AW: Elektrolyt-Kondensatoren - Lebensdauer und Qualitätsbewertung
Kondensatoren aus Sicht der Entwickler:
Jede Plattform der großen OEM wird als optimale Referenz für die angepeilte Leistungs- und Preisklasse entwickelt. Dabei werden exakt die Güteklassen und speziellen Varianten der Kondensatoren verbaut (HighRipple, Low Impedance, UltrLow ESR usw.), die am zweckmäßiigsten sind und in der Gesamtheit der Komponenten auch die angestrebte MTBF locker erreichen. Das Fabrikat selbst spielt eine eher untergeordnete Rolle. Je nach Preisklasse wird erst einmal verbaut, was zweckmäßig und haltbar genug ist.
Kondensatoren aus Sicht des Marketings:
Wenn viele Anbieter eine gemeinsame Basis eines großen OEM nutzen, will man sich doch gern vom Rest abheben. Da die Reviewer / Kunden sich gern von Nippons und Firmennamen beindrucken lassen, schafft man sich damit einen vermeintlichen "Vorteil". Die Zweckmäßigkeit und der Nutzen stehen erst einmal hinten an. Immer schön oberflächlich bleiben, Haupsache Image schinden und Honigtöpfe für die einfacheren Reviewer aufstellen
Kondensatoren aus Sicht der BWLer:
Der BWLer bekommt jetzt ob der Idee des Marketings feuchte Augen und spitzt den Stift. Rücksprache mit Hersteller und den eigenen Leuten:
Cost-Down, Cost-Down, Cost-Down...
Variante 1: Nippons, aber geringere Güteklassen und sch..ß auf deren Werte und die Zweckmäßigkeit
Variante 2: Nippons, aber man spart an einer anderen Ecke um das Geld wieder reinzuholen
Kondensatoren aus Sicht der (meisten) Reviewer:
Fällt entweder darauf rein, was das Marketing so rumplärrt und lobt die Mischung des Grauens in den Himmel, oder ganz selten, er durchschaut die Rosstäuscher-Tricks, dann versteht es der Durchschnittsleser aber nicht mehr. Denn der Leser will mundfertig nur ein Urteil:
Geil, so lala oder nö besser nicht.
Was ich damit sagen will:
WENN man weiß, in welcher Baugruppe es WORAUF ankommt, dann ist die Wahl nach Spezifikation und Güteklasse schon wichtig - aber eben auch nicht alles. Es ist ein Teil eines Reviews, nicht mehr - aber eben auch nicht weniger. Die Marke ist dann fast schon überflüssig, denn WENN der Hersteller zweckmäige Teile verbaut hat, dann schließt sich Crap automatisch aus. Nur erkennen muss man es.
Aber - und jetzt wird es doch lustig - man muss auch die Zweckmäßigkeit schon hinterfragen. Wenn man z.B. in eines der langsameren Schaltnetzteile für eine 12V-Schiene mit 25A nur einen 4700er einbaut, dann mag die Restwelligkeit geradeso hinkommen. Allerdings ist dieser Elko auch recht langsam. Es geht, aber es ist nicht zweckmäßig. Besser wäre, bis 40A zwei 3300er parallel zu verbauen. Niedrigere Impedanz, schnellere Aufladung und besseres Rippelverhalten / Haltbarkeit. Zwei parallelgeschaltete Teapo versägen jeden einzelnen 4700er Rubicon mit Vergnügen, wenn der Typ stimmt. Und nun kommen wir zu den Lasten. Aktuelle Grafikkarten erzeugen Lastwechsel jenseits der 100 KHz. Wenn 2 oder 3 Spitzen zu häufig aufeinander folgen, sind die langsameren Elkos in so manchem der langsameren Schaltnetzteile noch nicht mal aufgeladen.
Und (selbst getestet): man nehme ein Netzteil mit und ohne Kabelmanagement (KM) des gleichen Herstellers und einer identischen Basis. Dazu eine fiese R9 290X mit einem möglichst preiswerten Boardpartner-Design. In den Fällen, wo das NT ohne KM schon wegen der Spitzen sporadisch abschaltet, läuft das Dingens mit KM lustig weiter. Auch wenn die Solids auf der KM-Platine ja eigentlich da sind, um Wechselwirkungen zwischen Output-Platine und Haupttrafo zu eleminieren - sie erledigen auch noch, wenn auch unbeabsichtigt, eine Glättung der Lastwechselspitzen (Spikes).
@Gobbel:
Dumm nur, dass man so etwas zwar bei einigen wenigen Anbietern begriffen hat, der übliche Reviewer aber nichts davon ahnt. Und selbst wenn: erkläre es mal dem unbedarften Leser eines Reviews. Da hast Du völlig Recht, denn die meisten wollen es gar nicht wissen, weil ihnen schon die Elektrotechnik Klasse 8 nicht ins Hirn wollte. Hier wären wir wieder beim Otto-Normalkonsumenten angelagt. Der will lediglich wissen: ja oder nein.
Man braucht auch keine Chroma, um die gröbsten konstruktiven Fehler eines Netzteils zu erkennen. Nur muss man Platinen lesen und verstehen können. Womit man bei der Qualifikation angelangt wäre. Ich teste aus vielerlei Gründen keine Netzteile mehr. Die Aufenthalte bei mehreren großen OEM und Besuche von Safety-Labs, sowie der Entwicklungsabteilungen zeigen es immer wieder: es ist ein dreckiges Business, bei dem der Umlabeler/Anbieter fast immer genau das bekommt, was er dem OEM bereit ist zu zahlen. Und ich habe gemerkt, dass selbst mein fachliches Wissen für ein wirklich objektives Review doch recht schmalbandig ist und dass diese vielen Details am Ende eh keinen interessieren. CPUs, Grafikkarten und Gedöns machen einfach mehr Spaß, so ehrlich muss ich dann doch mal sein
