Yeah, der Klassiker: "Klar bin ich dafür, ALLE dazu zu zwingen, nur so schnell zu fahren, wie ich das maximal will."
Wer ein "R"-Wort sucht, dass die Situation auf deutschen Straßen erklärt, ist bei solchen Umfragen schon ganz nah dran. Aber es lautet nicht "Raser" (auch wenn die, im Gegensatz zu Schnellfahrern, eine Teilmenge sind), sondern "Rücksicht, verweigert".
Wo ich aber sofort dabei wäre wäre eine generelle Obergrenze, die zwar für >99,9% aller Verkehrsteilnehmer völlig irrelevant ist, aber die handvoll Irren davon abhalten würde, Autobahntourismus in Deutschland zu betreiben nur dass sie hier ohneirgendeine Erfahrung in dem Bereich mit 300 Klamoptten alles um sie rum in Lebensgefahr bringen.
Mir wäre bislang keine Statistik bekannt, der zu Folge Autobahntouristen überdurchschnittlich häufig an Raserunfällen beteiligt wären. Verglichen mit den Kosten für eine Reise nach Deutschland und denen für den Besuch auf einer heimischen Rennstrecke würde ich auch ehrlich gesagt nicht erwarten, dass irgendjemand NUR dafür hierher kommt UND keinerlei Erfahrung im Bereich >150 hat. Ganz abgesehen davon, dass mich auch in z.B. Italien schon mehrfach Leute mit mindestens 40, eher 50 km/h über dem Limit überholt haben und im weiteren Verlauf noch zu beschleunigen schienen. Wer rasen will, der rast. Auch außerhalb Deutschlands. Umgekehrt gibt es weiterhin das marktbedingte Limit bei 250 km/h, jenseits derer es kaum Serienwagen zu kaufen und noch weniger zu mieten gibt. Mit Ausnahme der wenigen Porsche- und der verschwindend geringen Anzahl Ferrari-/Lamborghini-/...Fahrern auf deutschen Straßen stehen die von dir beschriebenen 300+ km/h nur Leuten offen, die ganz bewusst in Tuning und Freischaltung investiert haben. Das macht aber niemand, der diese Geschwindigkeit nur einmal 20 Jahre später im Urlaub in Deutschland nutzen könnte. Das machen Leute, die dauerhaft oder zumindest regelmäßig hier unterwegs sind, Leute die gezielt auf Rundkurse gehen oder Leute, denen die Regeln sowieso egal sind. Erstere beiden haben dann die von dir vermisste Erfahrung. Letztere ggf. weniger, aber die kümmern sich dann auch nicht um hiesige Limits, sondern wollen den vergleichsweise guten Zustand mancher Straßen austesten.
Da sind die ADAC usw. Umfragen noch halbwegs brauchbar. Am "geilsten" sind ja die Meinungsmache-"Umfragen" wie vor ein paar Tagen beim linksgrünen Spiegel der selbstverständlich das tempolimit als unausweichlich einzig richtige Entscheidung darstellen will: Da gibts dann ne Umfrage, bei der bei "wollen sie ein Tempolimit" bis letzte Woche erst mal JA vorausgewählt war und wenn man nein ankreuzte noch gesagt bekommt "ja dann kannste die zweite Frage [nach der Höhe] aber nicht beantworten".
Auf die Art kriege ich dann auch die 80+% bei "Ja".
Die beschriebene Umfrage finde ich jetzt ehrlich gesagt weniger verwerflich, als den Ausdruck "linksgrüner Spiegel". (Nicht, dass ich den Spiegel toll fände. Im Gegensatz zu vielen, was "links" oder "grün" einsortiert wird. Aber das inhaltlich sinnvolle Positionen sind eben was anderes als eine manipulative Publikation)
Aber ja, Manipulationen sind in dem Bereich ein Klassiker. Ganz besonders beliebt: "Finden sie ein Tempolimit von 130 km/h für Klimaschutz/Sicherheit/Sahnetorten/etc. sinnvoll?"
Dass es ein "Tempolimit 130 km/h für Klimaschutz" überhaupt nicht gibt, sondern man dafür eins von 100 km/h oder weniger machen müsste, um etwas zu bewirken? Scheiß drauf. Das es ein Tempolimit für Sicherheit auf Autobahen gar nicht gibt, sondern man dafür vor allem Tempo 70 außerorts allgemein, Tempo 50 außerorts in Alleen sowie Tempo 20 innerorts einführen müsste: Den Umfragenden doch egal. Am Ende ihres Framings gehen die trotzdem mit "Deutsche fordern Tempo 130" hausieren.
Wer für weniger unnötige Todesopfer und Verletzte ist, aber auch flüssigeren Verkehr möchte, ist für ein Tempolimit.
Solange DE hier limitlos ist, ist es heuchlerisch über die viel selteneren Todesfälle in anderen Bereichen der Gesellschaft in aller Lautstärke und in Dauerschleife zu schimpfen, besonders wenn etwas nicht deutsch genug klingt.
Frankreich, ebenfalls als traditionelle Auto-Nation, fährt ja auch schon seit Ewigkeiten gut mit Tempo 130.
Weit über die Hälfte der deutschen Verkehrsopfer kommen auf Straßen mit Tempo 100, Tempo 80 und weniger zustande und in Frankreich stockt es auf freien Straßen genauso wie bei uns, in der Regel dann bei Limit 110, 90, 70 oder mittlerweile bei Paris sogar Tempo 50. Wo es in Frankreich flüssig läuft, ist auf Mautstrecken mit Ausweichmöglichkeit, weil da einfach die meisten letztere nehmen und erstere entspannt-leer sind. Genauso entspannt kannst du in Deutschland aber auch auf leeren Straßen am Arsch der Welt fahren, dann sogar mit 200+. (Nur wie oft fährt man schon am Arsch der Welt rum?)
Fazit1: Wer für weniger unnötige Todesopfer ist, ist für Tempo 70 auf Landstraßen und Tempo 30 in Städten
Fazit2: Wer für flüssigeren Verkehr (für die oberen 10%) ist, ist für Autobahnmaut
Wer dagegen ausschließlich Tempo 130 auf Autobahnen mit dem einen oder anderen assoziiert, ist entweder unzureichend informiert oder ein widerwärtiger Manipulator, der bewusst irreführende Darstellungen verbreitet.
Der Großteil des deutschen Autobahnverkehrs dürfte sich ohnehin auf bereits begrenzten Strecken abspielen (rund 1/3 hat ein Limit und darunter sind sämtliche dicht befahrenen Strecken in den Ballungsräumen, während eben gerade wegen den Vorschriften zur Unfallvermeidung nur die Gebiete freigegeben bleiben, in denen wenige und das unter vergleichsweise guten Bedingungen fahren) und der Rest läuft überwiegend mit Tempo 130 oder weniger. Weil die Leute freiwillig (je nach Spritkurs) oder wegen der vorliegenden Verkehrssituation nicht schneller fahren wollen. Dementsprechend wenig Einfluss hätte ein derartiges Limit überhaupt. Da geht es einzig und allein darum, Leute die ohnehin nicht schneller fahren wollen (aka die Mehrheit) von der Verpflichtung zu befreien, überhaupt mal in den Rückspiegel zu gucken, respektive anderen vorzuschreiben, was man selbst für richtig hält. Ohne sachlichen Grund jenseits dessen. Insbesondere nicht mit einem direkten Zusammenhang zu Sicherheit und Verkehrsfluss, denn die Mehrheit der EU-Länder hat trotz Limits mehr Tote auf den Straßen und man kommt dort langsamer voran, als es in Deutschland (sicher) möglich ist (wenns mal sein muss).