Ich verstehe, was du sagen willst, aber das basiert auf einer falschen Vorstellung des Prozesses in Rechtsstaaten.
Das Militär wird nicht nach Prognosen gefragt, denn solche zu erstellen ist nicht dessen Aufgabe. Was die Politik vom Militär verlangt, sind Szenarien. Das Minimum sind logischerweise ein Best-Case und ein Worst-Case-Szenario, jeweils für verschiedene Vorgehensweisen.
Diese landen dann bei spezialisierten Ausschüssen, deren Aufgabe es ist, den Wust an Militärsprech und strategisch-taktischen Details in Begriffe zu übertragen, mit denen Zivilisten etwas anfangen können. Hier sind noch Vertreter des Militärs zugegen, mindestens Leute aus dem ursprünglichen Planungsstab, oftmals auch Spezialisten für bestimmte Bereiche, die im fraglichen Einsatz von Bedeutung sind. In dieser Eigenschaft hatte auch ich bereits das *hüstel* exquisite Vergnügen, den Erklärbär zu spielen.
Was genau ist bis hierhin nicht "Vorhersagen [zum Ausgang militärischer Optionen] erstellen"
Die "übersetzten" Szenarien landen dann bei der Regierung, dem Parlament, vor Räten - kurz, vor allen, die laut Verfassung des jeweiligen Landes darüber befinden, ob ein Militäreinsatz stattfindet. In dieser Entscheidungsphase ist vom Militär niemand mehr zugegen (und kann im Zweifelsfall auch nicht "Ähem, Moment mal bitte ..." dazwischen rufen).
Hier muss ich darum bitten, mir zu vertrauen: Die Leute im Planungsstab neigen zum Pessimismus. Und zwar gerade weil man ihnen gerne die Schuld für misslungene Einsätze in die Schuhe schieben würde und sie daher gerne darauf verweisen möchten, dass sie klar und deutlich aufgezeigt hätten, wo die Risiken liegen. Deshalb hört man auch selten bis nie, dass die Politik das Militär beschuldigt, es verkackt zu haben - das überlässt man komplett dem Kopfkino der Bevölkerung.
Du willst also sagen, dass Bush von den US-Militärs eine Stapel Prognosen erhalten hat, die vom Best Case "wir werden viele 100 bis ein paar 1000 Soldaten verlieren, 100te Milliarden von Dollar verbrauchen, 1000de Unschuldigen stärken, dem internationalen Islamismus den größten Aufschwung seit zwei Jahrzehnten bescheren und uns vor alle Welt mit einem weiteren praktisch verlorenen Militäreinsatz blammieren, aber mit viel Glück 1-2 hohe Köpfe von Al Kaida töten" bis zum Worst Case "wir werden 10000de Soldaten verlieren, Milliarden an Militärhardware verschleißen, 100000de Unschuldiger ermorden, den gesamten Nahen Osten in Chaos, Bürger- und Stellvertreterkriege stürzen, darüber unseren Zugang zu den Ölvorkommen der Region und unsere angemieteten Militärstützpunkte dort verlieren, sowie jegliche Zusammenarbeit/diplomatischen Einfluss, während islamistische Kräfte zur überregionalen Macht aufsteigen und im Gegenzug ein paar leere Al-Kaida-Tunnel finden" reichten. Und Bush hat gesagt: "Ey geil, machen wir!"
Sorry, nimm das bitte nicht persönlich: Aber da vertraue ich dir nicht. Nicht im geringsten. So blöd und so dreist war nicht einmal die Bush-Regierung und auch deren Militärspitze, die von damals bis heute reichlich gelegenheit hatte, an die Öffentlichkeit zu gehen, war auch nicht derart verlogen bei jeder Gelegenheit das Gegenteil in den höchsten Tönen zu verbreiten. Und erst recht nicht hätten die Demokraten, die bei den späteren Planungen über den Kongress in vielen dieser Ausschüsse präsent waren und später unter Obama volle Akteneinsicht hatten, so einen Eklat totgeschwiegen. Ungeachtet aller Afghanen: Die eigenen Leute in den sicheren Tod zu schicken kommt bei US-Wählern GANZ schlecht an und es grundlos zu machen erst recht.
Ich bleibe daher bei meiner Annahme, dass vor dem US-Einmarsch in Afghanistan (und dem in den Irak übrigens auch) deutlich optimistischere Prognosen auf den Tisch lagen, als für die zu erwarteten und bereits zuvor beobachteten Kampfbedingungen gerechtfertig waren. Spätestens seit Vietnam ist allgemein bekannt, dass ein lokal verankerter, in Teilen der Bevölkerung unterstützter, auf im ganzen Land verteilte verstecke Basen zurückgreifender und vor allem: sich nicht an internationale Konventionen zur Kennzeichnung von Soldaten haltender Feind nur mit hohen personellem Einsatz und entsprechenden Verlusten in Schach gehalten, aber selbst dann nicht in nenneswerten Zeiträumen besiegt werden kann. Und Afghanistan hatte bereits ausführlich bewiesen, dass genau diese Zustände dort herrsch(t)en.
Andernfalls kommt es zur Ausführung, das Szenario wird im Groben öffentlich bekannt und alle Welt kennt nur die optimistischen Szenarien - insbesondere dann, wenn sie nicht wie gewünscht eintreten und man sich herrlich aufregen kann.
Ja, ich kenne ein paar positive Szenarien zum Afghanistankrieg. Und zwar nicht, weil man sich im Nachhinein herrlich darüber aufregen kann, sondern weil sie schon im voraus als komplett unbrauchbar und idiotisch in der Luft zerrissen wurden. Und genau solche "Planungen" meine ich, wenn ich sage, dass eine ganze Reihe von Verwantwortlichen im US-Militär einfach nur ihre Blödheit bewiesen hat. Politiker können, wie du schon selbst sagst, einseitig was pushen, aber dazu muss es jemand wenigstens näherungsweise auf den Tisch gelegt haben. Und der US-Einsatz in Afghanistan wurde nicht mal über Jahre vorbereitet, verworfen, umdesignt, ausgegraben, etc. wie das mit einigen von Politikern verpfuschten Rüstungsprojekten gemacht wurde, sondern in sehr kurzer Zeit auf den Weg gebracht. So schnell arbeiten Politiker nicht, in so kurzen Zeitfenstern können die nur abnicken oder ablehnen, was ihnen ihre Berater, und das ist in dem Fall der Stab, vorlegen. Und der Stab hat ******* vorgelegt. Vielleicht nicht nur, vielleicht gab es auch realistische Einschätzungen. Aber kompetente Militärs hätten NUR realistische Einschätzungen abgeliefert.
(Was nicht heißt, dass sie nur naheliegendes Besprochen haben. Klar kann man auch Meteoriteneinschläge einplanen, aber dann muss halt "Wahrscheinlichkeit: 0,0000000.." dahinterstehen. Im Falle von Afghanistan stand aber hinter "geht nicht komplett in die Hose" eine Zahl, die offensichtlich viel zu nahe an 1 war.)
Wenn "nicht an den Bürger denken" eine Straftat wäre, hätten wir allein im öffentlichen Dienst ein paar Jahrtausende Zuchthaus versammelt.
"Zivilisten töten" wäre eine Straftat. Soldaten sinnlos zu verschleißen möglicherweise auch - weiß ich nicht. Auf alle Fälle schweigen Militärs definitiv nicht nach außen hin, wenn sie ein Risiko für die Truppe sehen, wie man unschwer an der öffentlichen Diskussion über zuwenig iPads für die Bundeswehr und andere Ausrüstungsmängel sehen kann. Wenn ein Befehlshabe also den Auftrag erhält, mit einer geringen Anzahl Soldaten einen nicht als solchen zu erkennenden, unter Zivilisten versteckten Feind in kurzer Zeit vollständig auszuschalten und alle Gegner zu töten, dann ist es also seine Pflicht darauf hinzuweisen, dass dieses Szenario nur zwei Ausgänge haben kann
a) Die Soldaten werden ohne jegliche militärische Wirkung zu erzielen abgschlachtet
b) Die Soldaten ballern alles nieder was sich bewegt, darunter mehrheitlich Zivilisten
Und wenn der Oberbefehlshaber dann sagt: "Jo, mach ma b", dann hat der Soldat das Recht und die Pflicht, diesen Befehl zu verweigern und kann damit durchaus auch an die Öffentlichkeit gehen.