meinem 7 Lebensjahr ein Kindertaschenmesser. Ihr wisst schon, die Dinger mit abgerundeter "Spitze" und einer Klinge, auf der man unbeschadet bis nach Jerusalem reiten könnte. Mit viel Motivation und Mühe konnte man damit etwas abschneiden und schnitzen, aber nur, wenn das betreffende Objekt stillgehalten hat.
Mit 12 Jahren hatte ich ein richtiges Taschenmesser, wie so ziemlich alle Jungs in meinem Alter.
Wir wären allerdings nicht einmal im Entferntesten auf den Gedanken gekommen, diese gegeneinander zu richten. Wenn es mal Zoff gab, dann nur mit den Händen in Form von Gerangel; selbst Fäuste waren selten.
Mit den Messern hingegen wurde Holz geschnitzt, Obst zugeschnitten und irgendwann die ersten Herzchen und Namen in Baumrinde verewigt.
Ein paar Jahre später als Jugendlicher war ich nun wirklich kein pazifistisches Vorbild und dann doch schnell einmal mit den Fäusten dabei, wie nahezu alle in meinem Umfeld - die klassische Dorfjugend eben.
Aber selbst zu dem Zeitpunkt ist mir nicht erinnerlich, das irgend jemand zu irgend einem Anlass das Messer gezogen hätte. Nicht im Streit und auch nicht im Suff. Dass Messer immer mindestens eine Eskalationsstufe zu weit oben sind, war uns auch ohne explizite Belehrung geradezu instinktiv bewusst.
Die Dorfsheriffs haben zwar nach handgreiflichen Auseinandersetzungen zuweilen pro forma jede Menge Messer eingezogen, aber die gab es immer zurück, da nicht für Straftaten benutzt und auch nicht unter das Waffenrecht fallend.
Ich kann nicht sagen, warum die Hemmschwelle heute niedriger liegt, würde aber vermuten, dass der soziale Stress deutlich stärker geworden ist und sich die Möglichkeiten zum (vergleichsweise) schadlosen Dampfablassen verringert haben.