Keine Ahnung, ich bin kein Experte für Grenzschutz. Wie macht Ungarn das? Wie machen die USA das an der Grenze zu Mexiko? Wie macht Isreal das? Da müssen sich die Deutschen evtl. Nachhilfe holen.
Ungarn: Ungarn baut einen Zaun entlang eines Teils der EU-Grenze. "Teil" heißt, dass man Flüchtlinge schlicht nach Slowenien umleitet, denn Ungarn war eh kein beliebtes Zielland. "EU-Grenze" heißt, dass es bereits zuvor Kontrollen gab und der Grenzverkehr vergleichsweise klein von geringerer wirtschaftlicher Bedeutung war. Beides zusammen bedeutet, dass man mit wenig Aufwand das Problem auf Slowenien abschieben konnte und keine Nachteile dadurch hatte. Beides ist bei einer Schließung der deutschen Grenzen und/oder einer totalen Abschottung nicht der Fall.
USA: Sie machen es gar nicht. Die Bilder der ach-so-toll gesicherten US-Grenze stammen fast alle aus Kalifornien, weite Teile der Grenze sind nur schlecht durch technische Einrichtungen gesichert. Für 2/3 der Grenzlänge ist nicht einmal der Bau eine Zauns geplant, die Grenzsicherung wird der Wüste auf beiden Seiten der Grenze überlassen. Dementsprechend hoch ist dennoch die Zahl illegaler Einwanderer, Schätzungen zu Folge mehrere 100000 jährlich. Im Vergleich zur Größe der USA ist dass dann halt tollerierte Zuwanderung billiger und sehr gern genommener/ausgebeuteter Arbeitskräfte, nicht umsonst ist die Legalisierung von Millionen illegal im Land lebender ein Wahlkampfthema gewesen.
Im übrigen wird auch die Grenze zwar oft legal überquert, im Vergleich zur Größe der USA aber nicht annähernd so wirtschaftsrelevant, wie in Deutschland.
Israel: Sie bauen eine Mauer auf der gesamten, vergleichsweise kurzen (und durch Annektierung von Gebieten weiter verkürzten) Grenze zum Gaza-Streifen und lassen so gut wie keinen Grenzverkehr zu.
Fazit: Hier gibts keine "Nachhilfe" und bislang hat sich auch noch kein anderer "Experte für Grenzschutz" gefunden, der diese liefern könnte. Wenn die Leute, die sich mit der Sache auseinandersetzen, ausnahmslos zum Schluss "dichtmachen unmöglich" kommen, dann muss man entweder die Forderungen danach einstellen oder eben selbst zum besseren Experten werden, der ein Konzept vorlegt.
Ich warte.
Griechenland wiederrum könnte mit europäischer Unterstützung eine Flüchtlingspolitik wie Australien anwenden. Auch da wäre dann evtl. Nachhilfe angesagt. Das ganze würde dann in eine europäischen Abschottungspolitik resultieren.
Griechenland würde Flüchtlingsboote auf offener See, mehrere hundert Kilometer vor der Küste aufgreifen und sie alle auf tausend Kilometer entfernten Inseln internieren und dort versorgen?
Ich fürchte, für die Umsetzung dieses Vorschlages müssen wir erstmal ein paar Inseln finden und erobern bzw. anmieten (was sich Griechenland ebensowenig wie den Betrieb entsprechender Lager leisten kann). Und natürlich müssen wir einige Milliarden Jahre Kontinentalverschiebung abwarten.
Und zum Thema Grenzschutz:
Merkel sagte einst, man kann die Seegrenze nicht schützen. Wie macht das dann Australien ?
Siehe oben: Australien macht überhaupt nichts vergleich- oder übertragbares. Schritt 1 der australischen Grenzsicherung lautet "mehrere tausend km Wasser zwischen sich und die Herkunftsländer bringen". Das Ergebnis:
Obwohl die durchschnittliche Verweildauer in den Inhaftierungsanlagen mittlerweile bei 450 Tagen liegt, sitzen da derzeit nur 28700 Leute ein:
Asylum Seeker Resource Centre | Detention and Refugee Statistics
Macht umgerechnet keine 24000 Flüchtlinge im Jahr im Durchschnitt - und Australien nimmt gut 14000 Zuwanderer im Jahr aus humanitären Gründen auf:
Australia's Refugee and Humanitarian Program - Refugee Council of Australia
Also wie macht Australien "das"? Ganz einfach: Sie lassen über 50% der Flüchtlinge rein. Nicht auf Asyl. Dauerhaft eingebürgert.
Die Härte, für die Australien kritisiert wird, sind die Zustände in den Aufnahmelagern und die Zeit, die sehr lange Zeit, die einige Flüchtlinge da verbringen. Aber was die Aufnahmequoten als solches angeht, steht Australien nur im Vergleich zu den Einwohnern schlecht da - im Vergleich zu den Anfragen ist es ganz okay. Hat halt auch Vorteile, am Arsch der Welt zu sitzen und nicht mitten in derem wirtschaftlichen Herzen.
Und wieso reden dann viele Politiker davon Griechenland aus dem Schengenraum auszuschließen?
Populismus? Aktionismus? Stimmenfang?
Ich weiß es nicht. Aber auch wenn einige Politiker recht häufig davon reden, fallen mir zwei Dinge auf
- keiner davon hat entsprechende Anträge/Vorschläge eingebracht. Das Thema ist immer nur dann "wichtig", wenn Kameras laufen, nie dann wenn Politik gemacht wird.
- keiner hat gesagt, was das bringen soll.
Kurz: Sie kann nicht einfach mit allen Mitteln etwas versuchen durchzusetzen, wenn sich zwei Dutzend EU-Staaten mit Händen und Füßen dagegen wehren. Das wäre nämlich kein geschicktes taktieren und ausspielen, sondern die politische Zersetzung Europas.
Lang: Merkel hat schon mehrfach Dinge durchgesetzt, gegen die sich zwei Dutzend EU-Staaten gewehrt haben. Der Trick besteht darin, andere Forderungen von diesen zu akzeptieren. Genau dazu ist Merkel aber zugunsten von Flüchtlingen nicht bereit. Das macht sie nur zugunsten der deutschen Wirtschaft.
Okay, nehmen wir mal an Deutschland könnte zig Millionen Flüchtlinge finanziell stemmen. Dann blieben immer noch die logistischen und vor allem die enormen gesellschaftlichen Hürden. Die Stimmung kippt doch bereits jetzt. Betroffene Mitarbeiter sind heillos überfordert, der soziale Frieden durch immer mehr fremdenfeindliche Vorfälle in Gefahr. Noch ein Ding wie in Köln oder gar ein Anschlag in einer deutschen Hauptstadt und der soziale Sprengstoff fliegt uns um die Ohren.
Da hast du sicherlich recht und das ist der rationalere Teil von "wollen":
Mehrere Millionen Menschen binnen weniger Jahre aufzunehmen ist nicht My Little Pony. Es wäre eine massive Änderung der Gesellschaftsstruktur, auf einmal wären 2-3% der Leute, denen man begegnet Flüchtlinge. Das muss man wollen. Der Libaon z.B. hat es gemacht. Und es wäre ein großer materieller und personeller Aufwand. Dafür müssen die Bürger, wie erwähnt, entweder höhere Abgaben in Kauf nehmen und/oder der Politik klar machen, dass höhere Abgaben von der Wirtschaft nötig sind. Das muss man wollen bzw. durchsetzen. Und ja, natürlich sind -wie schon mehrfach erwähnt- unter so vielen Leuten auch mehr als genug, die Ärger machen werden und die mehrheitlich erst nach und nach durch die üblichen rechtsstaatlichen Institutionen (die entsprechend gestärkt werden müssen) davon abgebracht werden. Auch das muss man (durchstehen) wollen.
Ich poche nicht ohne Grund eher auf Ansätze, die wirtschaftlichen Druck auf andere Staaten nutzen, um diese Last nicht auf Deutschland zu konzentrieren, denn die ist alles andere als toll.
Was man aber auch ganz klar sagen muss: Es geht hier nicht um wollen ja/nein. Es geht um wollen entweder/oder. Die Alternative lautet, dass die Flüchtlinge im Kriegsgebiet bleiben oder in überlasteten, unterversorgten Lagern an der türkischen Grenze. Wo sie an Nahrungsmangel, Krankheiten, Witterung oder Waffen sterben. Das ist das, was man alternativ wollen muss, solange man keine konkreten Alternativpläne vorlegt. Das ist es, was die Vertreter von AFD-Forderungen wollen. Das ist es, was Pegida will. Willst du das? Findest du, dass dies die bessere "Lösung" ist?
Und, was man auch noch ganz klar sagen muss: Das ganze hier ist die Folge von Jahrzehnten verfehlter Wirtschafts- und Außenpolitik. Anhaltender, verfehlter Wirtschafts- und Außenpolitik. Jeder einzelne, der in seiner Eigenschaft als Wähler nicht gesagt hat "die jetzige Wirtschafts- und Außenpolitik will ich nicht", der wollte vor die obenstehende Entscheidung gestellt werden. Und auch jeder AFD-Wähler unterstützt an keiner Stelle, dass diese Fehler aufhören. All diese Menschen haben meiner Meinung nach genau gar kein Recht, sich heute mit hohlen Parolen auf die Straße zu stellen.
Diesen Menschen stehe ich genau zwei Zeilen für ihre Transparente zu:
"Ja, ich will das Deutschland Flüchtlingen hilft"
oder
"Ja, ich will das Flüchtlinge verrecken"
entscheidet euch.
Nach Klärung des "ob" kann man über das "wie" reden.
Natürlich, wir würden die Probleme auf andere Länder abwälzen, nichts anderes wäre das. Sie wären nicht gelöst, sie wären nur woanders. Aber ich finde besser woanders als hier.
Tolle Einstellung. Aber Probleme lösen sich genausowenig durch andere, wie von selbst. Die Türkei macht auch schon die Grenzen dicht. Und die Flüchtlinge, die vor dieser Grenze sterben, sind nicht Schuld allein der Türkei. Für diese Toten ist jeder Staat und jeder Unterstützer der Politik dieser Staaten verwantwortlich, der sich einer Aufnahme verschlossen hat.